2013 lief Blau ist eine warme Farbe in Cannes – und hinterließ neben all dem Lob einen Schatten, der bis heute länger ist als die Szene selbst. Denn die zentrale Sexszene des Films wurde, wie später berichtet wurde, über zehn Drehtage hinweg wieder und wieder aufgenommen. Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux beschrieben die Erfahrung in Interviews als „horrible“; das Gefühl, dass Intimität nicht mehr gespielt, sondern produziert wurde – unter Wiederholung, Beobachtung, Druck.
Was daran so wichtig ist: Hier ging es nicht um „zu viel Sex“. Es ging um zu wenig Struktur. Zehn Drehtage bedeuten: dieselben Bewegungen, dieselben Berührungen, dieselben Winkel – jedes Mal neu, jedes Mal unter Blicken, jedes Mal mit der Frage, wie viel von deinem Körper gerade wirklich dir gehört. Wer schon einmal einen Kuss „für Kamera“ wiederholt hat, weiß: Der Körper merkt sich nicht nur die Nähe, er merkt sich auch die Umstände. Und wenn die Umstände ungeklärt sind, wird Intimität schnell zur Belastungsprobe.
Diese Kontroverse ist deshalb ein Schlüssel, weil sie einen Satz entzaubert, der in Kreativberufen gern fällt: „Lass es fließen.“ Am Filmset ist „fließen lassen“ oft nur eine andere Form von: Grenzen verhandeln, während die Maschine schon läuft.
Der Beruf, der aus der Lücke entstand
Der moderne Filmset-Beruf heißt heute meist Intimacy Coordinator (im Theater häufig Intimacy Director). Er entstand nicht aus einer Mode, sondern aus einem simplen Widerspruch: Film ist hochprofessionalisiert – aber Intimität war es lange nicht.
Ab 2017/2018 wird diese Rolle im Mainstream sichtbar, unter anderem durch frühe, öffentlich besprochene Einsätze bei großen Produktionen. Ein oft zitierter Meilenstein ist HBOs Vorgehen, Intimität ähnlich zu behandeln wie Stunts: vorbereiten, absprechen, choreografieren, absichern. Für The Deuce wurde Alicia Rodis als Intimacy Coordinator beschrieben – inklusive Aufgaben, die sehr nach Set-Realität klingen: Skript prüfen, vorab mit Schauspieler*innen sprechen, Abläufe durchgehen, am Set präsent sein, damit niemand in Grauzonen fällt.
Parallel entstanden Leitlinien, die Intimität in klare Protokolle übersetzen – etwa die Intimacy On Set Guidelines (Ita O’Brien), die explizit auf „best practice“ zielen: Vorbereitung, Zustimmung, Choreografie, geschützte Bedingungen, Nachsorge.
Und dann kam die Institutionalisierung: SAG-AFTRA veröffentlichte Standards and Protocols zur Nutzung von Intimacy Coordinators, als Rahmenwerk über die gesamte Produktion hinweg – inklusive Closed-Set-Implementierung und Zuständigkeiten.
Die beste Analogie ist tatsächlich nicht Erotik, sondern Action:
Niemand würde eine Treppensturz-Szene „künstlerischer“ nennen, nur weil man auf Stuntkoordination verzichtet. Bei Intimität hat die Branche dieses Verständnis erst nach und nach gelernt: Sicherheit ist keine Bremse, sondern die Voraussetzung, dass Schauspiel überhaupt möglich wird.
Vertragssprache und Leinwand-Erotik
Wer noch immer glaubt, intime Szenen entstünden am Set aus spontaner Chemie, verwechselt das Ergebnis mit dem Herstellungsprozess. In der Praxis beginnt eine Sexszene oft lange vor dem ersten Drehtag – am Tisch mit Verträgen, Juristinnen, Agenten und präzisen Formulierungen. Dort wird festgelegt, was gezeigt werden darf, welche Körperzonen sichtbar sein dürfen, welche Handlungen simuliert werden, wer beim Dreh anwesend ist und wie das Material später verwendet werden darf. Die Sprache dieser Vereinbarungen ist nicht sinnlich. Sie ist trocken, technisch, manchmal fast klinisch. Und genau das ist ihr Sinn.
Diese Nüchternheit wirkt auf den ersten Blick wie das Gegenteil von Erotik. Tatsächlich ist sie ihre Voraussetzung. Denn eine Szene kann nur dann frei gespielt werden, wenn die Grenzen vorher klar sind. Was im Vertrag als Grenze definiert wird, muss am Set nicht jedes Mal neu erkämpft werden. Das schützt nicht nur vor Übergriffen, sondern auch vor dem subtileren Druck, „jetzt einfach mitzugehen“, weil das Licht steht, die Crew wartet und die Regie noch „eine stärkere Version“ will.
