Marc Manther: Svetlana

Das war ja ein Akt. Laut KDP braucht ein Buch bis zu 48 Stunden, bis es geprüft und auf Amazon freigegeben wird. Gelegentlich, wenn Rechtefragen zu klären sind, werden es auch mal 72 Stunden. Meine neue Short Story „Svetlana“ befand sich 5 Tage – also 120 Stunden in der Warteschleife. Ich werde an anderer Stelle noch mal näher auf die möglichen Gründe eingehen.

Darum geht es:
Svetlana erzählt die Geschichte einer Obsession. Sie ist noch Schülerin, als sie sich in den ein paar Jahre älteren Tänzer Ivor verliebt. Von ihm lässt sie sich in die Welt der Musicals einführen. Und entjungfern. Er stirbt bei einem Autounfall.
Auch mit dem Gitarrenbauer Janis hat sie wenig Glück. Enttäuscht vom Leben zieht sie sich immer weiter in sich zurück und beginnt schließlich, um überhaupt noch etwas zu fühlen, mit dem Ritzen.
Erst Sven gelingt es, sie aus ihrem Schneckenhaus herauszuholen. Kaum hat sie ihr Abitur in der Tasche, zieht sie mit ihm zusammen. Er führt sie in die Welt des BDSM ein.

Leseprobe:

