Neues Jahr, neuer Mut – Mit emotionaler Stärke ins Jahr 2026

Der Jahresanfang ist die Hochsaison der guten Vorsätze. Auch beim Schreiben. Viele nehmen sich vor, ab jetzt jeden Tag eine bestimmte Wortzahl zu schaffen. 500. 1000. 2000. Die Zahl wirkt klar, messbar, motivierend. Und sie hat einen charmanten Nebeneffekt: Solange du planst, fühlt es sich schon nach Schreiben an.

Was in dieser Euphorie oft untergeht, ist ein Gegner, der nicht nach Drama aussieht, aber zuverlässig gewinnt: Prokrastination.

Nicht, weil du faul bist. Sondern weil Prokrastination häufig eine Schutzreaktion ist. Sie verhindert, dass du dich unangenehmen Zuständen aussetzt: Unsicherheit, Überforderung, Bewertungsangst, Chaos im Kopf. Und genau deshalb ist der Jahresanfang ein guter Moment, nicht nur Ziele zu setzen, sondern ein System zu bauen, das deine Prokrastination ernst nimmt.

Warum tägliche Wortziele oft scheitern

Wortziele scheitern selten an der Mathematik. 500 Wörter sind nicht „zu viel“. Sie scheitern daran, dass du sie jeden Tag gegen deine Stimmung, deinen Alltag und dein Nervensystem durchsetzen musst.

Ein tägliches Pensum kann funktionieren. Aber nur, wenn du eine Antwort auf diese Frage hast:

Was passiert in mir, kurz bevor ich anfange?

Viele kennen den Moment: Du setzt dich hin, öffnest das Dokument — und plötzlich wirkt alles andere dringender. Mails. Abwasch. Wikipedia. Ein perfekter neuer Ordner für dein Projekt. Das sind keine Zufälle. Das ist Timing. Prokrastination tritt oft genau dort auf, wo der Einstieg weh tut.

Prokrastination ist kein Charakterfehler, sondern ein Signal

Psychologisch ist Prokrastination häufig ein Weg, kurzfristig Spannung zu senken. Du verschiebst nicht „die Arbeit“. Du verschiebst das Gefühl, das mit dem Einstieg verbunden ist.

Und dieses Gefühl kann sehr verschieden sein.

Damit du aus der Angst vor dem weißen Blatt herauskommst, brauchst du keine moralische Keule, sondern Diagnostik: Welche Art Prokrastination ist das bei dir?

Vier typische Ursachen – und wie sie sich anfühlen

1) Überforderung durch Unklarheit

Du weißt nicht genau, was du als Nächstes schreiben sollst. Dann fühlt sich der Einstieg an wie ein Sprung in Nebel.

Typisches Symptom: Du starrst auf das Dokument und denkst: „Wo fange ich an?“
Dann flüchtest du in Planung, Notizen, Struktur.

Strategie: Mach den nächsten Schritt so konkret, dass er lächerlich klein ist. Nicht „Kapitel schreiben“, sondern „die Figur betritt den Raum“ oder „erste zwei Sätze der Szene“.

2) Perfektionismus als Sicherheitsstrategie

Du willst nicht anfangen, weil der Anfang schlecht sein könnte. Also wartest du auf den Moment, in dem du „gut genug“ bist.

Typisches Symptom: Du schreibst einen Satz, löschst ihn, schreibst neu.
Oder du liest zehnmal, statt weiterzugehen.

Strategie: Trenne Rohfassung und Bewertung radikal. Schreibe in einer Phase, bewerte in einer späteren. Perfektionismus braucht Grenzen, sonst frisst er Zeit und Mut.

3) Angst vor Bewertung

Nicht jeder, der prokrastiniert, hat Angst vor Menschen. Aber viele haben Angst vor dem Blick, real oder imaginiert.

Typisches Symptom: Sobald du ans Veröffentlichen denkst, wird der Text plötzlich „nicht fertig“.
Oder du fühlst Scham, bevor überhaupt ein Satz steht.

