im Wohnzimmer

Den Geruch von Räumen beschreiben

„Als erstes fällt mir der Geruch auf: nach Leder, Holz, Politur mit einem leichten Zitrusduft.“
aus: E.L.James: Shades of Grey – Geheimes Verlangen

Eine Seite lang beschreibt E L James Christian Greys „Kammer der Qualen“, bevor sie in der Handlung voranschreitet. Sie beginnt ihre dezidierte Beschreibung mit dem Geruch des Raumes. Als ich diese Stelle nachschlage, kommt sie mir viel kürzer vor als beim ersten Lesen. Was wohl daran liegt, dass sich beim ersten Lesen sofort ein ganzes Universum an Bildern aufgetan hat, die mit diesen Gerüchen verbunden sind. Ich lese nicht nur vom Geruch des Leders, sondern assoziiere sofort Gegenstände, die diesen Geruch verströmen. Ähnlich beim Holz. So funktioniert unser Gehirn. Es assoziiert Bekanntes.

Zugegeben: James Beschreibung ist nicht übermäßig literarisch. Und doch hat sie ein wichtiges Prinzip sinnlichen Schreibens begriffen. Gerüche sind oft das erste, was uns an einem neuen Raum auffällt. Deswegen macht es auch wenig Sinn, eine solche Beschreibung an einen späteren Platz des Textes zu stellen. Außer vielleicht, wenn ein neuer Duft in die Szenerie einbricht, sei es bei Ausbruch eines Feuers, oder weil einer der Protagonisten mit starkem Eigengeruch/Parfüm den Raum betritt.

Gerade in der sinnlichen Literatur ist es wichtig, den Gerüchen ihren Platz einzuräumen. Sandra hatte an anderer Stelle (s. Gerüche und Wirkungen) schon einmal darauf hingewiesen. Und der beste Platz für eine solche Beschreibung ist immer dann, wenn unser Protagonist etwas Neues erkundet, sei es ein Raum oder ein Mensch.

In ihrem Buch „Writing Vivid Settings: Professional Techniques for Fiction Authors“ hat die Autorin Rayne Hall auf dieses Prinzip hingewiesen. Sie sagt: „Ein einziger Satz über Gerüche kann mehr über einen Raum verraten als mehrere Absätze visueller Beschreibungen. Das ist hilfreich, wenn Du Deine Beschreibungen kurz halten willst.“

Sie erinnert daran, dass Gerüche sofort Emotionen wecken. Indem wir mit angenehmen oder unangenehmen Gerüchen arbeiten, können wir sehr schnell positive oder negative Gefühle beim Leser heraufbeschwören. Nehmen wir uns noch einmal den Einstieg von E. L. James vor. Mit wenigen Worten malt sie ein Bild von Reichtum (neues Leder), Wohligkeit (zumindest wirkt der Geruch von Holz bei mir immer sehr beruhigend. Wahrscheinlich ist das ein Effekt der Ikea-Sozialisation) und Sauberkeit (Zitrus-Politur). Sofort haben wir die Spannung zwischen verunsicherndem Reichtum und beruhigender Solidität, in der Ana sich derzeit ohnehin befindet. Unterstützt mit dem Wissen: Hier geht alles sauber zu. Zusammengefasst in wenig mehr als drei Geruchsnoten.

Euer Marc

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