An dieser Stelle wird auch klar, warum der Intimacy Coordinator eine eigene Rolle einnimmt. Er ersetzt keine Juristen und verhandelt nicht den Vertrag. Seine Aufgabe beginnt dort, wo das Papier auf den Körper trifft. Er übersetzt Vertragsgrenzen in konkrete Abläufe: Welche Berührung ist choreografiert, wo endet sie, wie wird gestoppt, wie wird neu angesetzt. Die eigentliche Pointe ist also: Je unromantischer die Vorbereitung, desto größer die Chance, dass die Szene später auf der Leinwand intim wirkt.
Warum das ein Thema für erotische Literatur ist
„Wir drehen ja keinen Film“, könnte man sagen. „Wir schreiben.“ Genau deshalb ist das Thema so wertvoll: Intimacy Coordination macht sichtbar, was literarische Erotik oft verdrängt.
Erstens: Intimität ist immer Choreografie – auch auf Papier.
Wenn du eine Sexszene schreibst, schreibst du Raum, Balance, Tempo. Du schreibst, wie Körper sich zueinander verhalten: Wer steht? Wer sitzt? Wer weicht zurück? Wer bleibt? Welche Hand liegt wo? Welche Haut ist sichtbar, welche bedeckt? Ein Slip am Knöchel ist eine andere Situation als Unterwäsche, die noch sitzt. Ein T-Shirt, das hochgeschoben ist, verändert Scham und Mut anders als völlige Nacktheit. Das ist kein Beiwerk, das ist Szene.
Zweitens: Zustimmung ist kein einmaliger Satz, sondern eine Reihe von Entscheidungen.
Im erotischen Schreiben wird Consent oft als Einstieg erledigt: „Willst du?“ – „Ja.“ Fertig. Das Set-Denken zeigt: Jede neue Handlung ist ein neuer Schritt. Zustimmung ist situativ, sie kann kippen, sie kann enger werden, sie kann wachsen. Genau diese Dynamik ist erotisch, weil sie Spannung erzeugt: Nicht „darf ich?“, sondern „wie gehen wir weiter, ohne dass jemand sich verliert?“.
Drittens: Professionalisierung verändert die Ästhetik.
Wenn intime Szenen häufiger mit Intimacy Coordination entstehen, verändert das, was Zuschauer*innen gewohnt sind: weniger „Grenzen überrollen“, mehr bewusstes Spiel mit Blicken, Pausen, Stopps, Vereinbarungen. Das sickert in Tropes, Fantasien, Erwartungen – und damit auch in unsere Texte.
Kurz: Intimacy Coordination ist nicht nur ein Set-Beruf. Es ist ein Modell, wie man Intimität als Handwerk denkt.
Die Romanidee als Bühne: „Erotic Actress Talent Search“
Erotic Actress Talent Search ist dafür ideal, weil sie genau an der Schnittstelle liegt, an der Erotik und Professionalität sich reiben. Du kannst das Thema nicht nur erklären, sondern dramatisieren: als Casting, als Training, als Prüfung.
Und hier wird der Intimacy Coordinator zur literarisch spannenden Figur. Nicht als Moralwächter, sondern als jemand, der Intimität spielbar macht – und damit Macht sichtbar macht.
- Er/sie übersetzt Regie-Bilder („mehr Hunger“, „mehr Nähe“) in konkrete Handlungen („Hand auf Rippenbogen“, „Kopf drehen“, „Blick halten“).
- Er/sie baut Vertrauen nicht über Wärme auf, sondern über Klarheit.
- Und er/sie erkennt sofort, wenn eine Kandidatin „funktioniert“, aber innerlich aus der Szene fällt.
Das ist Stoff. Weil du damit eine Wahrheit erzählst, die in erotischer Literatur selten so klar sichtbar ist: Intimität ist nicht nur Gefühl. Sie ist Abmachung, Rhythmus, Mut, Technik.
Was Intimacy Teaching wirklich lehrt
Wenn man über Intimacy Coordination spricht, entsteht schnell ein falsches Bild: als ginge es vor allem darum, peinliche Situationen abzufedern. Als wäre das eine freundliche Person am Set, die darauf wartet, dass jemand „Stopp“ sagt. Das greift zu kurz. In der Praxis ist Intimacy Teaching keine Trostzone. Es ist Präzisionsarbeit.
