Haut beschreiben: Bräungungsstreifen und andere Farb-Phänomene

Haut beschreiben – Bräunungsstreifen und andere Farb-Phänomene

Viele Frauen haben Bräunungsstreifen. Was völlig normal ist, solange die Bräune natürlich, und nicht im Solarium, erworben wird. Um so sonderbarer, dass diese Streifen in der erotischen Literatur kaum auftauchen.

Dabei lassen sie die Haut lebendig wirken. Denn erfahrungsgemäß wird die Bräune durch den Kontrast noch hervorgehoben. Die hellen Stellen werden zum Eye-Catcher und regen die Phantasie an.

Auch andere Farben lassen die Haut lebendig erscheinen. Im Bild oben fällt die gerötete Handfläche auf. Und im breiten Feld der Spanking-Literatur ist es meist der gerötete Hintern, der für erotische Spannung sorgt. Aber auch ein drohender Sonnenbrand kann für Verfärbungen sorgen:

Lebendige Haut ist mehrfarbig

Die Jungs in Shorts und ärmellosen T-Shirts, ihre Gesichter sonnenverbrannt bis auf die weißen Stellen, wo die Sonnenbrille gesessen hat, was ihnen ein merkwürdig waschbärartiges Aussehen verleiht. Die Mädels ebenfalls in Shorts, dazu trägerlose Tops und die Haut krebsrot. Weiße Bikinistreifen schlängeln sich aus ihren elastischen Tops hinauf um ihren Nacken.

(aus: Charlie Huston: Die Hank-Thompson-Trilogie)

Haut “in Bewegung”: vom weißen Grundton weg hin Richtung Sonnenbrand. Haut hat eben nicht nur eine Farbe, sondern verändert sich. Und Dinge in Bewegung zu zeigen, ist in der Literatur fast immer sinnvoller, als statische Bilder zu vermitteln. Wer sich zu dem Thema noch keine Gedanken gemacht hat, dem sei das Laokoon von Gotthold Ephraim Lessing empfohlen – ein ganzes Büchlein, das versucht zu ergründen, warum statische Beschreibungen in der Literatur einfach nicht funktionieren.

Huston toppt seine Beschreibung mit dem ungewöhnlichen, aber amüsanten Vergleich vom “waschbärartigen Aussehen”. Natürlich weckt auch dieser Vergleich Assoziationen, so dass wir gespannt sein können, was von den Typen noch zu erwarten ist.

Schön gelöst ist auch, dass er die Bikinistreifen der Frauen nicht einfach nur konstatiert, sondern diese sich zum Nacken hinaufschlängeln lässt. Vielleicht nicht das idealste Prädikat für diesen Zweck, aber allemal besser als ein hilfloses Hilfsverb. Vor allem aber schafft das Bild einen Eindruck von Uneinheitlichkeit, von Lebendigkeit der Haut.  Durch die Bikinistreifen wird die Haut in helle und dunkle Zonen unterteilt – und dadurch lebendiger. Wohlgemerkt, es geht mir nicht um die Frage der Ästhetik, sondern um den literarischen Eindruck, den die Beschreibung hinterlässt.

Ich schaute Marnie zu, die am Strand saß, Sandburgen baute und hinter den Wellen herlief und deren olivfarbene Haut sich unter den Sonnenstrahlen in ein helles Braun verwandelte.
Ich beneidete sie um ihre dunklen Haare und ihre braune Haut, um die Freiheit, in die Brandung zu laufen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob ihr Sonnenhut noch richtig saß …

(aus: Karen White: Meerschwestern)

Ich hatte gestern ja bereits darüber geschrieben, wie Beobachtungen im besten Fall auch immer etwas über den Betrachter aussagen. Im Beispiel aus Haruki Murakamis “1Q84” hatten wir gesehen, wie die Beschreibung der Haut zu einem erotischen Vorgeplänkel wurde. Die Emotionen Tengos wurden in der Beschreibung ebenso deutlich wie der Charakter Fukaeris.

Karen White zielt in eine ähnliche Richtung. Sie zeigt ebenfalls Farbe “in Bewegung”, von oliv in Richtung hellbraun. Solche Schilderungen wirken immer lebendiger, als wenn die Haut lediglich einheitlich mit einem Farbton beschrieben würde. Hier tritt ein ähnlicher Effekt auf wie bei den oben erwähnten Bikinistreifen.

Schön auch, wie in dem Beispiel der Neid der Erzählerin in die Beschreibung integriert wird. Zwar weniger subtil als bei Murakami – aber Emotionen würzen jede Geschichte.

Lust auf eine weitere Portion Murakami?

Nackt im Bett sitzend, zündete ich mir eine Zigarette an und betrachtete die Frau, die neben mir schlief. Die Sonne schien durch das Fenster und beleuchtete ihren ganzen Körper. Sie hatte das Laken bis zu ihren Füßen hinuntergestrampelt und schlief ganz fest. Hin und wieder seufzte sie tief, sodass ihre wohlgeformten Brüste sich hoben und senkten. Ihr Körper war gebräunt, und die sich gegen die bräunliche Haut sonderbar weiß abhebenden Bikinistreifen riefen einen Eindruck von Verwesung hervor.

(aus: Haruki Murakami: Wenn der Wind singt)

Auch Murakami nutzt die Bräunungsstreifen, um die Haut der Frau kontrastreicher zu gestalten. Dieser Eindruck eines lebendigen Bildes wird noch dadurch unterstrichen, dass er auf die Lichtverhältnisse im Raum eingeht und beschreibt, wie die Sonne den nackten Körper beleuchtet.

Die Beschreibung des Körpers der jungen Frau geht nach diesem Zitat noch eine Weile weiter. Insofern mag man ihm die etwas einfallslosen “wohlgeformten Brüste” verzeihen. Wieder erleben wir, wie Murakami mit seine Vergleich “Eindruck von Verwesung” weit über die reine Faktenaneinanderreihung hinausgeht. Er schafft durch seinen Vergleich eine Vorausahnung und gleichzeitig Spannung. Die Emotion des Erzählers wird angedeutet. Und es ist nicht nur in der erotischen Literatur wichtig, die Emotionen der Protagonisten dem Leser ständig präsent zu halten. Denn letztlich sind Gefühle und Mitgefühl eines der stärksten Antriebskräfte, überhaupt zu lesen oder sich eine Geschichte erzählen zu lassen.

Übrigens halte ich überhaupt nichts von der Idee, den Körper einer Frau mit den Worten “es war kein einziger Bikinistreifen zu erkennen” zu beschreiben. Das liegt daran, dass wir mit Worten Bilder heraufrufen. Da unser Gehirn ein “nicht” nicht bildhaft assoziieren kann, erwecken wir mit solchen Sätzen zunächst ein Bild, um es dann zu negieren, was eine Distanzierung vom Text nötig macht. Sinnvoller wäre es, in diesem Zusammenhang gleich von nahtloser oder ebenmäßiger Bräune zu reden.

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