Marc Manther: Svetlana
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Marc Manther: Svetlana

Diese Geschichte spaltet die Geister. Die einen loben die psychologische Entwicklung innerhalb der Erzählung, die Svetlana im Laufe der Jahre macht, vom sich selbst ritzenden Teenager über ihre SM-Beziehung hin zum Versuch, sich von ihrer Vergangenheit zu befreien. Die anderen bemängeln, die erzählten Episoden seien zumeist eher verstörend, denn erotisch.

Darum geht es:
Svetlana erzählt die Geschichte einer Obsession. Sie ist noch Schülerin, als sie sich in den ein paar Jahre älteren Tänzer Ivor verliebt. Von ihm lässt sie sich in die Welt der Musicals einführen. Und entjungfern. Er stirbt bei einem Autounfall.
Auch mit dem Gitarrenbauer Janis hat sie wenig Glück. Enttäuscht vom Leben zieht sie sich immer weiter in sich zurück und beginnt schließlich, um überhaupt noch etwas zu fühlen, mit dem Ritzen.
Erst Sven gelingt es, sie aus ihrem Schneckenhaus herauszuholen. Kaum hat sie ihr Abitur in der Tasche, zieht sie mit ihm zusammen. Er führt sie in die Welt des BDSM ein.

Leseprobe:

Svetlana war sieben, als ihr Vater starb und sie verzieh ihm nie, dass er ging, ohne ihr ein letztes Mal Lebewohl zu sagen. Als sie von der Schule ins Krankenhaus kam, um ihn wie jeden Tag zu besuchen, hielten eine Schwester sie zurück und übermittelte ihr die Nachricht. Ohne ein Wort zusagen, drehte Svetlana sich um und verließ das Hospital. Sie war fest davon überzeugt, dass es lediglich einer Willensentscheidung ihres Vaters bedurft hätte, mit dem Sterben auf sie zu warten.
Auch mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester redete sie nie über dieses heimliche Davonschleichen ihres Vaters, das wie ein Omen über ihrem Leben lasten sollte.
In einem Café an der Alster lernte sie Ivor kennen. Sie war inzwischen siebzehn, rauchte Gitanes und trank ihren Espresso schwarz. Er, ein aus Hannover stammender Spross kleiner Kaufleute mit Hang zur russischen Literatur, war Mitte zwanzig, Tänzer, und verdiente seinen Lebensunterhalt, wie alle Tänzer, durchs Kellnern. Der Ruf Hamburgs als Musicalcity hatte ihn hierher verschlagen, und es gab keine Audition, bei der er nicht vortanzte. Sein Körper war durchtrainiert, denn wenn er nicht arbeitete, übte er zu den Klängen der Musical-CDs, die sich in seinem CD-Rack stapelten. In seiner kleinen Wohnung hatte er eine Haltestange an der Wand angebracht. Neben der Stereoanlage mit wuchtigen Holzboxen befand sich in dem Zimmer nur seine Matratze. In der Küche standen immerhin ein Tisch und zwei hölzerne Klappstühle.
Svetlana verliebte sich augenblicklich in den jungen Mann. Bald beteiligte sie sich an seinen Stretchings und lernte, sich zu den Beats aus den Lautsprechern zu bewegen. Sie kannte die Namen der wichtigsten Choreographen der Hansestadt, besuchte mit Ivor alle Musicals, von den großen En-suite-Produktionen, für deren Karten sie über hundert Mark hinlegen mussten, bis zu den kleine Off-Broadway-Projekten in Sechzig-Stühle-Theatern, die oft schon nach wenigen Wochen wieder abgesetzt wurden.
Ivor war es auch, der sie entjungferte, während aus den Boxen die „Rocky Horror Picture Show“ dröhnte. An jenem Sommernachmittag hatte er anders als sonst vor ihr gestanden, selbstbewusst lächelnd, völlig verschwitzt in seinem hautengen Catsuit, sie, gerade aus der Schule zurückgekommen, in moonwashed Blue-Jeans und weitem Sweat-Shirt, die Schultasche noch neben sich.
Später erinnerte sie sich gern daran, wie er ihr dieses Shirt langsam über den Kopf zog, während er sich sanft im Rhythmus der Musik bewegte. In seinen Augen glänzte dieses Begehren, durch das sie sich so unendlich wertvoll fühlte, ernst genommen von diesem Mann, der so viel älter und reifer war als sie.
Und sie dachte nicht daran zu protestieren, als er ihr Zentimeter für Zentimeter auch das weiße, enge Trägerunterhemd nach oben streifte, während seine heißen, feuchten Hände über ihren Körper glitten, über die Taille hinauf, ihre spitzen, auseinanderstehenden Brüste freilegten, die sie noch nie einem Jungen gezeigt hatte.
Alles geschah im Takt der Musik, jeder Schauer, der sie durchfuhr, als tanze er mit ihr, als sei ihre Liebe kein überreifes Gefühl, sondern eine Performance. Selbst als er in sie eindrang, konnte sie schon im Voraus den nächsten Stoß vorhersagen, und der Schmerz, der sie anfangs durchzuckte, verschmolz mit dem Wummern der Basedrum.
Von da an kam sie jeden Tag nach der Schule zu ihm, und sie wäre auch nachts geblieben, wenn ihre Mutter es ihr nur erlauben würde. Gern hätte sie auf Ivor gewartet, bis dieser am frühen Morgen aus den Kneipen, in denen er jobbte, nach Hause kam. Sie hätte ihn zärtlich in den Arm genommen. Ihn vor dem Einschlafen geliebt und vielleicht dabei für einen Moment alle Frustrationen vergessen können. Aber ihre Mutter bestand darauf, dass sie spätestens um Mitternacht zu Hause war.
Aber wenn die Situation auch nicht perfekt war, hatte sie doch zumindest einen Anlaufpunkt. Einen Ort, an den sie flüchten konnte, um ihre kleinkarierten Mitschüler, den Lernstress und ihr eigene Unsicherheit dem Leben gegenüber zu vergessen.
Allein, das Glück währte nicht lang. Freunde erzählten ihnen, dass in Düsseldorf eine Audition für das neue Stück von Stephen Sondheim angesetzt war. Gemeinsam hörten sie die CD, tranken auf dem Fußboden sitzend Rotwein, rauchten, träumten. Wenn er dabei sein könnte …
Ein Woche später war er weg. Per Mitfahrzentrale hatte er sich auf den Weg nach Düsseldorf gemacht. Sie sah im Fernsehen die Bilder von dem Unfall auf der Autobahn und wusste instinktiv, dass er darin verwickelt war. Doch es bedurfte etlicher Telefonate, bis sie von seinen Eltern den Tod ihres Freundes bestätigt bekam.
Das war die Zeit, in der sie keine Musik mehr hören konnte. Sie ertrug sie nicht und wenn sich junge Leute auf der Straße lächelnd zum Sound der Ghettoblaster bewegten, war sie nahe daran zu kotzen.

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