Magische Düfte

Eine Kleinstadt irgendwo an der Alaskanischen Riviera, Cicely mit Namen. Darin der Radio-DJ Chris Stevens, ein Künstlertyp, der Walt Whitman verehrt, C.G.Jung rezitiert und in seiner Freizeit aus Abfällen Kunstwerke zusammenschweißt. Einmal im Jahr wird er für die Frauen der Stadt einfach unwiderstehlich. Der neue Arzt der Stadt, Joel Fleischman, ist begeistert, auch wenn er die plötzliche Attraktion, die von Stevens ausgeht, zunächst für eine Show hält. Er macht die üblichen Tests, Testosteronspiegel, Blutwerte etc. Schließlich zieht er sogar einen befreundeten Endokrinologen zu Rate. Und dieser bestätigt: Das Phänomen ist bekannt. Offensichtlich produziert Chris’ Körper zu einer bestimmten Zeit im Jahr eine besondere Menge Pheromone.

Zugegeben: Der Plot ist erfunden. Eine Geschichte. Wunderbar umgesetzt in der Fernsehserie “Ausgerechnet Alaska” in der Folge “Magische Düfte” aus Staffel 3. Ein Drehbuch von Ellen Herman, meist als Produzentin aktiv, aber auch mit zahlreichen Drehbüchern am Start, unter anderem für Melrose Place, Desperate Housewifes und Jericho. “Ausgerechnet Alaska” gehört zu den cleversten Serien, die ich bisher gesehen habe. Auf spielerische Art verknüpft sie Ideen aus den verschiedensten Bereichen: Metaphysik, Psychologie, Literatur, Physik. Wer sie nicht kennt, unbedingt einmal reinschauen.

Ich selbst bin Fan der Serie, seit ich in dem Buch “Writing the Character-Centered Screenplay” das erste Mal von ihr las. Andrew Horton, Professor für Film und Literatur an der Loyola University, New Orleans, erklärt in dem Buch anschaulich, wie wir unsere Geschichten über die Entwicklung von Figuren voranbringen.  “Ausgerechnet Alaska” wird in dem Buch an etlichen Stellen als Vorbild erwähnt, analysiert und für Übungen herangezogen.

Aber zurück zu den Pheromonen. Ich habe sie in den letzten Tagen häufiger erwähnt, etwa im Zusammenhang mit dem Geschmack der Haut oder dem Geschmack des Cunnilingus. Und auch Sandra sagt mir gerade, sie habe im Zusammenhang von Gerüchen und ihre Wirkung bereits von ihnen geschrieben. Pheromone sind letztlich Botenstoffe. Etwa im Schweiß oder in den Vaginalsekreten tauchen sie auf. Intensiv untersucht wurden sie bis jetzt vor allem bei Insekten und kleineren Wirbeltieren.

Inzwischen ist aber klar, dass auch Menschen ihre Partnerwahl durch Pheromone beeinflussen lassen. Wahrgenommen werden sie durch das VNO (Vomeronasales Organ) in der Nasenscheidewand. Offensichtlich besitzt dieses Organ eine direkte Verbindung zum Hypothalamus, der die vegetativen Funkionen des Körpers steuert – und  damit auch das Steuerungszentrum für Sexualität im Gehirn ist.

Wir alle wissen, dass der Geruch einer Person mit ausschlaggebend für unsere Zu- oder Abneigung ist. Von daher scheint mir fraglich, ob es ein besonders cleverer Schachzug ist, sich mit künstlichen Pheromonen, die mittlerweile zuhauf auf dem Markt sind, einzusprühen. Allein schon deswegen, weil noch niemand in der Lage ist, die Zusammensetzung menschlicher Pheromone sicher nachzubauen. Und wer will schon seine Partnerwahl von einem Sprühfläschchen abhängig machen? Mir scheint es sinnvoller, auf die körpereigenen Pheomone zu vertrauen – weil dies die Botenstoffe sind, die tatsächlich die Signale aussenden, die uns zum richtigen Partner führen.

Bisher bewegt sich die Forschung hier im Bereich des Behaviorismus: Es gibt einige spannende Testreihen, die die Existenz und Wirkung von menschlichen Pheromonen belegen. Da ist zum Beispiel Ivanka Savic vom Karolinska Institut in Stockholm. Sie generierte aus dem testosteronhaltigen Schweiß von Männern und dem östrogenhaltigen Urin von Frauen Duftstoffe. Diese ließ sie ihre Probanden riechen, während sie unter dem Computertomographen lagen. Die Männer, die den Frauenbotenstoff rochen, reagierten mit einer heftigen Zunahme der Gehirnaktivitäten im Bereich des Hypothalamus. Ebenso ging es den Frauen beim aus dem Männerschweiß extrahierten Duft. Spannend war nun zu sehen, ob Homosexuelle eher auf den Frauen- oder auf den Männerduft reagieren würden. Das Ergebnis war klar: Nun war es der Botenstoff des eigenen Geschlechts, der zu Gefühlswallungen führte.

Auch ein anderer Test ist berühmt geworden. Kirk-Smith & Booth haben 1980 einen Test in einer Zahnarztpraxis unternommen. Dort haben sie jeweils einen Stuhl mit Pheromonen besprüht und dann einzelne Frauen den Warteraum betreten lassen. Alle Versuche zeigten das gleiche Ergebnis: Die Zahl der Frauen, die sich – ohne es zu wissen – auf den besprühten Stuhl setzte, war überproportional hoch. Wiederholungen des Tests an anderen Orten, wie dem Guy’s Hospital in London führten zum gleichen Ergebnis.

Ellen Herman hat in ihrer “Ausgerechnet Alaska”-Episode “Magische Düfte” gezeigt, wie sich solch wissenschaftliche Erkenntnisse kreativ zu einer Geschichte umbauen lassen. Aber das ist ja das Schöne an der Kreativität: Der Ausgangsimpuls kann in völlig unterschiedliche Richtungen ausgearbeitet werden. Versucht euch doch einfach selbst einmal an einer Story, in der ihr das Wissen um die Pheromone und ihre Wirkung aufzeigt. Betrachtet es als “Writing Prompt” – einen Schreibimpuls zum Weiterspinnen.

Sandra und ich sind uns in dem Punkt einig: Erotische Literatur sollte sich möglichst nah an der Realität bewegen. Viel zu häufig haben wir es erlebt, das Erotika und Pornographie ein völlig verzerrtes Bild von der Wirklichkeit zwischen Mann und Frau wiederspiegelten. Indem wir uns die neuesten Forschungsergebnisse im Bereich der Humanforschung ansehen und diese als Ausgangspunkt für eigene Geschichten nehmen (ohne die Leser mit unnötigem wissenschaftlichen Ballast zu nerven), sind wir automatisch näher dran an der Wirklichkeit. Wir denken, das erhöht auch die Chance, als Autoren ernst genommen zu werden.

 

 

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