Archiv der Kategorie: Sinnliche Literatur

Hier werden alle Beiträge gesammelt, die sich mit den fünf Sinnen im Rahmen der erotischen Literatur beschäftigen.

Magische Düfte

Eine Kleinstadt irgendwo an der Alaskanischen Riviera, Cicely mit Namen. Darin der Radio-DJ Chris Stevens, ein Künstlertyp, der Walt Whitman verehrt, C.G.Jung rezitiert und in seiner Freizeit aus Abfällen Kunstwerke zusammenschweißt. Einmal im Jahr wird er für die Frauen der Stadt einfach unwiderstehlich. Der neue Arzt der Stadt, Joel Fleischman, ist begeistert, auch wenn er die plötzliche Attraktion, die von Stevens ausgeht, zunächst für eine Show hält. Er macht die üblichen Tests, Testosteronspiegel, Blutwerte etc. Schließlich zieht er sogar einen befreundeten Endokrinologen zu Rate. Und dieser bestätigt: Das Phänomen ist bekannt. Offensichtlich produziert Chris‘ Körper zu einer bestimmten Zeit im Jahr eine besondere Menge Pheromone.

Zugegeben: Der Plot ist erfunden. Eine Geschichte. Wunderbar umgesetzt in der Fernsehserie „Ausgerechnet Alaska“ in der Folge „Magische Düfte“ aus Staffel 3. Ein Drehbuch von Ellen Herman, meist als Produzentin aktiv, aber auch mit zahlreichen Drehbüchern am Start, unter anderem für Melrose Place, Desperate Housewifes und Jericho. „Ausgerechnet Alaska“ gehört zu den cleversten Serien, die ich bisher gesehen habe. Auf spielerische Art verknüpft sie Ideen aus den verschiedensten Bereichen: Metaphysik, Psychologie, Literatur, Physik. Wer sie nicht kennt, unbedingt einmal reinschauen.

Ich selbst bin Fan der Serie, seit ich in dem Buch „Writing the Character-Centered Screenplay“ das erste Mal von ihr las. Andrew Horton, Professor für Film und Literatur an der Loyola University, New Orleans, erklärt in dem Buch anschaulich, wie wir unsere Geschichten über die Entwicklung von Figuren voranbringen.  „Ausgerechnet Alaska“ wird in dem Buch an etlichen Stellen als Vorbild erwähnt, analysiert und für Übungen herangezogen.

Aber zurück zu den Pheromonen. Ich habe sie in den letzten Tagen häufiger erwähnt, etwa im Zusammenhang mit dem Geschmack der Haut oder dem Geschmack des Cunnilingus. Und auch Sandra sagt mir gerade, sie habe im Zusammenhang von Gerüchen und ihre Wirkung bereits von ihnen geschrieben. Pheromone sind letztlich Botenstoffe. Etwa im Schweiß oder in den Vaginalsekreten tauchen sie auf. Intensiv untersucht wurden sie bis jetzt vor allem bei Insekten und kleineren Wirbeltieren.

Inzwischen ist aber klar, dass auch Menschen ihre Partnerwahl durch Pheromone beeinflussen lassen. Wahrgenommen werden sie durch das VNO (Vomeronasales Organ) in der Nasenscheidewand. Offensichtlich besitzt dieses Organ eine direkte Verbindung zum Hypothalamus, der die vegetativen Funkionen des Körpers steuert – und  damit auch das Steuerungszentrum für Sexualität im Gehirn ist.

Wir alle wissen, dass der Geruch einer Person mit ausschlaggebend für unsere Zu- oder Abneigung ist. Von daher scheint mir fraglich, ob es ein besonders cleverer Schachzug ist, sich mit künstlichen Pheromonen, die mittlerweile zuhauf auf dem Markt sind, einzusprühen. Allein schon deswegen, weil noch niemand in der Lage ist, die Zusammensetzung menschlicher Pheromone sicher nachzubauen. Und wer will schon seine Partnerwahl von einem Sprühfläschchen abhängig machen? Mir scheint es sinnvoller, auf die körpereigenen Pheomone zu vertrauen – weil dies die Botenstoffe sind, die tatsächlich die Signale aussenden, die uns zum richtigen Partner führen.

Bisher bewegt sich die Forschung hier im Bereich des Behaviorismus: Es gibt einige spannende Testreihen, die die Existenz und Wirkung von menschlichen Pheromonen belegen. Da ist zum Beispiel Ivanka Savic vom Karolinska Institut in Stockholm. Sie generierte aus dem testosteronhaltigen Schweiß von Männern und dem östrogenhaltigen Urin von Frauen Duftstoffe. Diese ließ sie ihre Probanden riechen, während sie unter dem Computertomographen lagen. Die Männer, die den Frauenbotenstoff rochen, reagierten mit einer heftigen Zunahme der Gehirnaktivitäten im Bereich des Hypothalamus. Ebenso ging es den Frauen beim aus dem Männerschweiß extrahierten Duft. Spannend war nun zu sehen, ob Homosexuelle eher auf den Frauen- oder auf den Männerduft reagieren würden. Das Ergebnis war klar: Nun war es der Botenstoff des eigenen Geschlechts, der zu Gefühlswallungen führte.

Auch ein anderer Test ist berühmt geworden. Kirk-Smith & Booth haben 1980 einen Test in einer Zahnarztpraxis unternommen. Dort haben sie jeweils einen Stuhl mit Pheromonen besprüht und dann einzelne Frauen den Warteraum betreten lassen. Alle Versuche zeigten das gleiche Ergebnis: Die Zahl der Frauen, die sich – ohne es zu wissen – auf den besprühten Stuhl setzte, war überproportional hoch. Wiederholungen des Tests an anderen Orten, wie dem Guy’s Hospital in London führten zum gleichen Ergebnis.

