Onomatopoesie, oder Lautmalerei, ist eines der mächtigsten stilistischen Mittel der Literatur: Wörter, deren Klang das bezeichnete Geräusch selbst nachahmt – „plopp“, „zisch“, „klatsch“, „stöhnen“, „keuchen“. In der erotischen Literatur spielt sie eine besonders intime Rolle. Sie macht die Szene nicht nur sichtbar, sondern hörbar, spürbar, fast greifbar. Der Leser wird nicht nur Zeuge, sondern Teilnehmer: Das leise „ahhh“ einer ersten Berührung, das rhythmische „klatsch-klatsch“ von Haut auf Haut, das nasse „schmatz“ oder „squelch“ bei intensiver Erregung – all das aktiviert den Hörsinn und verstärkt die sinnliche Immersion.
Doch wie hat sich der Umgang mit diesen Lauten über die Jahrhunderte verändert? Von zurückhaltenden, fast poetisch verschleierten Ausrufen im 18. Jahrhundert über naturalistische Seufzer im frühen 20. Jahrhundert bis hin zu expliziten, fast filmischen Soundeffekten in der Gegenwartsliteratur? Und welche besondere Rolle spielte dabei die französische erotische Literatur – als Vorreiterin der Libertinage, der philosophischen Transgression und der offenen Sinnlichkeit? Dieser Blogpost zeichnet die Entwicklung nach, mit konkreten Beispielen, Nuancen und den gesellschaftlichen Hintergründen, wobei der französische Strang bewusst vertieft wird.
Die Anfänge: Subtile Ausrufe und euphemistische Seufzer (18. Jahrhundert)
Im Zeitalter der Aufklärung und strenger Zensur – denken wir an Großbritannien unter dem Obscene Publications Act – durfte Erotik nur verschleiert dargestellt werden. John Clelands Fanny Hill (1748/49) ist ein Paradebeispiel: Hier finden sich keine comicartigen „plopp“ oder „slap“, sondern vor allem narrative Hinweise auf vokale Äußerungen, die den Leser selbst imaginieren lassen:
„[…] both seem’d to me out of themselves: their eyes darted fires; ‘Oh! […]’“
oder
„Polly gave a deep sigh, which was quite in another tone than one of pain“.
Die Onomatopoesie bleibt bei einfachen Interjektionen wie „Oh!“, „Ah!“ oder „deep sigh“. Cleland beschreibt den Akt eher visuell und taktil, die Laute dienen als emotionale Verstärker.
Parallel dazu der französische Libertinage: Frankreich war hier oft einen Schritt voraus – weniger puritanisch, philosophischer, frecher. In anonymen Werken wie Thérèse Philosophe (1748) taucht bereits eine echte phonetische Onomatopoesie auf: Die Erzählerin beschreibt die Lust mit dem Ausruf „haï!“ – eine kurze, scharfe Interjektion, die Lust und leichten Schmerz in einem einzigen Laut verschmilzt. Das ist keine bloße Beschreibung mehr, sondern eine direkte Lautmalerei, die den Körper sprechen lässt. Bei Crébillon fils (Le Sopha, 1742) oder in frühen libertinen Texten dominieren noch „soupirs“ (Seufzer), „gémissements légers“ (leichte Stöhner) und „Ah! mon Dieu!“ – Laute, die Eleganz und Verführung signalisieren, nie rohe Körperlichkeit.
Beim Marquis de Sade (Justine, 1791; Les 120 Journées de Sodome, 1785) wird es theatralisch-exzessiv: Die Opfer (und Täter) stoßen „Ah!“, „Oh!“, „Je meurs!“, „Plus fort!“ oder lange Ketten von „cris perçants“ (durchdringende Schreie), „gémissements“ und „râles“ (Röcheln) aus. Bei Sade vermischen sich Lust- und Schmerzlaute absichtlich – die Onomatopoesie dient der philosophischen Provokation: Der Körper schreit, was die Vernunft nicht aussprechen darf. Hier ist die Lautmalerei bereits transgressiv, fast opernhaft, und markiert den Übergang von der Andeutung zur expliziten Körperstimme.
Der französische Sonderweg: Libertinage, Transgression und sensorische Lautvielfalt (18. bis Mitte 20. Jahrhundert)
Frankreichs erotische Literatur entwickelte sich eigenständig – weniger zensiert als in England, dafür philosophisch aufgeladen und körperlich radikal. Während im angelsächsischen Raum die Viktorianische Prüderie die Laute lange dämpfte, explodierte in Frankreich die sensorische Darstellung.
Im 19. Jahrhundert bleibt die Onomatopoesie bei naturalistischen Autoren wie Zola noch verhalten (mehr „halètements“ – Keuchen – als direkte „Aaaah!“). Doch mit dem Surrealismus und der literarischen Moderne ändert sich das radikal. Georges Bataille in Histoire de l’œil (1928) oder Madame Edwarda nutzt Laute als Grenzüberschreitung: „cris“, „râles“, „soupirs convulsifs“ – oft vermischt mit Schweigen oder tierischem Stöhnen. Die Onomatopoesie wird hier nicht nur akustisch, sondern existentiell: Sie markiert die Auflösung des Ichs in der Ekstase oder im Tod.
Der absolute Höhepunkt der französischen Lautkunst kommt 1954 mit Histoire d’O von Pauline Réage (Dominique Aury): Ein Meilenstein der weiblichen Unterwerfungs-Erotik. Hier dominieren nicht mehr nur narrative Verben, sondern eine ganze Klanglandschaft der Hingabe:
„elle gémit quand les lèvres étrangères […] l’enflammèrent brusquement“ „elle gémit plus fort“, „des cris rauques“, „soupirs étouffés“, „halètements“.
