Ich stand da. Nackt. Blind. Gespannt. Und zum ersten Mal fragte ich mich: Was, wenn ich nicht hierher gehöre? Was, wenn ich zu empfindlich bin? Zu nervös? Zu zerbrechlich? Aber ich blieb. Die erste Berührung kam ohne Vorwarnung. Ein Finger, kaum spürbar, fuhr über mein Schlüsselbein. Dann entlang der Rundung meiner rechten Brust. Kein Druck. Nur Wärme. Mir stockte der Atem. Jetzt ein weiterer Finger, auf der anderen Seite. Dann Hände. Erkundend, kreisend. Meine Brustwarzen waren schon hart geworden. Ich konnte alles spüren – als wäre meine Haut nach außen gekehrt worden. Dann Lippen. Eine Zunge. Sie glitt über meine linke Brustwarze. Sanft. Langsam. Bestimmt. Ich schnappte nach Luft. Ein Laut entfuhr mir, bevor ich ihn unterdrücken konnte. Unverfälscht. Ehrlich. „Sie öffnet sich“, flüsterte jemand. Ich konnte nicht sagen, wer es war.
Es beginnt oft mit einer Einladung. Ein Lächeln, ein Versprechen von Zugehörigkeit, das Gefühl, endlich dazuzugehören. Doch für viele junge Frauen in amerikanischen Sororities endet dieser Traum in einem Albtraum – nicht durch Zufall, sondern durch System. Die Szene, die diesem Essay vorangestellt ist, könnte aus einem Roman stammen: „I stood there. Bare. Blind. Centered. And for the first time, I asked myself: What if I don’t belong here?“ Doch sie ist kein Fiktion. Sie ist eine Variation dessen, was tausende Initiandinnen erleben, wenn sie in den Strudel des Hazing geraten: ein Ritual der Erniedrigung, getarnt als Tradition.
Hazing – das systematische Schikanieren von Neulingen – ist in den USA offiziell verboten. Und doch blüht es im Verborgenen, besonders in Sororities, den Schwesternschaften, die nach außen hin Freundschaft und Empowerment predigen. Während bei männlichen Studentenverbindungen oft physische Gewalt im Vordergrund steht, setzt Hazing in Sororities auf psychologische Folter und eine besonders perfide Form der Kontrolle: die Instrumentalisierung von Intimität. Es geht nicht um Stärke. Es geht um Macht.
Die Mechanik der Demütigung
Was macht Hazing in Sororities so wirksam? Es ist die Dreifaltigkeit aus Gruppenzwang, Schweigekultur und der Perversion von Vertrauen. Eine Initiandin, die sich weigert, riskiert nicht nur den Ausschluss, sondern den Verlust dessen, wofür sie sich vielleicht monatelang beworben hat: Anerkennung, Netzwerke, ein Zuhause. Die Täterinnen – oft selbst einst Opfer desselben Systems – rechtfertigen ihr Handeln mit Sätzen wie „Wir mussten das auch durchstehen“ oder „Es macht dich stärker“. Doch in Wahrheit geht es nie um Stärke. Es geht darum, Grenzen auszuloten und sie dann bewusst zu überschreiten.
Ein zentrales Werkzeug dieser Dynamik sind die sogenannten „Schwesternfotos“ – eine Praxis, die auf den ersten Blick harmlos wirkt, in Wahrheit aber Dokumentation und Waffe zugleich ist. Initiandinnen werden gezwungen, sich in kompromittierenden Posen fotografieren zu lassen: nackt, in Unterwäsche, mit peinlichen Schildern, unter Alkoholeinfluss. Die Fotos landen in privaten Chats oder „Pledge Books“, den Alben der Neulinge, und dienen als Erpressungsmittel: „Wenn du redest, veröffentlichen wir die Bilder.“ Was wie ein Initiationsritus daherkommt, ist in Wahrheit ein systematischer Angriff auf die Autonomie der Betroffenen.