Ellen Herman hat in ihrer „Ausgerechnet Alaska“-Episode „Magische Düfte“ gezeigt, wie sich solch wissenschaftliche Erkenntnisse kreativ zu einer Geschichte umbauen lassen. Aber das ist ja das Schöne an der Kreativität: Der Ausgangsimpuls kann in völlig unterschiedliche Richtungen ausgearbeitet werden. Versucht euch doch einfach selbst einmal an einer Story, in der ihr das Wissen um die Pheromone und ihre Wirkung aufzeigt. Betrachtet es als „Writing Prompt“ – einen Schreibimpuls zum Weiterspinnen.

Sandra und ich sind uns in dem Punkt einig: Erotische Literatur sollte sich möglichst nah an der Realität bewegen. Viel zu häufig haben wir es erlebt, das Erotika und Pornographie ein völlig verzerrtes Bild von der Wirklichkeit zwischen Mann und Frau wiederspiegelten. Indem wir uns die neuesten Forschungsergebnisse im Bereich der Humanforschung ansehen und diese als Ausgangspunkt für eigene Geschichten nehmen (ohne die Leser mit unnötigem wissenschaftlichen Ballast zu nerven), sind wir automatisch näher dran an der Wirklichkeit. Wir denken, das erhöht auch die Chance, als Autoren ernst genommen zu werden.

 

 

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Berührungen

Ich hatte vor ein paar Tagen über die Frage nachgedacht, wie Haut sich anfühlt. Dabei habe ich gemerkt, dass ich mit dem Tastsinn noch nicht durch bin. In der erotischen Literatur treffen ständig Leute aufeinander, die sich gegenseitig berühren, die sich streicheln, über die Haut streichen, sich anfassen, ertasten, greifen und grapschen, die sich liebkosen und packen. Wie fühlt sich das an? Wie fühlen wir überhaupt? Welche Synonyme haben wir für die verschiedenen Arten der Berührung?

Heute also eine Wortwolke rund ums Thema Anfassen und Anfühlen. Bei den Definitionen habe ich nur jene berücksichtigt, die in direktem Zusammehang mit dem Thema stehen. Etliche Worte haben darüber hinaus weitere Bedeutungen, auf die ich hier aber nicht eingehe :

anfassen mit der Hand oder den Fingern absichtlich berühren
anfühlen etwas mit den Fingern berühren, um ein Gefühl dafür/davon zu bekommen
angreifen (lds.) süddeutsch, österreichisch für jemanden anfassen oder berühren
ankuscheln vom französischen ‚coucher‘ für schlafen, sich zu Bett legen: sich an jemanden oder etwas anschmiegen
anlangen (lds.) süddeutsch für etwas anfassen, auch speziell unsittlich berühren
anpacken fest mit den Händen fassen
anrühren  jemand oder etwas anfassen, berühren
anschmiegen  sich zärtlich irgendwo herandrücken oder anlehnen
anstreifen  leicht berühren
antasten  (selten) mit den Händen tastend anfühlen, berühren
antatschen (col.)  jemanden/etwas [tollpatschig] anfassen
antippen (col.)  leicht und kurz berühren
antupfen  etwas leicht berühren
befingern (col.)  sich mit den Fingern an etwas zu schaffen machen
befummeln neugierig betasten, untersuchen;  sexuell berühren, betasten
befühlen  etwas vorsichtig/prüfend berühren
begrabbeln (col.) schnell greifen, fassen nach, tastend befühlen, umhergreifen, herumwühlen
begrapschen (col.) in als unangenehm empfundener Weise anfassen, befühlen, betasten
begreifen (lds.)  sinnliches berühren, sinnliches ergreifen, befühlen, betasten, greifend prüfen
bekrabbeln (lds.)  befühlen, betasten (wohl Variante von grabbeln)

„Zeugts, Schwestern, sanft bekrabbelt Um Hüft‚ und Brust, Wie holdihr zuckt und rabbelt Vor Seelenlust!“ Johann Heinrich Voss

betasten  (mit den Händen) vorsichtig oder unsicher über etw. hinweggleiten, nach etw. suchen, greifen
betatschen (col.)  in plumper Art und Weise mit der Hand berühren, befühlen, anfassen
empfinden  sinnlich wahrnehmen, fühlen, spüren, (leidend) erfahren
fassen (mit der Hand) ergreifen
fühlen  mit dem Tastsinn wahrnehmen, empfinden
hätscheln  liebkosen, streicheln, verwöhnen
herzen  jemdanden ans Herz drücken, liebkosen
hinlangen (col.) an eine bestimmte Stelle langen, nach einer bestimmten Sache greifen, fassen
in den Arm nehmen  selbsterklärend
In die Hand nehmen  selbsterklärend
knuddeln  liebkosend an sich drücken, umarmen
kosen  Zärtlichkeiten, zärtliche Worte miteinander tauschen, streicheln
kraulen jemanden mit den Fingerspitzen sanft kratzen, weich und liebkosend streicheln
liebkosen  jemanden sein starkes Gefühl der Zuneigung durch vertrauliche Zärtlichkeiten ausdrücken
massieren Körperteile zur Heilbehandlung streichen, kneten oder klopfen
packen  nach jemanden derb fassen und ihn festhalten
rühren  (mit der Hand) leicht anfassen, streifen
schmiegen  (sich) zärtlich eng andrücken, sich an jmdn., etw. wohlig, behaglich anlehnen, andrücken
schmusen  salopp mit jmdm. schmusen: zu jmdm. zärtlich sein, jmdn. liebkosen
streicheln  wiederholt und sanft (als Liebkosung) mit der Hand über etw. hinstreichen
streifen  jmdn., etw. mit einer (schnellen) Bewegung leicht, flüchtig berühren
tasten  (mit den Händen) vorsichtig oder unsicher über etw. hinweggleiten, nach etw. suchen, greifen
tätscheln  jmdn., etw. leicht liebkosend klopfen, streicheln
tippen  mit dem Finger, dem Fuß leicht berühren
touchieren  etw. mit etw. (z.B. Hand, Fingern) berühren
verspüren  etw. durch die Sinne, körperlich wahrnehmen, spüren
Zärtlich sein  liebkosend, liebevoll, fürsorglich sein
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Der Geschmack des Cunnilingus

Anfang der 70er Jahre wurde Erica Jong schlagartig bekannt, als sie ihren – autobiographisch angehauchten – Roman „Angst vorm Fliegen“ auf den Markt warf. Das Buch gilt heute als Klassiker der erotischen Literatur, wurde in 27 Sprachen übersetzt und über 18 Millionen mal verkauft.

