Der vaginale Mythos: Eine kurze Reise durch die Geschichte

Woher stammt dieser hartnäckige Glaube, dass der Orgasmus einer Frau nur durch Penetration “richtig” sei? Der vaginale Mythos hat tiefe Wurzeln in der Psychoanalyse und der Kultur. Er dreht sich um die Idee, dass der Klitoris-Orgasmus unreif sei und der vaginale der einzig reife, erwachsene Gipfel der Lust. Lass uns das Schritt für Schritt aufdröseln, von den Anfängen bis zur Entlarvung. Es ist eine Geschichte voller Vorurteile, Wissenschaft und Emanzipation.

Die psychoanalytischen Wurzeln bei Freud

Alles beginnt im frühen 20. Jahrhundert mit Sigmund Freud. Er war der Vater der Psychoanalyse und sah die weibliche Sexualität durch eine Linse, die stark von seiner Zeit geprägt war. In seinem Werk “Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie” aus dem Jahr 1905 teilte er Orgasmen in zwei Kategorien ein. Der klitorale Orgasmus? Für ihn ein Relikt der Kindheit, unreif und kindlich. Frauen müssten ihn “überwinden”, um reif zu werden – durch den Übergang zum vaginalen Orgasmus, der tief und penetrativ sei. Freud glaubte, das passe zur Entwicklung: Von der Klitoris als “männlichem” Organ zur Vagina als Symbol der Weiblichkeit. Viele Frauen litten darunter, hieß es, weil sie diesen Wechsel nicht schafften – eine “Hysterie”, die Therapie brauchte. Stell dir vor, eine Patientin in Freuds Wiener Praxis sitzt da, beschreibt ihre Lust, und er diagnostiziert: “Unreif.” Psychisch war das ein Schlag, der Frauen in Scham hüllte und Männern Macht gab. Der Mythos wurde geboren, und er hallte durch Jahrzehnte wider.

Kinsey und die ersten Risse in der Fassade

Dann kam Alfred Kinsey in den 1940er und 1950er Jahren. Dieser US-Sexologe war ein Entomologe, der von Fliegen zu menschlicher Sexualität wechselte. Seine “Kinsey-Reports” – “Sexual Behavior in the Human Male” 1948 und “Sexual Behavior in the Human Female” 1953 – basierten auf Tausenden Interviews. Was er fand, war revolutionär: Die meisten Frauen erreichten Orgasmen durch klitorale Stimulation, nicht rein vaginal. Nur ein kleiner Prozentsatz kam durch Penetration allein. Kinsey nannte den vaginalen Mythos eine “Reflexion männlicher Eitelkeit”, weil Männer ihre Rolle als “Eroberer” überbewerteten.

Er beschrieb Frauen, die in Umfragen ehrlich waren: Eine Hausfrau aus dem Mittleren Westen gestand, dass sie sich selbst berührte, weil ihr Mann es nicht wusste. Psychisch fühlte sie Schuld, doch Kinsey normalisierte es. Die Wissenschaft knackte den Mythos auf, doch die Gesellschaft? Sie klammerte sich fest. Pornos und Ratgeber predigten weiter den “tiefen” Orgasmus.

Die feministische Explosion der 1960er und 1970er

Die Zweite Welle des Feminismus ließ den Mythos explodieren. 1968 schrieb Anne Koedt ihren Essay “The Myth of the Vaginal Orgasm”. Als radikale Feministin in New York argumentierte sie: Der Mythos diene der Unterdrückung. Er mache Frauen abhängig von Männern und ignoriere die Klitoris als zentrales Lustzentrum. Koedt malte ein klares Bild: Eine Frau in einem Bewusstseins-Raising-Treffen teilt ihre Frustration – “Ich komme nie so, wie er es will” –, und die Gruppe erkennt den kulturellen Betrug. Psychisch war das befreiend: Plötzlich war die Klitoris kein Tabu, sondern ein Symbol der Autonomie.

Bald folgten William Masters und Virginia Johnson mit ihrem Buch “Human Sexual Response” 1966. Sie maßen physiologisch: Alle Orgasmen sind klitoral, die Vagina hat wenige Nervenenden. Der Mythos? Anatomisch falsch.

Shere Hite baute darauf auf. Ihr “Hite Report” von 1976 – basierend auf 3000 Fragebögen – zeigte: 70 bis 80 Prozent der Frauen brauchen klitorale Berührung. Eine Leserin beschrieb es so: In ihrem Vorstadthaus, bei Kerzenlicht, bat sie ihren Mann um Oralvergnügen, und er lachte erst – dann lernte er. Der Report machte den Mythos lächerlich und empowerte Frauen weltweit.

Heute: Der Mythos schmilzt, aber Spuren bleiben

In den 2020er Jahren ist der Mythos größtenteils enttarnt. Neurowissenschaft zeigt: Die Klitoris hat 8000 Nervenenden, die Vagina weit weniger. Bücher wie “Come as You Are” von Emily Nagoski erklären es zugänglich. Doch Reste hängen: In manchen Kulturen, Pornos oder Beziehungen taucht die Empörung auf, wenn Frauen klitorale Lust fordern. Psychisch wurzelt das in Freuds Erbe – einer Zeit, als Sex prokreativ war, nicht lustvoll.Diese Geschichte lehrt uns: Mythen sterben langsam, aber Wissen befreit. Hast du eigene Erfahrungen? Teile sie in den Kommentaren.

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