Die Laute der Protagonistin werden zum zentralen Ausdruck von Lust, Schmerz und totaler Hingabe – ein Orchester aus gémissements, cris und râles, das den Leser akustisch in die Szene zieht. Im Gegensatz zu Sadés theatralischer Übertreibung ist Réages Onomatopoesie intim, fast realistisch, und betont die weibliche Stimme als Instrument der Ekstase. Das Buch wurde trotz (oder wegen) seiner Explizitheit ein Weltbestseller und zeigte: In Frankreich durfte der Körper laut sein.
Der Durchbruch zur Naturalistik: Poetische und körperliche Laute (frühes 20. Jahrhundert)
Mit der Moderne und dem allmählichen Bruch mit viktorianischer Prüderie ändert sich alles. D. H. Lawrence’ Lady Chatterley’s Lover (1928) markiert einen Wendepunkt – beeinflusst auch von französischen Vorbildern. Seine Onomatopoesie ist sensorisch und rhythmisch, aber immer noch poetisch eingebettet: „wild little cries“, „moan“, „cries“, „panting“. Henry Miller oder Anaïs Nin (die auf Englisch schrieb, aber in französischer Tradition stand) gehen direkter: „groan“, „gasp“, „whimper“.
Die sexuelle Revolution und die Explosion der Soundeffekte (zweite Hälfte 20. Jahrhundert bis heute)
Ab den 1960er/70er Jahren, mit der sexuellen Revolution, dem Ende der Zensur und dem Aufstieg der Massenmarkt-Erotik, wird Onomatopoesie zum Standardwerkzeug. In Pulp-Romances, später in Bestsellern wie E. L. James’ Fifty Shades of Grey (2011): „He groans“, „I moan“, „the slap of skin against skin“, „squelch“.
In der französischen Gegenwartsliteratur wird es klinisch-realistisch: Catherine Millet in La Vie sexuelle de Catherine M. (2001) beschreibt „bruits de la copulation“, „halètements“, „petits cris saccadés“ – fast wie ein Sound-Recording. Keine Poesie mehr, sondern dokumentarische Präzision. In erotischen BDs (z. B. bei Claire Braud) oder zeitgenössischen Romanen von Alina Reyes oder Virginie Despentes explodieren grafische Onomatopoesien: „Aaaah!“, „Mmmh!“, „Hnnng!“ – oft kombiniert mit visuellen Effekten.
In der deutschen erotischen Literatur (z. B. bei Sarah K. oder auf Plattformen wie Amorelie) dominieren Wörter wie „stöhnen“, „keuchen“, „ächzen“, „schmatzen“, „platschen“. Kulturell nuanciert: Englisch liebt Vielfalt („squelch“, „slurp“, „thwack“), Französisch bleibt bei klassischen „gémir/crir/soupirer“, ergänzt aber zunehmend durch direkte Lautschreibungen.
Warum diese Entwicklung? Gesellschaft, Technik und Lesererwartung
- Zensur und Tabu: Vor 1960 musste Erotik „literarisch“ bleiben. Frankreich war hier liberaler – Sade und Réage konnten offener experimentieren.
- Sexualaufklärung und Feminismus: Ab den 1970er Jahren durfte weibliche Lust laut sein – Stöhnen als Empowerment (besonders bei Millet).
- Medienwandel: Mit Hörbüchern und ASMR-Erotik gewinnt der auditive Aspekt.
- Genre vs. Literatur: In rein literarischer Erotik (Houellebecq, Jelinek, Millet) bleibt Onomatopoesie sparsam und ironisch. Im Genre-Roman ist sie massiv.
Edge-Cases und Nuancen: Zu viel wirkt cartoonhaft (Fanfiction-„HNNNGGYAAAAAH!“). Kulturelle Unterschiede: Japan extrem lautmalerisch, Frankreich balanciert zwischen Klassik und Realismus, Deutschland oft verbal. Gender-Aspekte lösen sich langsam auf.
Fazit: Onomatopoesie als ewiger Sinnesverstärker
Von Clelands diskreten „Oh!“ über Sadés „Je meurs!“ und Réages „gémissements convulsifs“ bis zu den heutigen „klatsch-schmatz-stöhn“-Kaskaden hat sich die Onomatopoesie von der Andeutung zur direkten sinnlichen Waffe entwickelt. Die französische Tradition war dabei oft der Motor: philosophisch radikal bei Sade, intim-subversiv bei Réage, dokumentarisch bei Millet. Sie spiegelt gesellschaftliche Freiheiten wider: Je offener wir über Sex sprechen dürfen, desto lauter darf die Literatur klingen.
Für Autoren heute: Wie kombiniere ich Lautmalerei mit Stil, ohne ins Klischee abzurutschen? Für Leser: Genießen Sie die Vielfalt – vom französischen „haï!“ des 18. Jahrhunderts bis zum globalen Orchester der Körper. Denn genau das macht gute erotische Literatur aus: Sie lässt uns nicht nur lesen, sondern hören, fühlen, atmen.
Welche Lautmalerei in erotischen Szenen erregt oder amüsiert euch am meisten – besonders aus der französischen Tradition? Teilt eure Lieblingsbeispiele in den Kommentaren. Und wenn ihr selbst schreibt: Traut euch, die Laute laut werden zu lassen. Die Literatur wird es euch danken.