Ich mag das Buch, weil es eine dezidiert weibliche Sicht auf die Sexualität hat. Wir haben uns in massenproduzierten Pornos viel zu lange einen männlichen Blick auf das Spiel der Geschlechter gefallen lassen. Wir haben uns mokiert, bisweilen beschwert, hatten dem aber wenig mehr entgegenzusetzen als einen kleinlauten Verweis auf Anaïs Nin. Und auf Pauline Réage, die aber am Aufzeigen partnerschaftlicher Beziehungsmuster relativ wenig Interesse hatte.

Erica Jong also bestach mich von Anfang an mit ihrer Ehrlichkeit frei von Schamgrenzen. An einer Stelle schrieb sie, sie könne verstehen, wenn Männer keine Lust auf Cunilingus haben. Sie selber möge den Geschmack von Mösen auch nicht und halte es für einen Marketing-Gag, wenn in Erotica behauptet würde, der Saft sei honigsüß und lecker.

Ich selbst kann dem Geschmack meiner Genital-Sekrete auch nichts abgewinnen. Schleimig eben, etwas würzig, etwas salzig. Ein bisschen vielleicht wie Austern. Allerdings habe ich noch keine ausgedehnten Testreihen gemacht. So sollen Ernährungsgewohnheiten den Geschmack durchaus beeinflussen. Gerade geruchsintensive Nahrungsmittel – wie Ananas, Zimt oder Knoblauch – sollen sich auch  im Sekret wiederfinden lassen. Mit anderen Worten: Der Geschmack ist eben nicht immer gleich.

Bei meiner Recherche zum Thema bin ich auf einen ziemlich guten Artikel auf der Website FragBeatrice.de gestoßen. Dort heißt es zu diesem Thema:

Starke Fleischesser riechen generell strenger. Bestimmte Nahrungsmittel kann man auch in den Sekreten erschnuppern: u.a. Fisch (vor allem Krustentiere), Knoblauch,Zwiebeln, Gewürze, Spargel. Nikotin und Alkohol machen sie bitter, heftiger Zuckergenuß säuerlicher, Austrocknung (etwa wenn man zu wenig trinkt) konzentrierter und salziger. Oder in Abhängigkeit vom Monatszyklus: um den Eisprung, wenn der Scheidenschleim flüssiger ist, kann es süßlicher, fruchtiger werden.

Und dann ist da die Sache mit der Mens. Erica Jong erzählt in ihrem Buch von einer Aufnahmezeremonie der Hell’s Angels:

Den Teil davon, in dem der Neuling sein Mädchen auslecken muss, wenn sie ihre Periode hat, während alle seine Kumpel zusehen.

(Erica Jong: Angst vorm Fliegen)

Keine Ahnung, ob die Anekdote der Wahrheit entspricht, oder einfach gut erfunden ist. Fakt ist jedenfalls, dass sich der metallische Geschmack nach Blut nicht nur während der Periode selbst bemerkbar macht, sondern auch im Vorfeld bereits zu geschmacklichen Veränderungen führt und auch in der Zeit nach den Blutungen noch eine Weile wahrnehmbar ist.

Problematisch könnte der Geschmack werden, wenn der ph-Haushalt einer Frau durcheinander geraten ist. Normalerweise sorgen Bakterien dafür, dass die Scheideninnenwand gesund bleibt. Es sind im übrigen die gleichen Bakterien, die auch im Naturjoghurt aktiv sind. Insofern ist auch der geschmackliche Vergleich mit Joghurt nicht ganz von der Hand zu weisen.

Schon ein übertriebenes Reinigungsbedürfnis der Frau kann  paradoxerweise dazu führen, dass die Vagina unangenehm zu riechen und zu schmecken beginnt. Ihr ph-Wert ist viel zu hoch und irritiert die – normalerweise wunderbar funktionierenden – Selbstreinigungskräfte der Möse. Das bereitet den Boden für Infektionen, die sehr streng riechen können.

Geschmacklich niederschlagen kann sich auch der Gang zum WC. Reste von Urin an der Vulva  verändern den Geschmack beim Cunnilingus ebenfalls. Nicht jeder Mann steht auf Reste von Natursekt.

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Wie kann ich Haut beschreiben?

 Creative Writing: Haut beschreibenGerade kommt Sandra aus der Dusche. Ihrer roten Haut sehe ich an, dass sie lange unter dem heißen Strahl gestanden hat. Von ihren Haaren geht der Duft des neuen Aprikosen-Shampoos aus. Sie stellt sich  zu mir an den Schreibtisch, schaut, was ich tue. Ich umarme sie mit meiner Linken. Meine Hand liegt auf ihrem Oberarm. Noch hat sich die Feuchtigkeit nicht ganz verzogen. Ihre Haut ist aufgeheizt, fühlt sich weich an. Mit dem Mittelfinger ertaste ich die Narbe, die sie sich als Kind bei einer Impfung zugezogen hat.

Wie fühlt sich Haut an? Ein paar Fragen können helfen, die Haut eurer Protagonisten individueller zu beschreiben:

  • Ist die Haut kalt oder heiß?
  • Trocken oder feucht?
  • Rau oder zart?
  • Sauber oder verdreckt?

