Um die Rolle von Anne-Marie in Pauline Réages Roman “Die Geschichte der O” im Rahmen von Joseph Campbells System der Heldenreise zu analysieren, müssen wir zunächst Campbells Konzept und die spezifische Dynamik des Romans betrachten. Campbells Heldenreise, wie in “Der Heros in tausend Gestalten” beschrieben, ist ein narrativer Archetyp, der die Reise eines Helden durch verschiedene Phasen und Begegnungen mit anderen, archetypischen Figuren beschreibt. In diesem Blogpost untersuche ich Anne-Maries Rolle in Bezug auf O, die Protagonistin, um festzustellen, welchen Archetypus sie einnimmt.
Im Kontext der Heldenreise könnte man O als die „Heldin“ betrachten, deren Reise jedoch unkonventionell ist: Statt nach Autonomie oder Selbstverwirklichung strebt O nach völliger Selbstaufgabe und Unterwerfung. Diese Umkehrung des klassischen Heldenziels erschwert die Zuordnung von Archetypen, da der Roman die traditionelle Heldenreise subvertiert.
Was bedeutet „Mentorin“?
Eine Mentorin ist in der Regel eine erfahrene Person, die eine andere Person (die Mentee) durch Wissen, Rat und Unterstützung fördert, um deren persönliche oder berufliche Entwicklung zu unterstützen. Eine Mentorin vermittelt oft Werte, Fähigkeiten oder Perspektiven, die der Mentee helfen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder sich in einem bestimmten Umfeld zurechtzufinden. Im Kontext von “Die Geschichte der O” müsste man prüfen, ob Anne-Maries Beziehung zu O diesen Kriterien entspricht oder ob ihre Rolle eher eine andere Funktion erfüllt, etwa die einer strengen Lehrerin, Aufseherin oder Herrin.
Anne-Maries Rolle in “Die Geschichte der O”
Anne-Marie ist eine dominante, autoritäre Figur, die im zweiten Teil des Romans in Samois eingeführt wird. Sie leitet das Schloss Samois, wo O weiter in ihre Rolle als devote Sklavin eingeführt wird. Anne-Maries Handlungen umfassen:
- Die Durchsetzung strikter Regeln und Bestrafungen.
- Die „Ausbildung“ von O, einschließlich physischer Markierungen wie dem Branding.
- Die Vorbereitung von O auf eine tiefere Unterwerfung, insbesondere gegenüber Sir Stephen.
- Eine emotionslose, funktionale Beziehung zu O, die auf Kontrolle und Gehorsam basiert.
Analyse von Anne-Maries Rolle
- Lehrerin oder Aufseherin statt Mentorin?
Anne-Marie führt O in die Regeln und Praktiken von Samois ein. Sie erklärt die Erwartungen, bestraft O bei Regelverstößen und überwacht ihre „Ausbildung“. Ihre Handlungen sind jedoch weniger von Fürsorge oder persönlicher Förderung geprägt, sondern vielmehr von der Durchsetzung einer strengen Hierarchie und Disziplin. Im Gegensatz zu einer klassischen Mentorin, die oft eine freiwillige, unterstützende Beziehung eingeht, ist Anne-Maries Rolle stark autoritär und zwingend. Sie agiert als Verwalterin eines Systems, das O keine Wahl lässt, sondern sie in die absolute Unterwerfung zwingt. - Mangel an emotionaler Bindung
Eine Mentorin entwickelt oft eine persönliche Verbindung zur Mentee, die auf Vertrauen und gegenseitigem Respekt basiert. In Anne-Maries Interaktionen mit O fehlt jedoch jegliche emotionale Wärme oder Empathie. Ihre Beziehung zu O ist funktional und auf die Erfüllung der sadomasochistischen Prinzipien ausgerichtet. Anne-Marie zeigt keine persönliche Fürsorge für Os Wohlbefinden, sondern fokussiert sich darauf, O in eine vorgegebene Rolle zu zwingen, was eher an eine strenge Herrin oder Ausbilderin erinnert als an eine Mentorin. - Ziel der „Ausbildung“
Eine Mentorin hilft der Mentee oft, Autonomie oder Selbstverwirklichung zu erreichen. In “Die Geschichte der O” ist das Ziel von Anne-Maries Handlungen jedoch das Gegenteil: O soll ihre eigene Identität und Autonomie vollständig aufgeben, um sich den Wünschen anderer (insbesondere Sir Stephen) zu unterwerfen. Diese Dynamik steht im Widerspruch zu einer klassischen Mentor-Mentee-Beziehung, da Anne-Marie O nicht zu Selbstständigkeit oder Eigenverantwortung führt, sondern zu einer völligen Selbstaufgabe. - Kontext des Romans
“Die Geschichte der O” ist ein Werk, das sich mit den Themen Macht, Unterwerfung, Erotik und Selbstaufgabe auseinandersetzt. Anne-Maries Rolle ist in diesem Kontext nicht darauf ausgelegt, O zu „fördern“ im Sinne einer persönlichen Entwicklung, sondern sie dient als Werkzeug des Systems, das O in die Rolle der absoluten Sklavin drängt. Ihre Handlungen, wie das Anbringen des Brandzeichens oder das Durchsetzen von Regeln, sind Ausdruck von Kontrolle und Macht, nicht von Mentorship im herkömmlichen Sinne.