Warum schweigen die Opfer?
Die vielleicht beunruhigendste Frage ist nicht, warum Hazing existiert, sondern warum es so selten aufgedeckt wird. Die Antwort liegt in der Psychologie der Gruppenzugehörigkeit. Wer sich wehrt, riskiert nicht nur den Ausschluss, sondern die soziale Ächtung durch die eigene Peer Group. Viele Opfer rationalisieren das Erlebte: „Es war nicht so schlimm.“ „Ich habe es freiwillig gemacht.“ „Jetzt bin ich eine von ihnen.“ Doch die kognitive Dissonanz – der Konflikt zwischen dem, was sie erlebt haben, und dem, was sie sich wünschen – bleibt.
Hinzu kommt die Struktur der Vertuschung. Universitäten fürchten um ihr Image und reagieren oft mit symbolischen Maßnahmen (Aufklärungsseminare, vorübergehende Suspendierungen), statt mit Konsequenzen. Die Täterinnen wissen das. Sie wissen, dass sie straffrei bleiben, solange die Opfer schweigen. Und so wird Hazing zu einem perfekten Verbrechen: unsichtbar, leugbar, aber zerstörerisch.
Die Illusion der „Schwesternschaft“
Das Perfide an Hazing in Sororities ist, dass es sich als Akt der Liebe tarnt. „Wir tun das nur, weil wir dich mögen.“ „Du wirst eine von uns.“ „Vertrau uns.“ Doch in Wahrheit geht es um das Gegenteil von Vertrauen. Es geht um Kontrolle. Die fiktive Szene, die diesen Essay eröffnet, zeigt das auf erschreckende Weise: Die Berührungen, die zunächst zärtlich wirken, sind in Wahrheit Machtakte. Die Stimme, die flüstert „She’s opening“, ist nicht besorgt – sie ist triumphierend.
Die wahre Tragödie liegt darin, dass viele Opfer trotz allem bleiben. Weil sie glauben, dass der Preis der Zugehörigkeit jeden Schmerz wert ist. Weil sie hoffen, dass die Erniedrigung irgendwann in Akzeptanz umschlägt. Und weil sie – einmal Teil des Systems – selbst zu Täterinnen werden.
Was kann man tun?
Die Lösung liegt nicht in noch mehr Verboten, sondern in Strukturen, die Schweigen unmöglich machen.
- Für Betroffene: Dokumentiert Vorfälle (Screenshots, Zeugen), nutzt anonyme Meldestellen wie HazingPrevention.org und sucht psychologische Hilfe. Hazing hinterlässt PTBS-ähnliche Symptome – das ist kein „Initiationsstress“, sondern ein Trauma.
- Für Universitäten: Schafft Whistleblower-Schutzprogramme, bestraft nachgewiesene Fälle konsequent (nicht nur mit „Aufklärungskursen“) und thematisiert Gruppendynamik in der Ausbildung.
- Für Autor*innen und Künstler*innen: Literatur und Film können Systeme entlarven, ohne Opfer zu exponieren. Zeigt die Täterinnen als „normale“ Menschen – das macht ihre Taten noch bedrohlicher. Zeigt die Nachwirkungen. Und zeigt, wie Schweigen das System am Leben hält.
Ein System, das uns alle etwas angeht
Hazing in Sororities ist kein Einzelphänomen. Es ist ein Symptom einer Kultur, die Zugehörigkeit an Erniedrigung knüpft – und das nicht nur in Studentenverbindungen. Es findet sich in Militär, Sportteams, Eliteinternaten und überall dort, wo Macht ungeregelt ist. Die fiktive Szene, die diesen Essay eröffnet, ist keine Übertreibung. Sie ist eine Spiegelung der Realität.
Die Frage ist nicht, ob wir etwas dagegen tun können. Die Frage ist, wann wir aufhören, wegzuschauen.