Indem ihr die Frage nicht nur beantwortet,  sondern auch den Grund für diesen Zustand in die Geschichte einbaut, erhaltet ihr bereits einen Subtext, eine zweite Ebene. Zum Beispiel:

Kommt die Protagonistin gerade aus der Dusche wie Sandra eben? Dann ergibt sich die Frage, ob sie zu den Leuten gehört,  die gern heißes Wasser über ihren Körper rieseln lassen, oder ob sie der sportliche Typ ist, der sich unter dem kalten Strahl der Dusche abhärtet. Davon hängt nämlich ab, ob die Haut vom Wasser noch leicht gerötet ist, ob z.B. die Nippel durch die zusammengezogene Haut aufgerichtet sind, und eben auch, ob die Haut sich kalt oder warm anfühlt.

Als was arbeitet euer Protagonist? Wenn er viel mit schwerem Gerät zu tun hat, werden seine Hände ledrig hart, bisweilen auch schwielig sein. Arbeitet er viel unter freiem Himmel, gilt dies auch für alle Partien, die häufig der Sonne ausgesetzt sind. Vom wettergegerbten Gesicht der Bauern lese ich regelmäßig. Fast schon ein Klischee, aber treffend.

Muss Haut in unseren Geschichten immer sauber sein? Je nach Zustand kann sie fettig, schmierig, glitschig, schlüpfig, klebrig sein. Unter einer Schicht Dreck wird sie stumpf.

Geht euer Protagonist regelmäßig zur Maniküre oder  Pediküre? Natürlich hat das Auswirkungen darauf, wie seine Haut sich an Händen und Füßen anfühlt. Sie sind entweder weich und glatt, oder verhärtet und rau.

Aber schon das Wetter kann unsere Haut kurzfristig verändern. Bei kaltem Wetter kann es zu Gänsehaut kommen. Die kleinen Härchen auf den Armen richten sich auf und an ihren Ansätzen bilden sich kleine Hügel. Die Haut zieht sich vor Kälte zusammen. Sie fühlt sich kalt an, vielleicht sogar zittrig, frostig, eisig, wenn euer Protagonist gerade aus der Kälte in die Wohnung zurückkommt.

Bei heißem Wetter hingegen ist Haut oft feucht, verschwitzt, zumindest aufgeheizt und warm.

Die Haut alter Menschen wird oft trocken, bisweilen auch rissig oder runzelig. Diesen Zustand nennt man auch schrundig, bzw. zerschrunden. Ebenfalls bedingt durch das Alter wird sie zunehmemd schlaff und faltig, später auch verhornt und ledrig.

Das Fass „Hautkrankheiten“ mit den damit verbundenen Besonderheiten der Haut will ich an dieser Stelle gar nicht aufmachen. Ich habe überlegt, ob es in einer erotischen  Geschichte überhaupt thematisiert werden kann. Dann aber erinnerte ich mich an die Mutter aller romantischen Liebesgeschichten, Eric Segals „Love Story“ , die ohne die Krebserkrankung der Protagonistin Jenny viel ihres dramatischen Potentials verloren hätte. Warum also nicht auch eine Erkrankung thematisieren?

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Der Geschmack der Haut

Creative Writing: Der Geschmack der HautDeine Zunge gleitet über die Haut der Liebsten, spielt mit ihren Lippen, fährt den Hals hinab, durch die Drosselgrube hinauf zu den Vorhöfen der Brust, spielt mit den Nippeln, tastet sich über die Rippenbögen und versinkt einen Moment in den Tiefen des Bauchnabels. Was schmeckst Du? Wie beschreibst Du den Geschmack der Haut?

Der Eigengeschmack der Haut ist leicht salzig. Das liegt an ihrer Funktion. Durch die zahllosen Schweißdrüsen wird unter anderem die Körpertemperatur reguliert. Außerdem sind im Schweiß Pheromone enthalten, die beim Sex und der Fortpflanzung eine wichtige Rolle als Signalstoffe spielen. Unter normalen Umständen ist also der salzige Geschmack der Haut ideal für den Sex.

Anders sieht es aus, wenn sich der Partner vor kurzem mit körperfremden Substanzen eingeschmiert hat. Über das Problem des bitteren Geschmacks von Duschgels hatte ich gestern bereits ausführlich geschrieben. Ähnlich geschmacksändernd können aber auch Hautlotionen, Sonnenmilch oder sogar Parfüms sein. Da dies ein Blog für den Bereich Creativ Writing ist, können solch bitteren Geschmackserfahrungen immer dann eingesetzt werden, um eine Illusionsblase zerplatzen zu lassen. Die bittere Erfahrung nach dem großen Werben. Oder so.

Da erotische Literatur immer auch mit der Erwartungshaltung der Leser spielen sollte, besteht die Möglichkeit, den Geschmack der Haut dadurch zu verändern, dass sie mit aromatischen körperfremden Substanzen eingeschmiert wird. Zum Klischee verkommen ist mittlerweile die Schlagsahne. Auch Honig und Nutella sind mittlerweile in Geschichten so oft verschmiert worden, dass sie keinen wirklichen Überraschungseffekt mehr bieten. Aber Kühlschrank und Lebensmittelregal bieten zum Glück ja eine reichhaltige Auswahl. Ich würde jungen Autoren immer raten, eine Liste anzulegen, die ersten drei  Ideen zu streichen (weil zu naheliegend), um dann auf den vierten Eintrag zurückzugreifen.

Eine weitere unorthodoxe Methode, den Geschmack der Haut zu variieren, habe ich bei einem Versand für Sextoys gefunden. Mittlerweile existieren Massageöle mit Geschmack, zum Beispiel mit Vanille, Erdbeere oder Banane. So macht eine tiefenentspannende Massage als Vorspiel für den Sex gleich doppelt Sinn. Zum einen lässt sich eine Massage ganz wunderbar dafür nutzen, die Körperregionen des Partners in aller Ruhe zu erkunden und zu stimulieren. Und zum anderen macht es verstärkt Lust darauf, die Haut anschließend mit dem Mund zu erkunden.

