Versuch’s mit dem Gegenteil

Heute habe ich die Lektüre von Colleen Hoovers “Hope Forever” beendet. Während ich über das Buch nachdenke, muss ich unwillkürlich immer wieder schmunzeln – und das, obwohl das Buch über die Liebesgeschichte hinaus ein sehr ernstes, tiefes Thema hat. Aber letztlich ist es genau dieses Thema, das über die Hälfte des Buches nur leicht durchschimmert und erst im späteren Verlauf seine volle Wucht entfaltet. Finde ich grandios gelöst. Alles ist von der ersten Seite an angelegt, ergibt aber erst mit der Zeit einen Sinn.

Aber ich will hier keine Spoiler verbreiten. Ich hatte ja gestern bereits darüber geschrieben, wie Colleen Hoover die “Zwölf Stufen körperlicher Intimität“, die bei den meisten Menschen nach dem immer gleichen Muster ablaufen, mal eben komplett durcheinander mischt, um so die Liebesgeschichte zwischen Sky und Holder zu etwas Einmaligen zu machen, das im Gedächtnis haften bleibt.

Einen ganz ähnlichen Trick benutzt Hoover bei den SMS, die Holder Sky regelmäßig schickt. Von der ersten Textnachricht an bricht sie aus dem Klischee aus, indem sie Holder genau das Gegenteil von dem schreiben lässt, was der Leser erwarten würde. Als Autor sind solche Briefe ein gefährliches Pflaster. Es ist klar, dass es zwischen Sky und Holder gefunkt hat. Was kommt als nächstes? Liebesschwüre per Handy? Belanglosigkeiten, die der Tod jeder guten Geschichte wären? Hier die erste SMS von Holder:

Deine Kekse schmecken nach Hundefutter. Und bilde dir bloß nicht ein, dass du besonders hübsch wärst.

All das ist gut eingefädelt. Sky hat eine Freundin, Six. Die setzt sich aber gerade für ein Austauschjahr nach Italien ab. Und so bleibt den Mädchen nur die Chance, per Handy Kontakt zu halten. Six macht nun etwas, was für eine Mädchenfreundschaft ziemlich ungewöhnlich, im Rahmen des Plots aber ungemein wichtig ist: Sie sendet Sky jeden Tag eine aufbauende SMS à la

Sky, du bis wunderschön, höchstwahrscheinlich sogar das schönste Geschöpf des gesamten Universums, und wenn jemand das Gegenteil behauptet, muss ich ihn leider töten.

Die eine Funktion dieser Textnachrichten im Rahmen des Plots ist, den Sympathiefaktor für Sky zu steigern. Dies ist gerade am Anfang eines Romans wichtig, weil der Leser hier entscheidet, ob ihm die Hauptfigur sypathisch ist oder nicht. Da die Geschichte aus Skys Perspektive erzählt wird, kann sie sich schlecht selbst loben, um den Leser für sich einzunehmen. Deswegen ist es hilfreich, möglichst früh einen Zeugen zu installieren, der sich darüber auslässt, wie toll die Protagonistin ist. Wer über diese Techniken mehr erfahren will, dem sei das Buch Writing for Emotional Impact: Advanced Dramatic Techniques to Attract, Engage, and Fascinate the Reader from Beginning to End von Karl Iglesias dringendst anempfohlen. Er listet in einem eigenen Kapitel sämtliche Möglichkeiten auf, den Leser für einen Protagonisten einzunehmen.

Die zweite Funktion bezieht sich auf das Spiel, das Holder entwickelt, nämlich immer genau das Gegenteil von dem in seinen Textnachrichten mitzuteilen, was er wirklich denkt. Dadurch lassen sich alle Klischees, die bei solchen SMS-Wechseln gern auftauchen, wunderbar umgehen. Der Grund, warum Holder solche Nachrichten schreibt, ist, dass er findet, Six würde mit ihren Botschaften das Ego von Sky bis zum Zerplatzen aufblasen. Und er müsse nun etwas tun, damit Sky wieder auf den Teppich kommt.

Wer mir nicht glaubt, dass Six vor allem dafür in den Roman eingebaut wurde, um die guten Seiten von Sky hervorzuheben – und um Holder ein Motiv für seine eigenen, absurden SMS-Nachrichten zu geben, möge einmal schauen, wie Six im weiteren Verlauf des Romans immer seltener auftaucht und zum Schluss gar keine Rolle mehr spielt. Für eine beste Freundin, die bereits auf den ersten Seiten eingeführt wurde, ist dies äußerst ungewöhnlich.

Dies ist ein weiterer guter Tipp für alle Autoren: Genau das Gegenteil von dem schreiben, was der Leser erwarten würde. Das macht neugierig, verhindert Klischees, und sorgt außerdem für eine Prise Humor.

Besonders aufgefallen ist mir diese Technik in den Dialogen der Fernsehserie “Gilmore Girls“. Die Serie ist ohnehin durch ihre geschliffenen Dialoge mit zahllosen Anspielungen auf Film, Musik, Politik, Literatur und Ereignisse des Zeitgeschehens zu Berühmtheit gelangt. Das Stilmittel, genau das Gegenteil von dem zu sagen, was in der Situation gerade erwartet wird, findet dort recht häufigen Gebrauch. Das sorgt gelegentlich für einen absurden Touch, macht aber beim Zusehen ungemein Spaß.

Also: Wenn ihr gerade das Gefühl habt, eure Geschichte oder eure Dialoge bewegen sich zu nahe am Klischee, versucht es einfach mal mit dem genauen Gegenteil.

Viel Spaß dabei, alles Liebe,
Sandra

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