Coverdetail: Der Rookie von Sandra Manther
Coverdetail: Der Rookie von Sandra Manther

Der Rookie

Sandra Manthers neue Storie: Der Rookie“Der Rookie” ist  der Band, in dem die Leser am meisten über Marion erfahren, über ihren Job, ihre Hobbys – und ihre Art, mit Männern umzugehen. Eigentlich also der ideale erste Band. Ist es möglich, explizite Sexualität aus weiblicher Sicht zu beschreiben, ohne gleich ins Kreuzfeuer verschiedener feministischer Gruppen zu geraten? “Das erotische Tagebuch” versucht einen sexpositiven Ansatz, ohne dass die Protagonistin ihre Wurzeln aus der Frauenbewegung über Bord wirft.

Darum geht es:

Marion hat einen schlechten Tag. Als sie auf der Straße ein junger Punk anlächelt, reagiert sie entsprechend unwirsch. Schnell stellt sich heraus, er will ins Callboy-Gewerbe einsteigen, hat aber keine Ahnung, wie das funktioniert.
Da ist er bei Marion an der richtigen Adresse. Sie nimmt ihn mit zu sich ins Loft und zeigt ihm ein paar Tricks, die er später einsetzen kann.

Leseprobe:

Kennen Sie solche Tage, an denen Sie morgens ins Bad gehen und kaum das eigene Spiegelbild aushalten? Mir geht es nach Partys so, bei denen ich einem Haufen von Langweilern gegenüber sitze und meinen Kummer im Alkohol ertränkte. Die Morgen danach sind furchtbar. Mir brummt der Schädel und statt mich aufwendig herzurichten, springe ich nur kurz unter die Dusche. Lasse die Haare an der Luft trocknen. Und tue mir für den Rest des Tages leid.
An einem solchen Tag traf ich Bastian. Ich hatte mich wieder einmal durch einen endlos langen Arbeitstag in der Agentur geschleppt, hatte versucht, möglichst wenig zu reden und die Leute nicht zu nah an mich heranzulassen. Abends dann pilgerte ich durchs Viertel, geriet in immer dunklere Gassen und verfluchte mich für die Mengen an Cocktails, die ich am Abend zuvor konsumiert hatte.
Was suchte ich hier draußen? Frische Luft. Bewegung. Vielleicht war es nur meine Ruhelosigkeit, die mich davon abhielt, nach Hause zu gehen. Unbewusst schlug ich den Weg zu meiner Lieblingskneipe ein, bog jedoch ab, als mir klar wurde, in welche Richtung ich mich bewegte. Denn eins würde mir heute sicher nicht guttun: noch mehr Alkohol.
Ich starrte ins erleuchtete Schaufenster einer Buchhandlung, fand aber nichts, was meine Neugier geweckt hätte. Viel Esoterik und alternative Heilmethoden, ein paar Kinderbücher, ein wenig Philosophie. Ein Titel von Hannah Arendt neben einem von Peter Sloterdijk, ein billiger Tribut an den Massengeschmack.
Um dem Abend eine positive Wendung zu geben, machte ich mich auf den Weg an die Elbe, schlenderte durch enge, wenig befahrene Straßen, vorbei an Kneipen und Restaurants, durchquerte einen verlassen daliegenden Kinderspielplatz. Kaum ein Mensch war um diese Zeit noch unterwegs.
Da stand er, an einen Laternenpfahl gelehnt: von Kopf bis Fuß in schwarzes Leder gekleidet, mit kniehohen Cowboystiefeln. Er wirkte auf mich wie die Karikatur eines 80er-Jahre-Antihelden. Sein Gesicht war ungeschickt geschminkt, die Augen wirkten durch breit aufgetragenen schwarzen Kajal, als stände er unter Drogen. Mittels Unmengen Gels stand seine Punkfrisur in alle Himmelsrichtungen ab. An seinem rechten Ohr zählte ich vier Ohrringe und auch seine linke Augenbraue war gepierct. Ich hätte ihn für schwul gehalten, hätte er mich nicht schüchtern angelächelt, kaum dass ich in Sichtweite kam. Erstaunt schaute ich ihn an.
