Sandra Manther: Bühnenangst
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Sandra Manther: Bühnenangst

Cover Bühnenangst - von Sandra MantherEine Geschichte, die ich schon lange im Kopf hatte, ist “Bühnenangst“. Jedes Mal, wenn ich im Kino oder im Theater eine Nackszene sehe, frage ich mich, wie es wohl den Schauspielern bei ihrer ersten Annäherung an die Rolle ging. Welche Rolle spielt die Scham, die Unsicherheit? Sind wirklich alle Schauspieler verkappte Exhibitionisten? Und wenn nicht: Wie bereiten sie sich auf ihre Rolle vor?

 

Worum geht es:

Der Regisseur Ralf Kürtner probt das Stück “Angst” des Albaners Aleksandër Caliqi. Und beschließt, einen langen, monologischen Seelenstriptease seiner Protagonistin mit einer symbolischen Dynamik zu unterstreichen. Für Anna, die sich ohnehin ständig von den Blicken der Männer taxiert fühlt, ist das ein Gang durch die Hölle. Aber sie erlebt etwas, das für jeden Schauspieler eine existenzielle Erfahrung ist: Je mehr sie sich selbst aufgibt, desto stärker wächst sie in ihre Rolle hinein.

Leseprobe:

„Die Szene funktioniert so nicht. Sie ist zu statisch“, rief Kürtner wütend zur Bühne hinauf. Anna merkte, wie sie anfing zu schwitzen. Zwei Jahre Vorsprechen, Absagen, kleine Nebenrollen, neue Absagen. Jetzt ihre erste Möglichkeit, wirklich auf sich aufmerksam zu machen: eine Hauptrolle in „Angst“, dem aktuellen Stück des Albaners Aleksandër Caliqi. Sie sah hinunter zu Kürtner, der mit gerunzelter Stirn vor der Bühne auf und ab ging. Ein paar Schauspieler saßen in den Reihen. Auch Sandra, ihre Zweitbesetzung, die kaum merklich lächelnd Annas Misserfolg beobachtete.
Unangenehm berührt sah Anna auf Sandras dünnes, hellblaues Top, das die Spitzen ihrer Brüste unzweideutig hervortreten ließ. „Sandra würde mit einem Regisseur auch ins Bett gehen, wenn es ihrer Karriere helfe“, dachte sie.
Kurz versuchte sie, sich vorzustellen, wie sie selbst in diesem Top aussähe. Wie sich ihre eigenen Brüste unter dem Stoff abzeichneten. Sie spürte, wie ihre Haut sich zusammenzog und auf ihren Armen kleine Pusteln aufwarf. Sie war ausgesprochen schamhaft, vielleicht zu schamhaft, um wirklich erfolgreich zu sein.
„Anna“, hörte sie Kürtner sagen. „Dein Monolog dauert fünf Minuten. Du kannst nicht erwarten, dass dir die Zuschauer fünf Minuten lang an den Lippen hängen, ohne dass du mehr tust als von links nach rechts zu gehen.“
Sein Blick wanderte über das Dekor, blieb am Küchentisch hängen, an dem Frank saß, der den Hausfreund Pjeter spielte, ging weiter zur Spüle, zum Fenster. Schließlich schüttelte er den Kopf. Anna merkte, dass sie kaum atmete.
„Wir brauchen eine Parallelhandlung. – Anna, in deinem Monolog legst du Frank dein Innerstes bloß. Du erzählst ihm Dinge, die du noch nie jemandem anvertraut hast.“
Anna nickte. Natürlich hatte sie die Rolle verstanden. Sie hatten während der Proben ausführlich über die psychologische Entwicklung der Figur geredet.
„Wir sollten versuchen“, fuhr Kürtner nachdenklich fort, „diesen Seelenstriptease mit einer symbolischen Dynamik zu unterstreichen. Anna, ich möchte, dass du dich, während du redest, ausziehst.“
Anna sah ihn erschrocken an. Meinte er das ernst? Sicher, sie hatte sich nach einem großen Part gesehnt. Aber sie hatte die Rolle der Marie auch darum angenommen, weil es in ihr keine peinlichen Szenen gab.
„Was, bitte, soll ich ausziehen?“ Sie bemühte sich, ruhig zu wirken.
„Anna, Schätzelchen! Wenn du nicht bereit bist, alles zu geben, hast du im Theater keine Zukunft.“ Er zögerte einen Moment. „Ich weiß nicht, wie weit du gehen mußt. Es hängt davon ab, wie sich die Szene jetzt entwickelt. Fang einfach mit Stiefeletten und Socken an, dann werden wir sehen. Können wir das einmal ausprobieren?“