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Der Geschmack nach Seife

Unsere Zunge kann wenig mehr identifizieren als süß, sauer, salzig und bitter. Andererseits gibt es Weinconnaisseure, die über Geruch und Geschmack die Lage jedes guten Weins erkennen können. Geschmack hat als auch mit  Erfahrung und Vergleich zu tun. So erzählte mir Peter einmal, es sei völliger Unsinn, sich als Anfänger einen Wein für über hundert Euro zu kaufen. Die ungeübten Geschmacksnerven seien gar nicht in der Lage, den Unterschied zu einem deutlich billigeren Wein herauszuschmecken.

Ich denke an unsere Katzen Mandu und Tharsis , die ihren Futternapf nicht mehr anrühren, wenn ich ihn einmal gedankenlos mit Spülmittel ausgewaschen habe. Schon der Geruch schreckt sie ab. Und ich ahne, sie schmecken den Unterschied auch.

Einmal habe ich beim Abwasch die Flasche mit Spülmittel mit jener verwechselt, mit der Sandra gerade den Boden gewischt hatte. Da wir kurz vor unserem Umzug in die Elbvororte standen, herrschte überall ein gewisses Chaos. Und da beide Laugen nach Zitrone rochen, merkte ich den Fehler erst, als ich nach dem Abwasch alles wieder an seinen Platz zurückstellte. Und sich dort bereits eine Flasche befand.

Ich hatte den Vorfall bereits wieder vergessen, als wir mit unseren Umzugshelfern gemeinsam zu Abend aßen. Ralf, sonst nicht für Direktheit bekannt, verzog irritiert sein Gesicht. Was für Gewürze ich beim Kochen benutzt habe, wollte er wissen. Auf die Idee, Sandra könne das Essen versaut haben, kam er gar nicht. Tatsächlich schmeckte das Essen etwas seltsam. Ich brauchte ein wenig, um zu begreifen, dass der Grund die Teller waren.

Seit damals kann ich unsere Katzen verstehen. Für ihre sieben mal stärkeren Geruchsnerven muss ein mit Spülmittel abgewaschener Fressnapf ähnlich unappetitlich sein wie für mich der mit Bodenreiniger gespülte Teller. Zwar sind ihre Geschmacksnerven lange nicht so ausgeprägt wie bei uns. Sie verfügen gerade über 500 Geschmacksknospen – während wir circa 9000 von ihnen besitzen. Aber unser subjektives Geschmacksempfinden setzt sich nicht nur durch die Rezeptoren auf der Zunge zusammen, sondern entsteht in hohem Maß durch Aromen, die vom Geruchssinn wahrgenommen werden.

Warum komme ich in diesem Blog überhaupt auf Katzen und Spülmittel zu sprechen? Weil wir in einer immer steriler werdenden Zeit oft nur noch nach Seife schmecken, wenn wir miteinander ins Bett steigen. Für viele ist die Dusche vor dem Koitus selbstverständlich geworden. Aber was dabei herauskommt, ist, dass wir mit unseren Geschmacksknospen eben auch nur die Seife oder das Duschgel erleben. Kein Wunder, wenn das sinnliche Erlebnis oft sehr reduziert wird.

Wenn wir unsere Geschichten entwickeln, sollten wir das im Hinterkopf behalten. Die Dusche im Vorfeld nimmt uns eine Reihe von Möglichkeiten, ein rundherum sinnliches Erlebnis zu beschreiben. Sie reduziert nicht nur das Geschmackserlebnis auf „bitter„, sondern wirkt sich gleichzeitig auf den Geruch aus. Ich muss dabei an Woody Allen denken: „Glauben Sie auch, dass Sex schmutzig ist?“ – „Ja, aber nur, wenn er wirklich gut ist.“

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Den Geruch von Räumen beschreiben

„Als erstes fällt mir der Geruch auf: nach Leder, Holz, Politur mit einem leichten Zitrusduft.“
aus: E.L.James: Shades of Grey – Geheimes Verlangen

Eine Seite lang beschreibt E L James Christian Greys „Kammer der Qualen“, bevor sie in der Handlung voranschreitet. Sie beginnt ihre dezidierte Beschreibung mit dem Geruch des Raumes. Als ich diese Stelle nachschlage, kommt sie mir viel kürzer vor als beim ersten Lesen. Was wohl daran liegt, dass sich beim ersten Lesen sofort ein ganzes Universum an Bildern aufgetan hat, die mit diesen Gerüchen verbunden sind. Ich lese nicht nur vom Geruch des Leders, sondern assoziiere sofort Gegenstände, die diesen Geruch verströmen. Ähnlich beim Holz. So funktioniert unser Gehirn. Es assoziiert Bekanntes.

Zugegeben: James Beschreibung ist nicht übermäßig literarisch. Und doch hat sie ein wichtiges Prinzip sinnlichen Schreibens begriffen. Gerüche sind oft das erste, was uns an einem neuen Raum auffällt. Deswegen macht es auch wenig Sinn, eine solche Beschreibung an einen späteren Platz des Textes zu stellen. Außer vielleicht, wenn ein neuer Duft in die Szenerie einbricht, sei es bei Ausbruch eines Feuers, oder weil einer der Protagonisten mit starkem Eigengeruch/Parfüm den Raum betritt.

Gerade in der sinnlichen Literatur ist es wichtig, den Gerüchen ihren Platz einzuräumen. Sandra hatte an anderer Stelle (s. Gerüche und Wirkungen) schon einmal darauf hingewiesen. Und der beste Platz für eine solche Beschreibung ist immer dann, wenn unser Protagonist etwas Neues erkundet, sei es ein Raum oder ein Mensch.

