Die antike Erzählung von König Kandaules von Lydien, überliefert vor allem durch den griechischen Geschichtsschreiber Herodot, ist eine faszinierende Studie über die zerstörerische Kraft von Obsession und die fatalen Folgen überschrittener Grenzen.
Der Ausgangspunkt: Blinder Stolz
Kandaules herrschte im 8. Jahrhundert v. Chr. über das wohlhabende Reich Lydien in Kleinasien. Er war ein mächtiger König, doch sein größter Stolz galt nicht seinen militärischen Erfolgen oder seinem Reichtum – es war seine Gemahlin. Der König war geradezu besessen von der außergewöhnlichen Schönheit seiner Frau, die in der Erzählung namenlos bleibt, was ihre Position als Objekt männlicher Begierde unterstreicht.
Kandaules sprach unablässig von der Vollkommenheit seiner Frau. In Gesprächen mit seinen Vertrauten pries er ihre makellosen Züge, ihre anmutige Gestalt, ihre Eleganz. Doch bloße Worte schienen ihm nicht auszureichen, um die Einzigartigkeit seiner Gemahlin zu vermitteln. Der König entwickelte eine Fixierung darauf, dass andere seine eigene Bewunderung teilen und bestätigen sollten.
Die verhängnisvolle Idee
Besonders seinem treuesten Leibwächter Gyges gegenüber wurde Kandaules immer eindringlicher in seinen Lobpreisungen. Doch die höflichen Zustimmungen des Dieners befriedigten den König nicht länger. In seinem übersteigerten Stolz – oder war es bereits eine verborgene erotische Erregung? – reifte in Kandaules ein gefährlicher Plan.
Eines Tages nahm er Gyges beiseite und machte ihm einen ungeheuerlichen Vorschlag: “Du glaubst mir nicht, wenn ich von ihrer Schönheit spreche. Worte sind schwach. Du musst sie mit eigenen Augen sehen – nackt, in ihrer ganzen Pracht.”
Gyges war entsetzt. In der lydischen Kultur war es ein schweres Vergehen, eine ehrenhafte Frau entblößt zu sehen, besonders die Königin. Er beschwor seinen Herrn, von diesem Plan abzulassen: “Mein König, was Ihr verlangt, ist Frevel. Eine Frau legt mit ihren Kleidern auch ihre Ehre ab. Es gibt alte Gebote, an die wir uns halten müssen: Jeder soll nur das Seine sehen.”
Die schrittweise Eskalation
Doch Kandaules ließ nicht locker. Seine Obsession hatte einen Punkt erreicht, an dem rationale Einwände nicht mehr zu ihm durchdrangen. Er begann, Gyges unter Druck zu setzen, nutzte seine Position als König, um den Widerstand seines Leibwächters zu brechen.
“Du zweifelst an meinen Worten?”, fragte er mit einem Unterton, der Ungehorsam andeutete. “Ich befehle es dir nicht als bloße Laune. Du sollst Zeuge werden der schönsten Frau auf Erden. Es ist vollkommen ungefährlich – sie wird nichts bemerken.”
Der König entwickelte einen detaillierten Plan: Gyges sollte sich im königlichen Schlafgemach hinter der offenen Tür verbergen. Wenn die Königin sich zur Nachtruhe entkleidete, würde sie ihm den Rücken zuwenden und ihre Kleider nacheinander auf einen Stuhl legen. Gyges könne sie in aller Ruhe betrachten und sich dann lautlos davonstehlen, während sie sich zum Bett begab.
Gyges, gefangen zwischen seiner Loyalität, seiner Furcht vor dem König und seinem moralischen Empfinden, gab schließlich nach. Die Macht des Herrschers über den Untergebenen erwies sich als stärker als alle ethischen Bedenken.
Die verhängnisvolle Nacht
An dem vereinbarten Abend führte Kandaules seinen Plan aus. Mit einer Mischung aus Erregung und Nervosität versteckte er Gyges im Schlafgemach, hinter der Tür, die zum Bett führte. Dann begab er sich selbst ins Gemach, als wäre es ein gewöhnlicher Abend.
Die Königin trat ein, nichtsahnend, in ihrer königlichen Würde. Sie begann sich zu entkleiden, wie Kandaules es vorausgesagt hatte, legte ein Gewand nach dem anderen ab. Gyges stand in seinem Versteck, unfähig wegzusehen, obwohl jede Faser seines Körpers vor Unbehagen vibrierte.
Doch dann geschah das Unvorhergesehene: Als Gyges sich davonstehlen wollte, bemerkte die Königin eine Bewegung, einen Schatten, eine Präsenz. Sie erkannte in einem Moment eiskalter Klarheit, was geschehen war. Doch mit königlicher Selbstbeherrschung gab sie sich nichts anmerken. Sie schwieg, versteinerte innerlich, während äußerlich die Ruhe bewahrte.
Das tragische Ende
Am nächsten Morgen ließ die Königin Gyges zu sich rufen. Mit einer Stimme, die keine Widerrede duldete, konfrontierte sie ihn mit ihrer Erkenntnis: “Du hast mich in meiner Nacktheit gesehen, und damit ist meine Ehre befleckt. Nun gibt es nur zwei Möglichkeiten.”
Sie stellte Gyges vor eine grausame Wahl: Entweder musste er selbst sterben, als Strafe für den Frevel, eine Königin nackt gesehen zu haben – oder er musste Kandaules töten und sie heiraten, um den Thron zu übernehmen und die Schande zu sühnen.
“Der Mann, der diesen Plan ersann und dich zwang, mich zu entwürdigen, kann nicht länger mein Gemahl sein. Einer von euch beiden muss sterben.”
Gyges stand vor einer unmöglichen Entscheidung, doch der Überlebenswille siegte. In der folgenden Nacht versteckte sich Gyges – auf Anweisung der Königin – erneut im Schlafgemach, diesmal jedoch mit einem Dolch bewaffnet. Als Kandaules schlief, tötete Gyges seinen König und Herrn.
Die Königin heiratete Gyges, der nun König von Lydien wurde und eine neue Dynastie begründete. Kandaules’ übersteigerter Stolz und seine Unfähigkeit, die Grenzen der Intimität und Würde zu respektieren, hatten ihn das Leben gekostet.
Die zeitlose Lehre
Die Geschichte des Kandaules ist eine Warnung vor der Instrumentalisierung anderer für die eigene Lust, vor der Überschreitung heiliger Grenzen und vor der Arroganz, die glaubt, über das Intimste eines anderen Menschen verfügen zu können. Der König reduzierte seine Frau auf ein Schauobjekt, ein Beweisstück für seinen eigenen Status – und bezahlte dafür mit seinem Leben.
Für uns als Autorinnen und Autoren bietet diese antike Erzählung eine perfekte Vorlage für die Untersuchung gefährlicher Begierden: Sie zeigt die schrittweise Eskalation von anfänglichem Stolz über zunehmende Obsession bis hin zur selbstzerstörerischen Handlung. Sie zeigt auch die Perspektive der Frau, die vom Objekt zum handelnden Subjekt wird und die Kontrolle zurückerobert – allerdings um einen schrecklichen Preis.
Die Tragödie des Kandaules erinnert uns daran, dass in jeder erotischen Konstellation, so aufregend sie auch sein mag, die Würde und Autonomie aller Beteiligten gewahrt bleiben muss – eine Lektion, die 2800 Jahre nach den Ereignissen nichts von ihrer Relevanz verloren hat.