Anna wollte protestieren, wagte es nicht und nickte nur verunsichert. Sie versuchte, sich auf ihre Rolle zu konzentrieren, sich vorzustellen, sie sei Marie, eine albanische Frau inmitten der Bürgerunruhen des Frühjahrs 1997. Aber in ihrem Magen rumorte es. Die Vorstellung, sich vor ihren Kollegen Stück für Stück zu entblättern, gefiel ihr gar nicht. Mit jedem abgelegten Kleidungsstück würde sie mehr von ihrem Körper präsentieren.
Und was, wenn Kürtner seinen neuen Einfall für pubikumstauglich hielt und sie zwänge, sich jeden Abend, bei jeder Vorstellung neu zu entblößen?
Eric, der Techniker des Theaters, schaltete das Tonband ein und über Lautsprecher hörte Anna leise Maschinengewehrsalven. Sie stellte sich wie besprochen ans Fenster und begann ihren Monolog: „Wissen Sie, es sind nicht die Rebellen, vor denen ich mich fürchte. Ich habe mir oft ausgemalt, wie es wäre zu sterben: Das leise Pfeifen der Granaten, die Detonationen, all dies schreckt mich nicht mehr.“
Sie holte tief Luft und hob ihren Fuß, um die Stiefelette zu öffnen. „Ausziehen“, dachte sie zitternd, bemüht, nicht in den Zuschauerraum zu sehen, wo Kürtner saß, und Sandra, und die andere Crewmitglieder, die momentan nichts zu tun hatten.
„Stop!“, rief Kürtner. „Das ist noch völlig unmotiviert. Es soll nicht so aussehen, als ob Marie schlafen gehen wolle. Anna, du schaust erst einmal wie besprochen aus dem Fenster. Dann, wenn Frank anfängt zu grinsen, gehst du zu ihm und schenkst ihm einen Muckefuck ein. Also los.“
„All dies schreckt mich nicht mehr“, wiederholte Anna, und wünschte sich, es würde stimmen. „Das Sterben mag grausam sein, aber im Tod endet das Grauen. Es ist das Leben, das mich ängstigt.“
Sie drehte sich um, und es gelang ihr, sich vorzustellen, dass am Tisch nicht Frank, sonder Pjeter, der Freund ihres Mannes Idajet säße. Sie ging zu ihm, nahm die Kaffeekanne vom Ofen und bot ihm eine Tasse an, während sie weiterredete.
„Nein, lachen Sie nicht, ich meine es ernst. Einst war ich wie Sie. Ich liebte mein kleines Leben, mein dörfliches Glück, wenn Sie so wollen. Idajet verdiente gut, Sie wissen es. Und selbst nach dem Zusammenbruch der Anlagegesellschaften blieb noch genug, um sorgenfrei zu leben. Aber …“
Sie wartete auf ein Zeichen Kürtners, aber im Zuschauerraum blieb es still. Für einen Moment hoffte sie, er hätte seine Idee fallengelassen. Ihre Schultern entspannten sich und sie atmete tief ein, bevor sie weitersprach.
„Ich weiß es noch genau“, fuhr sie fort, „vor zwei Jahren, an einem kalten Novembermorgen, Idajet war gerade zur Kolchose aufgebrochen, da fiel mein Blick auf mein Antlitz auf den alten Flurspiegel. Ich kam mir seltsam fremd vor. Was ich sah, war nicht ich, sondern das Zerrbild einer guten Ehefrau. Ich sah Idajets Frau, und ich erkannte mich nicht in ihr. Da war nichts von dem, was einst mein Wesen ausgemacht hatte. Alles an mir war Maske, war Lüge. Und von einem Augenblick auf den anderen überfiel mich diese Angst, die mich seitdem nicht mehr losgelassen hat.“
„Wunderbar“, rief Kürtner. „Schon viel authentischer. Setz dich nun an den Tisch und fang an, dich auszuziehen. Hier stimmt es!“
Ihr Puls pochte in den Schläfen. Ein leichtes Zittern fuhr durch ihren Körper und sie hoffte, niemand im Zuschauerraum würde es bemerken. Es fiel ihr schwer, nicht aus der Rolle zu fallen. Sie sah Pjeter an, der leise lächelte. Marie entblößt ihm viel mehr, sie zeigt ihre Seele, tröstete sie sich mit diesen Gedanken und schnürte langsam ihre Stiefeletten auf. Dann streifte sie zögerlich ihre Socken ab. Sie betrachtete ihren nackten Fuß, wie Kürtner und die anderen ihn jetzt sehen würden: Die langen Zehen mit den unlackierten, kurzen Zehennägeln; den rundlichen Spann, in den die Socken ihr Webmuster eingedrückt hatten; die sanft gerötete Ferse, die irgendwie verletzlich wirkte.

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