In ihrem Buch „Writing Vivid Settings: Professional Techniques for Fiction Authors“ hat die Autorin Rayne Hall auf dieses Prinzip hingewiesen. Sie sagt: „Ein einziger Satz über Gerüche kann mehr über einen Raum verraten als mehrere Absätze visueller Beschreibungen. Das ist hilfreich, wenn Du Deine Beschreibungen kurz halten willst.“

Sie erinnert daran, dass Gerüche sofort Emotionen wecken. Indem wir mit angenehmen oder unangenehmen Gerüchen arbeiten, können wir sehr schnell positive oder negative Gefühle beim Leser heraufbeschwören. Nehmen wir uns noch einmal den Einstieg von E. L. James vor. Mit wenigen Worten malt sie ein Bild von Reichtum (neues Leder), Wohligkeit (zumindest wirkt der Geruch von Holz bei mir immer sehr beruhigend. Wahrscheinlich ist das ein Effekt der Ikea-Sozialisation) und Sauberkeit (Zitrus-Politur). Sofort haben wir die Spannung zwischen verunsicherndem Reichtum und beruhigender Solidität, in der Ana sich derzeit ohnehin befindet. Unterstützt mit dem Wissen: Hier geht alles sauber zu. Zusammengefasst in wenig mehr als drei Geruchsnoten.

Euer Marc

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Geräusche in der erotischen Literatur

Geräusche in der erotischen LiteraturSandra am Schreibtisch, über irgendwelche Papiere gebeugt. Ich selbst sitze im Sessel, ein paar Meter weiter, lese am Kindle einen erotischen Roman. Höre, wie sie mit den Blättern raschelt, gelegentlich auf die Tastatur ihres Laptops einhämmert. Ein tiefes Seufzen entfährt ihr, das ganz aus dem Inneren zu kommen scheint. Langgezogen, mit viel Timbre in der Stimme.

Ich kenne das Geräusch aus einem völlig anderen Zusammenhang. Und obwohl ich weiß, dass Sandra in diesem Augenblick lediglich über eine Aufgabe seufzt und damit die ganze Schwere ihres Daseins beschreibt, sind bei mir sofort völlig andere Bilder wachgerufen. Szenen erotischer Leidenschaft, Bilder vom Sich-Fallenlassen und Getragen-Werden. Momente, in denen Sandra beim Liebesspiel sich selbst vergisst und in den gemeinsamen Rhythmus findet. Geräusche wecken Assoziationen.

Ich mag es, wenn sie laut durch den Mund atmet. Obwohl wir seit Jahren zusammen sind, erregt mich dieses Geräusch noch immer. Sofort weckt es Erinnerungen an Momente, in denen sie neben mir im Bett liegt, ihren warmen Körper an meinen gekuschelt, ihr Mund dicht an meinem Ohr. Wo ich ihre Reaktion auf meine Berührungen sofort höre, in jedem Stocken ihres Atems, in der Veränderung des Atemtempos, in der Art, wie sie scharf die Luft einzieht, wenn meine Finger sie erschaudern lassen.

Warum beschränken sich Geräusche in der erotischen Literatur so oft auf Stereotype? Warum passiert so wenig mehr als das übliche Aufstöhnen beim Eindringen?

Wenn ich über das Thema „Geräusche in der erotischen Literatur“ nachdenke, bin ich sofort bei Henry Miller. Ich glaube, es war im „Wendekreis des Krebses“. Van Norden erzählt Carl eine Geschichte, belanglos eigentlich. Es geht um irgendeine Eroberung. Aber dann erwähnt er dieses schmatzende Geräusch, mit dem er das Geschlecht einer jungen Frau öffnet. Und dieses Schmatzen lässt den Autor nicht mehr los, verfolgt ihn. Dieser Laut macht die Geschichte, die Van Norden bis dahin für Aufschneiderei hielt, glaubwürdig. Und Henry, der Autor, benutz die gleiche Episode dann später auch in einem zweiten Band, in „Stille Tage“, soweit ich mich erinnere. Er muss selbst von diesem Laut fasziniert gewesen sein, von seiner Wirkung in der Literatur. Hier mal der Originalton:

Er sagt, sie habe mit über die Stuhllehne baumelnden Beinen dagesessen, und plötzlich, sagt er, habe es ihn überkommen. Das war, nachdem er es bereits ein paarmal mit ihr getrieben hatte … nachdem er das Spielchen mit dem Matisse gemacht hatte. Er lässt sich auf seine Knie nieder – stell dir vor! – und mit seinen zwei Fingern … nur den Fingerspitzen, wohlgemerkt … öffnet er die kleinen Blumenblätter … sksch – sksch … ganz einfach so. Ein lebriges kleines Geräusch … fast unhörbar. Sksch – sksch! Lieber Gott, ich höre es die ganze Nacht hindurch!

Das Rascheln von auf den Boden fallenden Kleidern fällt mir ein. Liebe ist voller Geräusche, Sex ist voller Geräusche. Hier würde sich ein Kompendium lohnen, beginnend mit den diversen menschlichen Lauten, dem Streichen von Händen über Stoff, dem leisen Öffnen eines Knopfes, bis hin zu den extatischen Schreien eines sich ankündigenden Orgasmus. Ich bin mir sicher: Erotische Literatur lebt davon, dass alle fünf Sinne angesprochen, ja orchestriert werden. Je besser das gelingt, desto größer die Chance, aus dem Einheitsbrei der Massenware herauszustechen. Oder, um es eine Nummer kleiner auszudrücken: Zumindest wollen Sandra und ich diesen Weg gehen. Wir würden uns freuen, wenn ihr uns über diesen Blog begleitet.