Alternative Rollenzuschreibung
Schwellenwächter?
Der Schwellenwächter hingegen bewacht den Übergang in eine neue Welt oder Phase der Reise und stellt den Helden vor Prüfungen, um dessen Würdigkeit zu testen. Anne-Marie könnte als Schwellenwächterin betrachtet werden, da sie O in die tiefere, strengere Welt von Samois einführt, die eine neue Phase in Os Reise darstellt. Sie überwacht Os Transformation durch Rituale wie das Branding und stellt sicher, dass O die Regeln akzeptiert. Ihre strenge Autorität und die Prüfungen, die sie auferlegt, passen gut zu diesem Archetypus. Allerdings ist ihre Rolle nicht nur auf den Übergang beschränkt, sondern sie bleibt eine dauerhafte Autorität in Samois, was sie über die reine Funktion eines Schwellenwächters hinausführt.
Schatten?
Der Schatten repräsentiert eine dunkle oder gegnerische Kraft, die den Helden herausfordert. Anne-Marie ist keine direkte Antagonistin, da O ihre Unterwerfung freiwillig (wenn auch ambivalent) akzeptiert. Dennoch könnte man argumentieren, dass Anne-Marie eine Art „dunkle Mentorin“ oder Schattenfigur ist, da sie die extremen Aspekte der sadomasochistischen Welt verkörpert, die Os Selbstaufgabe fordern. Ihre strenge, emotionslose Kontrolle könnte als Bedrohung für Os individuelle Identität gesehen werden, was sie in Richtung des Schatten-Archetypus rückt. Allerdings fehlt ihr die direkte Opposition, die einen Schatten ausmacht, da O ihre Rolle akzeptiert.
Göttin oder Verbündete?
Diese Archetypen passen nicht, da Anne-Marie keine emotionale oder spirituelle Unterstützung bietet und keine Verbündete im klassischen Sinne ist. Ihre Rolle ist nicht darauf ausgelegt, O Kraft zu geben, sondern sie in die Unterwerfung zu führen.
Trickster?
Der Trickster bringt Chaos oder Veränderung, was auf Anne-Marie nicht zutrifft. Ihre Rolle ist geordnet und zielgerichtet, ohne spielerische oder subversive Elemente.
Fazit
Im Rahmen von Joseph Campbells System der Heldenreise lässt sich Anne-Marie am ehesten als Schwellenwächterin bezeichnen, da sie O in eine neue Phase ihrer Reise (die Welt von Samois) einführt und strenge Prüfungen auferlegt, die Os Hingabe testen. Ihre autoritäre Rolle und die Rituale, die sie überwacht, passen zu diesem Archetypus, auch wenn sie über die reine Funktion eines Schwellenwächters hinausgeht. Der Mentor-Archetypus wäre eine mögliche, aber weniger passende Zuordnung, da Anne-Marie die fürsorgliche, unterstützende Komponente eines Mentors fehlt. Ihre Rolle als strenge, emotionslose Autorität, die O in die Unterwerfung führt, macht sie zu einer komplexen Figur, die Campbells Archetypen herausfordert, insbesondere angesichts der subversiven Natur des Romans.