Strategie: Schreibe zunächst nur für eine Person: dich in drei Monaten. Das reduziert den inneren Druck. Veröffentlichung wird später entschieden, nicht beim ersten Absatz.

4) Selbstwert-Kopplung

Hier wird Schreiben unbewusst zum Test: „Wenn ich heute nichts schaffe, bin ich …“
Dann ist jeder Schreibtag eine Prüfung, und Prokrastination schützt dich vor dem möglichen Durchfallen.

Typisches Symptom: Ein schlechter Tag fühlt sich sofort existenziell an.
Und du vermeidest den Start, um dich nicht zu beweisen.

Strategie: Entkopple Identität von Output. Das klingt weich, ist aber praktisch: Du bewertest den Tag nach „bin ich angetreten?“ statt nach „wie viele Wörter?“.

Vom weißen Blatt zur ersten Bewegung: Einstieg ist alles

Die Angst vor dem weißen Blatt ist oft keine Angst vor dem Schreiben. Es ist die Angst vor dem ersten Schritt, in dem sich alles festlegt: Ton, Richtung, Anspruch.

Darum lohnt es, den Einstieg nicht zu romantisieren, sondern zu ritualisieren.

Die 3-Minuten-Regel

Du setzt dir kein Ziel für den ganzen Tag. Du setzt dir nur ein Ziel für drei Minuten. Drei Minuten, in denen du schreibst, egal wie.

Nicht als Trick. Als physiologisches Prinzip: Der Einstieg ist die höchste Hürde. Wenn du drüber bist, wird’s leichter.

Die „schlechte Version“-Erlaubnis

Schreibe absichtlich eine Version, die nicht funktionieren muss. Du gibst deinem Gehirn die Erlaubnis, Material zu produzieren, statt Qualität zu beweisen.

Der erste Satz als körperliche Handlung

Beginne nicht mit „Gedanken“, beginne mit Bewegung. Eine Tür geht auf. Eine Figur setzt sich. Jemand zieht Schuhe aus. Ein Glas beschlägt. Handlung senkt die Einstiegsspannung, weil sie konkret ist.

Ein Jahresvorsatz, der Prokrastination einplant

Wenn du dir fürs neue Jahr etwas vornehmen willst, dann nicht: „Ich prokrastiniere nicht mehr.“

Nimm dir vor:

Ich erkenne früh, welche Art Prokrastination gerade aktiv ist — und ich habe eine passende Gegenbewegung.

Das ist emotionaler Mut: nicht keine Angst zu haben, sondern trotz innerer Widerstände in Kontakt mit dem Text zu bleiben.

Beispielszene: Der Moment vor dem Start

Sie klappt den Laptop auf und bleibt sofort hängen.
Nicht am Text, sondern am Gefühl.
Als wäre die Datei ein Spiegel, der gleich etwas zurückgeben wird.

Sie öffnet das Dokument, sieht die Leere und will sie füllen.
Und genau das macht sie starr.
Sie klickt auf einen Ordner, der nichts mit dem Projekt zu tun hat.
Dann auf den Browser.
Dann auf irgendwas, das nach Kontrolle aussieht.

Sie stoppt.
Nicht, weil sie plötzlich motiviert ist.
Sondern weil sie merkt: Das ist Prokrastination, nicht Realität.

Sie stellt einen Timer auf drei Minuten.
Sie schreibt keinen guten Satz.
Sie schreibt einen Satz, der nur eins tut: anfangen.

Eine Tür fällt ins Schloss.
Die Figur steht im Flur und hört ihren eigenen Atem.
Mehr nicht.
Aber die Seite ist nicht mehr weiß.

Der Mut, den 2026 braucht

Vielleicht ist 2026 nicht das Jahr, in dem du „endlich diszipliniert“ wirst.
Vielleicht ist es das Jahr, in dem du lernst, deinen Widerstand zu lesen.

Du setzt dir Ziele, ja.
Aber du setzt dir auch Strategien für die Momente, in denen du ihnen ausweichen willst.

Weil nicht die Wortzahl entscheidet, ob du schreibst.
Sondern der Einstieg.

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