Svetlana war sieben, als ihr Vater starb und sie verzieh ihm nie, dass er ging, ohne ihr ein letztes Mal Lebewohl zu sagen. Als sie von der Schule ins Krankenhaus kam, um ihn wie jeden Tag zu besuchen, hielten eine Schwester sie zurück und übermittelte ihr die Nachricht. Ohne ein Wort zusagen, drehte Svetlana sich um und verließ das Hospital. Sie war fest davon überzeugt, dass es lediglich einer Willensentscheidung ihres Vaters bedurft hätte, mit dem Sterben auf sie zu warten.
Auch mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester redete sie nie über dieses heimliche Davonschleichen ihres Vaters, das wie ein Omen über ihrem Leben lasten sollte.
In einem Café an der Alster lernte sie Ivor kennen. Sie war inzwischen siebzehn, rauchte Gitanes und trank ihren Espresso schwarz. Er, ein aus Hannover stammender Spross kleiner Kaufleute mit Hang zur russischen Literatur, war Mitte zwanzig, Tänzer, und verdiente seinen Lebensunterhalt, wie alle Tänzer, durchs Kellnern. Der Ruf Hamburgs als Musicalcity hatte ihn hierher verschlagen, und es gab keine Audition, bei der er nicht vortanzte. Sein Körper war durchtrainiert, denn wenn er nicht arbeitete, übte er zu den Klängen der Musical-CDs, die sich in seinem CD-Rack stapelten. In seiner kleinen Wohnung hatte er eine Haltestange an der Wand angebracht. Neben der Stereoanlage mit wuchtigen Holzboxen befand sich in dem Zimmer nur seine Matratze. In der Küche standen immerhin ein Tisch und zwei hölzerne Klappstühle.
Svetlana verliebte sich augenblicklich in den jungen Mann. Bald beteiligte sie sich an seinen Stretchings und lernte, sich zu den Beats aus den Lautsprechern zu bewegen. Sie kannte die Namen der wichtigsten Choreographen der Hansestadt, besuchte mit Ivor alle Musicals, von den großen En-suite-Produktionen, für deren Karten sie über hundert Mark hinlegen mussten, bis zu den kleine Off-Broadway-Projekten in Sechzig-Stühle-Theatern, die oft schon nach wenigen Wochen wieder abgesetzt wurden.
Ivor war es auch, der sie entjungferte, während aus den Boxen die „Rocky Horror Picture Show“ dröhnte. An jenem Sommernachmittag hatte er anders als sonst vor ihr gestanden, selbstbewusst lächelnd, völlig verschwitzt in seinem hautengen Catsuit, sie, gerade aus der Schule zurückgekommen, in moonwashed Blue-Jeans und weitem Sweat-Shirt, die Schultasche noch neben sich.
Später erinnerte sie sich gern daran, wie er ihr dieses Shirt langsam über den Kopf zog, während er sich sanft im Rhythmus der Musik bewegte. In seinen Augen glänzte dieses Begehren, durch das sie sich so unendlich wertvoll fühlte, ernst genommen von diesem Mann, der so viel älter und reifer war als sie.
Und sie dachte nicht daran zu protestieren, als er ihr Zentimeter für Zentimeter auch das weiße, enge Trägerunterhemd nach oben streifte, während seine heißen, feuchten Hände über ihren Körper glitten, über die Taille hinauf, ihre spitzen, auseinanderstehenden Brüste freilegten, die sie noch nie einem Jungen gezeigt hatte.
Alles geschah im Takt der Musik, jeder Schauer, der sie durchfuhr, als tanze er mit ihr, als sei ihre Liebe kein überreifes Gefühl, sondern eine Performance. Selbst als er in sie eindrang, konnte sie schon im Voraus den nächsten Stoß vorhersagen, und der Schmerz, der sie anfangs durchzuckte, verschmolz mit dem Wummern der Basedrum.
Von da an kam sie jeden Tag nach der Schule zu ihm, und sie wäre auch nachts geblieben, wenn ihre Mutter es ihr nur erlauben würde. Gern hätte sie auf Ivor gewartet, bis dieser am frühen Morgen aus den Kneipen, in denen er jobbte, nach Hause kam. Sie hätte ihn zärtlich in den Arm genommen. Ihn vor dem Einschlafen geliebt und vielleicht dabei für einen Moment alle Frustrationen vergessen können. Aber ihre Mutter bestand darauf, dass sie spätestens um Mitternacht zu Hause war.
Aber wenn die Situation auch nicht perfekt war, hatte sie doch zumindest einen Anlaufpunkt. Einen Ort, an den sie flüchten konnte, um ihre kleinkarierten Mitschüler, den Lernstress und ihr eigene Unsicherheit dem Leben gegenüber zu vergessen.
Allein, das Glück währte nicht lang. Freunde erzählten ihnen, dass in Düsseldorf eine Audition für das neue Stück von Stephen Sondheim angesetzt war. Gemeinsam hörten sie die CD, tranken auf dem Fußboden sitzend Rotwein, rauchten, träumten. Wenn er dabei sein könnte …
Ein Woche später war er weg. Per Mitfahrzentrale hatte er sich auf den Weg nach Düsseldorf gemacht. Sie sah im Fernsehen die Bilder von dem Unfall auf der Autobahn und wusste instinktiv, dass er darin verwickelt war. Doch es bedurfte etlicher Telefonate, bis sie von seinen Eltern den Tod ihres Freundes bestätigt bekam.
Das war die Zeit, in der sie keine Musik mehr hören konnte. Sie ertrug sie nicht und wenn sich junge Leute auf der Straße lächelnd zum Sound der Ghettoblaster bewegten, war sie nahe daran zu kotzen.

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Seth King: The Summer remains – Rezension

Summer Johnson, die 24jährige Protagonistin aus Seth Kings Roman „The Summer remains“, leidet unter Ösophagusatresie,  einer angeborenen Unterbrechung der Speiseröhre, die dazu führt, dass sie sich nur über eine am Bauch befestige Magensonde ernähren kann. Ihr Ungestüm brachte ihr darüber hinaus eine auffällige Narbe im Gesicht ein. Kein Jackpot, wenn man die Teenagerjahre heil überstehen will.

Als ihr Zustand sich immer weiter verschlechtert, entschließen sich die Ärzte zu einer gefährlichen Operation, die bisher allerdings nur wenige Patienten überlebt haben. Wenn alles gut geht, kann sie danach ein halbwegs normales Leben führen. Wenn nicht, hat sie die letzten drei Monate ihres jungen Lebens vor sich. Sie beschließt, diese drei Monate zur besten Zeit ihres Lebens zu machen und so viele Erfahrungen wie möglich mitzunehmen.

Über eine Dating-App lernt sie Cooper Nichols kennen. Er ist vielleicht ein bisschen zu perfekt. Sieht gut aus, ist charmant, findet sie schön. Ihrer Narbe zum Trotz. Und sogar, als er ihren Schlauch am Bauch entdeckt, irritiert ihn das nicht sonderlich.