Denn die eigentliche Herausforderung beginnt bei Anweisungen, die im Drehbuch explizit stehen und nicht einfach „wegsimuliert“ werden können: Mund an Brust. Hand zwischen die Beine. Kopfbewegung, Griff, Gegengriff. Genau dort entscheidet sich, ob eine Produktion professionell arbeitet oder in alte Muster zurückfällt.
Der entscheidende Unterschied ist: Auf seriösen Sets werden solche Momente nicht als spontane Eskalation gespielt, sondern in klar begrenzte Einheiten übersetzt. Das Drehbuch formuliert eine Wirkung. Der Vertrag setzt die Grenzen. Die Intimacy Coordination macht daraus einen spielbaren Beat. Und erst dann beginnt die Probe.
Vom Vertrag in den Körper
Für ein gutes Teaching heißt das: Der Unterricht startet nicht mit Erotik, sondern mit dem Rahmen. Was wurde freigegeben? Was ist ausgeschlossen? Welche Körperzonen sind nur über Abdeckung spielbar? Welche Berührungen sind nur als Kameratrick erlaubt? Wer ist im Raum, wer nicht? Wie wird ein Beat dokumentiert, damit er im nächsten Take identisch wiederholbar ist?
Diese Nüchternheit wirkt auf Außenstehende oft wie das Gegenteil von Sinnlichkeit. In Wahrheit ist sie ihre Bedingung. Denn ohne diesen Rahmen wird jede explizite Szene sofort zu einer Machtfrage. Mit Rahmen wird sie zu einer Arbeitsfrage. Und das ist ein Unterschied, den man nicht unterschätzen sollte.
Gerade für junge Schauspielerinnen ist das ein zentrales Learning: Professionalität bedeutet nicht, alles mitzumachen. Professionalität bedeutet, die eigenen Grenzen so präzise formulieren zu können, dass die Szene trotzdem funktioniert.
Was geübt wird: nicht Mut, sondern Boundary Literacy
Das Wort klingt technisch, trifft aber genau den Punkt: Boundary Literacy. Also die Fähigkeit, Grenzen nicht nur zu fühlen, sondern sie klar zu benennen.
Nicht vage: „Das ist mir irgendwie unangenehm.“
Sondern konkret: „Kein direkter Kontakt an der Brustwarze.“ „Hand nur an der Innenseite des Oberschenkels, nicht höher.“ „Kein Kuss mit Zunge.“ „Kein Gesicht im selben Frame.“ „Reset nach jedem Take.“
Das ist kein Formalismus. Das ist Spielbarkeit. Je genauer die Grenze, desto genauer kann die Szene gebaut werden. Das Teaching hat deshalb weniger mit „Hemmschwellen abbauen“ zu tun, als viele denken, und mehr mit Sprache, Timing und Verkörperung. Die Schauspielerin lernt nicht, Grenzen zu verlieren. Sie lernt, Grenzen zu setzen und trotzdem präsent zu bleiben.
Und genau das ist auch für erotische Literatur ein starkes Modell: Die Szene gewinnt an Spannung, wenn Entscheidungen sichtbar werden. Nicht wenn alles in einem diffusen „Dann passierte es“ verschwindet.
Mini-Szene: Das Teaching im Proberaum
Der Proberaum riecht nach Holzstaub und frischer Wäsche. Auf dem Boden liegt Tape, das eine kleine Spielfläche markiert, als wäre Intimität etwas, das man abmessen kann. An der Wand steht ein Stuhl, daneben ein Kleiderständer mit Bademänteln in verschiedenen Größen.
Mara ist die Jüngste in der Runde. Anfang zwanzig. Sie trägt ein schlichtes Tanktop und einen Slip, barfuß, weil sie dachte, das gehöre zum „Mut“. Die Haut an ihren Armen ist leicht gekörnt, nicht vor Kälte, sondern vor Aufmerksamkeit. Neben ihr steht der Partner für die Übung – ebenfalls in neutraler Kleidung. Zwischen ihnen: eine Person mit Klemmbrett, ruhiger Stimme, ohne Theater.
„Wir üben heute keine Erotik“, sagt die Koordinatorin. „Wir üben Abläufe, damit Erotik später möglich wird.“ Sie schaut nicht prüfend, sondern sachlich. „Erster Schritt: Grenzen. Sag mir drei Dinge. Ja, Nein, Vielleicht.“
Mara schluckt. Sie merkt, wie schnell ihr Kopf Geschichten erfindet: Wenn ich jetzt Nein sage, bin ich raus. Das ist genau der Moment, in dem das Casting beginnt, ohne dass jemand „Action“ ruft.
„Ja: Kuss“, sagt sie. „Ja: Hand am Rücken. Vielleicht: Hand unter dem Slip.“
Sie spürt, wie ihr Gesicht warm wird, weil sie das Wort gesagt hat. Weil es plötzlich konkret ist.