Euer Marc

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Gerüche und ihre Wirkung

Gerüche und ihre WirkungIhr Schweiß duftete so frisch wie Meerwind, der Talg ihrer Haare so süß wie Nussöl, ihr Geschlecht wie ein Bouquet von Wasserlilien, die Haut wie Aprikosenblüten …, und die Verbindung all dieser Komponenten ergab ein Parfum so reich, so balanciert, so zauberhaft, dass alles, was Grenouille bisher an Parfums gerochen, alles, was er selbst in seinem Inneren an Geruchsgebäuden spielerisch erschaffen hatte, mit einem Mal zu schierer Sinnlosigkeit verkam. Hunderttausend Düfte schienen nichts mehr wert vor diesem einen Duft. Dieser eine war das höhere Prinzip, nach dessen Vorbild sich die anderen ordnen mussten. Er war die reine Schönheit.

Ich erinnere mich noch gut an das Jahr 1985. Patrick Süskinds „Das Parfum“ war gerade auf dem Markt erschienen und wir liefen schnuppernd durch die Gegend. Wir hatten einen unserer Sinne neu entdeckt und nahmen die Welt nun mit der Nase wahr. Alles war Geruch. Jeder Busch verströmte seinen eigenen Duft, wir rochen den herannahenden Regen ebenso wie den frisch gebrühten Kaffee. Und selbst die Liebe erlebte eine zusätzliche Dimension, weil wir uns nicht mehr nur in die Begegnungen zweier Hautflächen fallen ließen, sondern anfingen, intensiv aneinander zu riechen.

Berühmt geworden ist die Depesche Napoleons an seine Geliebte Josephine: „Komme morgen nach Paris zurück. Wasch dich nicht.“ Das klingt zunächst schräg. Aber Liebe geht durch die Nase. Wir entscheiden anhand des Geruchs, wen wir uns als Partner suchen. Auch wenn wir uns dessen meist nicht bewusst sind.

Inzwischen gibt es sogar Parfüms, die künstliche Pheromone enthalten. Also jene Stoffe, die wir mit Deos, Aftershaves und eben Parfüms erst einmal überdecken. Und die eigentlich dafür da sind, uns bei der Wahl des idealen Partners zu helfen. Nicht umsonst lassen die schönsten Abendkleider die Achseln frei. In der Achselregion nisten die meisten Duftdrüsen.

Aber es geht in diesem Blog nicht um Kulturkritik, sondern um den Versuch, Erotik mit allen Sinnen fassbar zu machen. Und hier bietet der Geruch erstaunlich viele Möglichkeiten, die in der Literatur oft hintenüber fallen. Dabei kann eine gut geschriebene Textpassage das Geruchsgedächtnis des Lesers aktivieren und ihm etwas bieten, was die Internetclip-Erotik ihm nicht geben kann. Also einen echten Mehrwert.

Nehmen wir einmal folgende Passage aus Laura Esquivels „Bittersüße Schokolade“:

„Ihr Schweiß war rosa und strömte einen durchdringenden, wahrhaft betörenden Rosenduft aus. […] Im Handumdrehen hatte der Rosenduft, den ihr Körper ausströmte, sich in beträchtlichem Umkreis verbreitet. Ja, er war bis über das Dorf hinaus vorgedrungen, wo die Revolutionäre und die Federales, die regimetreuen Truppen, sich soeben eine blutige Schlacht lieferten. Unter ihnen tat sich jener Villa-Anhänger, der eine Woche zuvor in Piedras Negras Einzug gehalten hatte und Gertrudis auf dem Dorfplatz begegnet war, durch besondere Tapferkeit hervor.
Eine rosige Duftwolke erreichte ihn, hüllte ihn ein und bewirkte, dass er unversehens in wildem Galopp Mama Elenas Farm entgegeneilte. Ohne zu wissen warum, hatte Juan, so hieß dieser Mann, dem Schlachtfeld den Rücken gekehrt und dort einen der Feinde mehr tot als lebendig zurückgelassen. Eine höhere Macht lenkte sein Tun. Er wurde vom überwältigendem Verlangen getrieben, so schnell wie möglich an einem nicht näher bestimmten Ort nach etwas Unbekanntem zu suchen. Dieses zu finden fiel ihm freilich nicht schwer. Er brauchte nur dem Duft von Gertrudis‘ Körper zu folgen.“

Völlig abgesehen davon, ob der Leser mit dieser Form mexikanischer Übertreibung etwas anfangen kann oder nicht: Der Duft von Rosen, vielleicht gepaart mit einer dumpfen Kopfnote sauren Schweißes, wird ihn für eine Weile begleiten.

Er kann sich auch kaum dagegen wehren. Das liegt daran, dass im Gehirn beim Lesen dieser olfaktorischen Schlüsselbegriffe die gleichen Bereiche angeregt werden, die auch bei der tatsächlichen Wahrnehmung von Gerüchen aktiv sind. Dies ist spätestens seit einer Untersuchung der spanischen Universität Jaume I Castelló bekannt, die ihre Probanden mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRI) gemessen haben. Sie blendeten den Testpersonen Wörter auf einem Monitor ein und schauten, wie diese darauf reagierten. Das Gehirn reagierte genauso, als habe es den Geruch tatsächlich wahrgenommen. Es war also nicht zu unterscheiden zwischen literarischer und stofflicher Wirklichkeit.

Als Autoren können wir uns dies zunutze machen, indem wir unsere Protagonisten sich hemmungslos beschnuppern lassen. Ob dies nun der Geruch von Seife direkt nach der Dusche ist, ob das Parfüm, das sich die Liebste aufgelegt hat, ob Achselschweiß oder der sehr spezielle, animalische Duft der Intimregion, mag der jeweilige Plot entscheiden. Ich will an dieser Stelle einfach Mut machen, sich in diesem Bereich einmal literarisch zu versuchen.

Um zu sehen, wie sich Gerüche am besten beschreiben lassen, empfehle ich euch zum Einstieg die (nochmalige) Lektüre von Süskinds „Das Parfum“. Immerhin geht es darin auf über dreihundert Seiten um den natürlichen und künstlichen Geruch der Menschen. Macht euch eine Liste jener Sätze, mit denen er Gerüche beschreibt. Auf diese Art habe ich mir ein Gespür für die verschiedenen Techniken angeeignet, mit denen er Gerüche literarisch verarbeitete. Und Süskind hat sich lange Gedanken gemacht, damit seine Beschreibungen nicht stereotyp wirkten.