Kompliziert wird es erst, als eine Freundin Summers sich Cooper gegenüber verplappert und von der bevorstehenden Operation erzählt. Wie soll man sich auf eine Liebe einlassen, bei der ein tragisches Ende nahezu vorprogrammiert ist?

Eine kleine, ungewöhnliche Liebesgeschichte entwickelt sich, leichtfüßig geschrieben, mit vielen klugen Gedanken über Behinderungen, die Narben des Lebens und innere Schönheit.
Cooper Nichols als love interest ist vielleicht ein wenig zu idealtypisch. Aber Seth King bekommt galant die Kurve, indem er zeigt, wie Cooper zu dem werden konnte, der er heute ist: Zuhause ist seine an Multipler Sklerose erkrankte Mutter auf ihn angewiesen. Und er selbst, der deswegen lange an Depressionen litt, wurde in der Schule zum willkommenen Mobbingopfer. Kein Wunder, dass sein Mitgefühl deutlich ausgeprägt ist und innere Werte ihm wichtiger sind als der schöne Schein. Und da trifft er mit Summer auf genau die Richtige.

Der Roman ist ein klassischer „Young Adult“, wenn auch mit einigen Elementen des „New Adult“: Die Protagonisten sind bereits Mitte 20, und für beide stellt sich die Frage, was sie mit ihrem Leben anfangen. Für Summer ist diese Frage sehr existenziell, solange die Gefahr im Raum schwebt, den Herbst nicht mehr zu erleben. Cooper hingegen hat seine Träume bereits begraben. Er schreibt gern, hat eine Weile für die Zeitung gearbeitet und sein erstes Buchmanuskript im Schreibtisch liegen. Aber erst Summer bringt ihn dazu, wieder an sich und sein Talent zu glauben.

Sexualität spielt allerdings in diesem Roman kaum eine Rolle. Zwar schlafen die beiden irgendwann miteinander, doch ist Seth King ein Vertreter der Old School, die sich in wenigen Andeutungen ergeht und um die Probleme und Ängste , die mit dem Sex einhergehen, einen großen Bogen macht.

Insofern stellt sich die Frage, ob die Kategorisierung des Romans in das Genre „New Adult“, die die Lesergemeinde von goodreads.com unternommen hat, den Kern trifft. Dort fand sich der Roman in der Hitliste für die besten New Adult-Romane des Jahres 2015 unter den Top 10. Das Problem dürfte sein, dass es noch keine allgemein gültige Definition des Begriffs gibt. Dementsprechend ist die Einordnung zwangsläufig schwammig.

Wer sich klar macht, dass E. L. James mit ihren „50 Shades of Gray“ das Genre New Adult eingeleitet hat, wird Seth Kings „The Summer remains“ vielleicht etwas altbacken finden. Der Roman ist eben keine „sexed up“ Coming-of-age-Story,  sondern folgt im Plot dem gängigen Schema der Liebesgeschichte.

Besonders wird die Geschichte durch ihre Protagonisten, die sicher lange im Gedächtnis bleiben werden. Die Dialoge, die Seth King ihnen in den Mund legt, haben eine Tiefe, die mich an Colleen Hoover in ihren besten Phasen erinnert. Auch Cooper könnte durchaus eine Figur aus dem Arsenal Hoovers sein: einfühlsam, verantwortungsbewusst, charmant – der ideale Freund.

Schade ist in der Tat, dass das Thema der Körperlichkeit in diesem Roman, in dem sich alles um die körperliche Beeinträchtigung der Protagonistin dreht, weitestgehend ausgeklammert bleibt. King fährt hier zu deutlich den romantischen Kurs des Young Adult. Seine Protagonisten fühlen sich von ihrem Wesen angezogen, die sexuelle Anziehung spielt so gut wie keine Rolle. Als sie dann doch beschließen, zusammen zu schlafen, wird ihre Begegnung weitestgehend ausgeblendet.

Wer sich daran nicht stört, wird mit einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte belohnt.

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