Wäre ich besserer Laune gewesen, hätte ich wahrscheinlich einen kleinen Schwatz mit ihm gehalten. Doch ungeschminkt und miesepetrig, wie ich war, wollte ich ihn auf Abstand halten, und so fragte ich ungnädig: „Wie teuer bist du?“
Ich hatte damit gerechnet, er würde wütend sein Gesicht verziehen, seinen Blick abwenden oder mir eine Beleidigung entgegenschleudern. Ich hätte nicht einmal etwas dagegen gehabt, wenn er versucht hätte, handgreiflich zu werden. Denn dann hätte ich meine Jiu-Jitsu-Kenntnisse anwenden können und vielleicht hätte das geholfen, ein wenig aus meiner Katerstimmung herauszukommen. Aber unabsichtlich hatte ich mit meiner Frage ins Schwarze getroffen.
„Fünfzig“, sagte er. Es klang mehr nach einer Frage als nach einer Feststellung. Er sah mich kurz an und ergänzte, als er meinen Blick bemerkte: „Fürs Lecken. Hundert für das volle Programm.“
Wenn ich mich selbst nicht mag, gibt es nichts Besseres als einen Mann, der mir zeigt, wie begehrenswert ich trotz allem bin. Selbst wenn ich weiß, er tut es nur, um seiner Rolle gerecht zu werden. Ich bin emanzipiert genug, um zu begreifen, dass gekaufte Liebe nur eine Illusion ist. Aber manchmal ist ein guter Fick einfach genau die richtige Ablenkung, besonders dann, wenn ich mit mir und meinem Schicksal hadere.
„Gemacht“, sagte ich und hakte mich bei ihm unter. „Hast du hier in der Nähe ein Zimmer?“
„Um ehrlich zu sein, ich weiß gar nicht genau, wo wir sind“, sagte er. „Ein Freund hat mich in eine Kneipe hier um die Ecke geschleppt. Aber dann haben wir uns gestritten und er ist abgezogen.“
„Und da kam dir die Idee, hier in Ottensen einen Straßenstrich in Gang zu bringen?“
„Hältst du mich für einen Stricher?“
„Bei deinen Preisen hoffe ich stark, dass du professionell bist.“
Er grinste.
„Worum ging es bei eurem Streit?“, fragte ich, während wir uns auf den Weg zu meiner Wohnung machten.
„Ach, Ralle meinte, Herbert Marcuse hätte in seinen späteren Jahren begonnen, den technischen Fortschritt zu glorifizieren, weil der den Menschen von seinem Kampf ums Dasein befreit. Das ist zwar faktisch richtig, aber zu kurz gedacht. Ich glaube, dass Marcuse dabei lediglich die Maslowsche Bedürfnishierarchie im Blick hatte und sich bis zum Schluss nicht von Marx freimachen konnte.“
„Weia. Studierst du Politikwissenschaften?“
„Eben hast du mich noch für einen Stricher gehalten.“
„Gibt doch genug Studenten, die sich ihren Lebensunterhalt so verdienen.“
„Ernsthaft?“, fragte er und schien tatsächlich überrascht.
„Du gehörst anscheinend nicht dazu“, sagte ich. Mir gefiel, mich mit einem Mann auch unterhalten zu können. Wenn er nicht nur gut im Bett war. Aber Marcuse war mir als Gesprächsstoff zu heftig.
Wir kamen bei meiner Loft an. Ich schloss die Haustür auf und ließ ihn rein. Schon als ich das Licht einschaltete, wurde mir klar, dass ich seit Tagen nicht aufgeräumt hatte. Kein Mensch nimmt einen Stricher mit zu sich in die Wohnung, ärgerte ich mich. Viel zu groß die Gefahr, ausgenommen zu werden. Andererseits wollte ich ihn ja nicht übernachten lassen. Und körperlich würde ich schon mit ihm fertig werden.

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