Frisuren beschreiben: Nur eine Liste

Nach meinem Gespräch mit Stina achte ich beim Lesen offensichtlich stärker auf die Beschreibung von Haaren als vorher. Gerade fiel mir der Roman „Nur eine Liste“ von Siobhan Vivian in die Hände. Das Buch ist eher ‚Young Adult‚ als ‚New Adult‚, nicht nur wegen der Altersstufe ihrer Protagonistinnen. Sex kommt darin vor, wird von Vivian aber sehr zurückhaltend beschrieben. Die Geschichte handelt von einer Highschool, genauer gesagt von einer Liste, die jedes Jahr vor dem Homecoming- Ball auf den Markt geworfen und in zahllosen Exemplaren in der Schule verteilt wird. Auf ihr stehe die Namen des jeweils schönsten und hässlichsten Mädchens jeder Jahrgangsstufe – von der 9. bis zur 12. Klasse.

Wie gehen die einzelnen Nominierten damit um? Siobhan Vivian arbeitet sich durch alle acht Charaktere durch, beschreibt sie mit ihrem Aussehen, ihren Gefühlen, ihrem Alltag und natürlich ihren Reaktionen darauf, nun selbst auf dieser in der Schule berüchtigten Liste aufzutauchen. Frisuren spielen in diesem Buch von der ersten Seite an eine wichtige Rolle.

So wird Abby, die Schönste der 9. Klasse, als jemand beschrieben, der sich am Morgen gern ausgiebig Zeit zum Frisieren nimmt. Sie beherrscht Hochsteckfrisuren ebenso wie Haarknoten, wird von ihrer Schwester gebeten, ihr einen französischen Zopf zu flechten, und macht das natürlich gern.

Danielle ist ihr Gegenpol im Jahrgang. Sie ist ein sportlicher Typ, hat aber trotz ihres jungenhaften Aussehens lange Haare:

Da sie an diesem Morgen keine Zeit zum Duschen gehabt hat, sind ihre Haare einfach zu einem Dutt zusammengebunden. Rings um ihren Haaransatz stehen wie ein kranz kurze braune Büschel ab. Eigentlich sollte es sie nicht überraschen – nach jedem Training findet sie abgebrochene Haare in ihrer Schwimmkappe -, aber es überrascht sie trotzdem. Sie versucht, die Strähnen mit einer plötzlich feuchtkalten Hand glatt zu streichen, doch sie stellen sich gleich wieder auf. Sie zieht das Haargummi heraus und schüttelt ihre Haare. Sie sind trocken und stumpf vom Chlor und fallen nicht, wie normales Haar fallen sollte.

Da nimmt sich eine Autorin schon verdammt viel Zeit, um Haare zu beschreiben. Und macht damit deutlich, wie viel die Haare über eine Person sagen. Wir erfahren nicht nur etwas über die Frisur, die Danielle trägt, sondern auch über die Textur der Haare. Und über die Gründe, die dazu führen.

Die schönste Zehntklässlerin ist Lauren, und das, obwohl sie von der Hässlichten ihres Jahrgangs den Spitznamen „Pferdehaar“ verpasst bekommen hat.

Den Namen hatte sie sich letzte Woche ausgedacht, als alle im Sportunterricht eine Meile rennen mussten und Pferdehaars pferdiger blonder Pferdeschwanz hin und her wippte, während sie vor sich hin trabte … Ihre Haare waren auf Hüftlänge gerade abgeschnitten. Wahrscheinlich von ihrer Mutter, mit einer stumpfen Schere.

Bei diesem Beispiel zeigt sich sehr schön, dass Beschreibungen – im besten Fall – einen Point of View enthalten. Sie stellen also nicht nur Fakten zusammen, sondern bewerten diese Informationen aus einem speziellen, persönlichen Blickwinkel heraus. Der zitierte Abschnitt ist deswegen besonders gelungen, weil Candace, die vor allem wegen ihres miesen Charakters zur Hässlichste des Jahrgangs gekürt wurde, aus ihrer Sicht die Schönste der Klassenstufe beschreibt. Dementsprechend quillt die Sicht vor Gehässigkeit beinahe über, vermittelt aber dennoch ein klares Bild von Laurens Frisur.

Auch Sarah, die Hässlichste der Elften, charakterisiert Siobhan Vivian zunächst über deren Blick auf andere:

Diese ganzen Elftklässlerinnen an der Mount Washington sehen so verdammt gleich aus. Die schulterlangen Haare mit den Strähnchen, die bescheuerten Lammfellstiefel, die kleinen Armbandtäschchen für ihre Handys, Lipgloss und Lunchgeld.

Sarah selbst hat pechschwarz gefärbte Haare mit langen Stirnfransen. Ihr Freund Milo „hat ihr vor ein paar Wochen den Hinterkopf rasiert, doch ihr Haar wächst schnell nach. Es ist rein und gesund und weich wie das eines jungen Hundes und hat eine goldbraune Farbe, die hart von den schwarz gefärbten Stirnfransen absticht.“ Wieder haben wir deutlich mehr als eine Frisurbeschreibung. Wieder spielt die Textur eine Rolle. Und wieder gibt es zu den Haaren sogar eine eigene Geschichte, die uns mehr über die Protagonistin erzählt.

Die Vergleiche „wie das eines jungen Hundes“ und „Pferdehaar“ haben aber auch eine weitere Funktion. Sie deuten nämlich bereits wesentlich Informationen über die Protagonistinnen an. Es ist kein Zufall, dass Laurens Haare aussehen, wie mit einer stumpfen Schere abgeschnitten. Denn wenig später erfährt der Leser, dass Laurens Mutter massive Geldsorgen hat. Die Familie spart, wo sie kann.

Und auch der Vergleich von Sarahs Haar mit dem eines jungen Hundes ist vielschichtig: Sarah hat neben ihrem harten Auftreten auch eine andere Seite: „rein und gesund und weich“. Allein die Assoziation mit dem jungen Hund spricht Bände.

Wie oben bereits erwähnt: Wer auf der Suche nach sexuell aufgeladener „New Adult“-Literatur ist, wird mit Siobhan Vivians „Nur eine Liste“ sicher nicht glücklich. Wer sich jedoch im Rahmen des Creative Writings mit Beschreibungen beschäftigt, wird in diesem Roman eine Menge Material für sich finden. Ihr gelingt es toll, ganz verschiedene Charaktere zu zeichnen und hat ihre Beschreibungen gut durchdacht.

Das ist kein Zufall. Siobhan beschäftigt sich seit dem Studium „Drehbuch und Film“ mit dem Erzählen von Geschichten, hat ihren Master in Creative Writing gemacht und lange als Lektorin bei der Literaturagentur Alloy Entertainments gearbeitet. In dieser Funktion als Lektorin war sie an der Entstehung mehrerer Bestseller beteiligt. Mittlerweile gibt sie selbst Kurse in Creative Writing. Sie weiß also, was sie tut.

Im übrigen ist ihr mit „Nur eine Liste“ ein leichter, flüssig lesbarer Roman über Vorurteile und das Überleben in der Oberstufe, respektive an der Highschool, gelungen, der Mut macht, sich gegen Labels zur Wehr zu setzen und authentisch zu bleiben.

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