„Gut“, sagt die Koordinatorin. „Und Nein?“
Mara atmet aus. „Nein: Finger in mir.“ Sie hat das Wort im Mund, als wäre es zu laut für diesen Raum, aber niemand zuckt. Niemand lächelt. Niemand macht eine Pointe daraus.
„Perfekt“, sagt die Koordinatorin. „Nicht weil es ‚richtig‘ ist. Sondern weil es deins ist.“
Dann klebt sie ein zweites Tape-Rechteck auf den Boden. „Das ist die Kamera. Sie sieht nur, was wir ihr geben. Wir bauen jetzt eine Einstellung in sechs Beats. Ich nenne sie. Ihr spielt sie. Ohne Improvisation.“
Beat eins: zwei Schritte Nähe. Beat zwei: Blickkontakt halten. Beat drei: Hand auf Schulter. Beat vier: Hand sinkt zum unteren Rücken. Beat fünf: kurze Pause – beide atmen, beide bleiben. Beat sechs: Mara zieht den Slip nicht aus. Sie schiebt ihn nur ein Stück seitlich, so weit, wie sie es vorher als „Vielleicht“ markiert hat – und stoppt.
„Stop“, sagt die Koordinatorin sofort, nicht als Abbruch, sondern als Markierung. „Genau hier. Das ist der Punkt, an dem viele Szenen kippen, weil niemand weiß, ob es weitergeht.“
Mara merkt, wie ihr Körper in einer seltsamen Mischung aus Scham und Erleichterung steht. Ihre Oberschenkel sind angespannt. Ihre Hand liegt am Stoff. Ihre Brust hebt sich schneller als geplant. Und doch fühlt sie etwas, das sie nicht erwartet hat: Kontrolle.
„Reset“, sagt die Koordinatorin. „Noch einmal. Gleicher Ablauf. Gleiche Beats. Gleiche Grenze.“
Beim zweiten Durchgang ist Mara nicht mutiger. Sie ist präziser. Und Präzision ist eine eigene Form von Mut. Sie merkt, wie der Partner sich an die Abmachung hält, wie der Blick nicht frisst, sondern wartet. Wie eine Pause erotischer sein kann als ein schneller Schritt. Wie ihre Nacktheit – selbst wenn sie noch nicht ganz nackt ist – weniger bedrohlich wird, sobald sie nicht mehr „passiert“, sondern entschieden wird.
Am Ende hängt sie sich den Bademantel über die Schultern. Der Stoff ist warm, schwer, eindeutig. Die Koordinatorin nickt.
„Nachsorge“, sagt sie. „Der Körper muss wissen, dass die Szene vorbei ist.“
Mara zieht den Gürtel zu. Und für einen Moment ist klar: Das Casting sucht nicht diejenige, die am meisten zeigt. Es sucht diejenige, die sich nicht verliert, wenn sie etwas zeigt.
Was Autor*innen daraus mitnehmen können
Wenn du erotische Szenen schreibst, kannst du dir Intimacy Coordination als unsichtbare Handwerksbrille aufsetzen:
- Blocke Intimität wie Theater: Wer steht wo? Was sieht wer? Was sieht niemand?
- Schreibe Consent als Rhythmus: nicht als Checkliste, sondern als Reihe von Mikro-Entscheidungen.
- Mach Wiederholung zum Faktor: Was passiert mit Scham, wenn eine Berührung zum dritten Mal passiert?
- Nutze Pausen: Eine Hand, die stoppt, ist oft spannender als eine Hand, die „nimmt“.
- Gib Figuren Nachsorge: Ein Handtuch, ein Shirt, ein Glas Wasser – nicht als Moral, sondern als psychologische Wahrheit.
Was wir aus „Blau“ lernen
Blau ist eine warme Farbe bleibt ein starkes Beispiel, weil es eine historische Lücke markiert: große Kunst, großer Aufwand, aber wenig strukturierter Schutz für eine Szene, die körperlich und psychisch maximal nah an Menschen heranreicht.
Die Entstehung der Intimacy Coordinators ist die Antwort der Branche auf genau diese Lücke: Intimität wird als Handwerk behandelt – mit Protokollen, Rollen, Sprache, Stop-Recht und Wiederholbarkeit.
Für uns als Autor*innen ist das keine Randnotiz. Es ist eine Einladung, Erotik nicht als Nebel zu schreiben, sondern als präzise Szene: Körper im Raum, Entscheidungen in Echtzeit, Grenzen als Spannungsinstrument – und Professionalität als überraschend erotischer Faktor, weil sie das Spiel erst möglich macht.