Alles Liebe,
Sandra

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Die Funktion erotischer Details: Imogens Leberfleck

Die Funktion erotischer Details: Imogens LeberfleckBereits seit Tagen geht mir ein Leberfleck nicht mehr aus dem Sinn. Nun ist es nicht so, dass ich nicht schon eine ganze Reihe Leberflecken, durchaus auch an pikanten Stellen, gesehen hätte. Insofern bin ich selbst etwas verwundert darüber, dass dieses Bild mich verfolgt, seit ich das erste Mal davon gelesen habe.

Aber mit diesem Fleck hat es eine besondere Bewandtnis. Er sitzt an der Seite der linken Brust einer schönen, jungen Frau. Imogen heißt sie und ist die Tochter von König Cymbeline in der gleichnamigen, wenig bekannten Tragödie von Shakespeare.

In vielerlei Hinsicht ist das Stück eine Vorübung zu „Romeo und Julia“. Aber ein Plottwist dreht sich eben um jenes Muttermal. Und weil ihm in der Geschichte so viel Aufmerksamkeit gewidmet wird, bleibt dieses Detail eben auch besonders haften.

Imogen ist auf Wunsch des Vaters mit Prinz Cloten verlobt, aber heimlich in den jungen Posthumus verliebt. Nun heiratet sie gegen den Willen des Vaters Posthumus. Der wird postwendend nach Italien verbannt.

Zum Abschied gibt er Imogen ein Armband und erhält im Gegenzug von ihr einen kostbaren Ring. Auf diesen Ring nun hat es der Soldat Iachimo abgesehen. Er schlägt Posthumus eine Wette vor: Mit einem verbannten Mann wird es Imogen nicht lange allein aushalten, und es wird ihm, Iachimo, ein Leichtes sein, sie zu verführen:

Die Eure, deren Festigkeit Ihr für so unerschütterlich haltet. Ich setze zehntausend Dukaten gegen Euren Ring, mit dem Beding, Ihr empfehlt mich an den Hof, wo Eure Dame lebt, ohne mehr Begünstigung als die Gelegenheit eines zweiten Gesprächs, und ich bringe von dort diese ihre Ehre mit, die Ihr so sicher bewahrt glaubt.

In der Tat lässt Imogen den Soldaten gnadenlos abblitzen. Der verfällt daraufhin einer List. Er, der ja immerhin ein Empfehlungsschreiben ihres Mannes mit sich führt, bittet die Prinzessin, eine Truhe bei ihr abstellen zu dürfen, die seinen wertvollsten Besitz enthält. Imogen lässt dies zu, die Truhe wird geliefert und im Schloss abgestellt.
Nachts klettert Iachimo selbst aus der Truhe heraus, schleicht sich zum Schlafgemach der Prinzessin und begutachtet sie ausgiebig. Dabei entdeckt er auch ihren Leberfleck an der Seite der Brust. Als zusätzlichen Beweis, dass er bei ihr war, entwendet er noch das besagte Armband.

So kehrt er zurück nach Italien und behauptet Posthumus gegenüber, die Wette gewonnen zu haben. Er gibt ihm das Armband und beschreibt ausführlich das Schlafgemach der Prinzessin. Doch Posthumus bleibt skeptisch. Er gibt sich erst geschlagen, als Iachimo ihm das Muttermal beschreibt:

Wenn Ihr fordert noch stärkre Proben: Unter ihrer Brust, so wert des Druckes, ist ein Mal, recht stolz auf diesen süßen Platz. Bei meinem Leben, ich küßt es, und es gab mir neuen Hunger zu frischem Mahl nach dem Genuß. Erinnert Ihr Euch des Mals?

Diese Geschichte – und meine Reaktion darauf – lässt mich neu über die Funktion erotischer Details nachdenken. Was macht unsere Protagonisten unverwechselbar? Was sind die Einzelheiten der Körper, die sich dem Leser über Tage hinweg einprägen?

Wir brauchen nicht darüber zu reden, dass Floskeln wie „ein wunderschöner Busen“ etc. zu den Nullaussagen gehören, die sofort nach dem Lesen wieder vergessen sind und oft wohl nicht mal ein Bild evozieren. Das Gehirn ist nicht in der Lage, solche wertenden Urteile in Bilder zu übersetzen. Daher bleibt die Beschreibung blass. Im besten Fall legt der Leser an dieser Stelle das Buch aus der Hand und stellt sich eine Brust vor, die er persönlich „wunderschön“ findet. Er ruft also Bilder hervor, die ohnehin schon in ihm abgelegt sind. In diesem Fall aber zeigt Literatur nichts Neues auf, sondern beruft sich auf Altbekanntes. Für den Leser gibt es keinen Grund, diese Bilder mit einem Autorennamen zu verbinden.

Nun haben wir in den seltensten Fällen in Kurzgeschichten den Raum, eine Frau vom abgebrochenen Zehennagel, über das Bachnabelpiercing, bis zur herauswachsenden Farbe am Haaransatz zu beschreiben. Umso wichtiger ist es für uns, jene Details hervorzuheben, die sich dem Leser einprägen sollen und so die Protagonisten unverwechselbar machen. Genau so, wie wir, wenn wir einen Raum beschreiben, auch nur die wichtigsten Elemente pars pro toto erwähnen.

Denn das ist ja die Funktionsweise unseres Gehirns: Beim Lesen werden Bilder erzeugt, und je spezifischer ein Autor diese Bilder malt, desto länger bleiben sie haften. Wenn ich es schaffe, dass einem Leser eine Beschreibung über Tage hinweg nicht aus dem Kopf geht, habe ich ihn für mich gewonnen. Das ist so effektiv wie ein dauernd wiederholter Werbejingle im Radio.

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