Vom Körper zum Kollektiv – Sorority-Initiationen durch Schamrituale

Die Macht der Bloßstellung: Wenn Haut zur Leinwand wird

Es ist ein kalter Herbstabend in einem alten Backsteinhaus am Rande der Stadt, wo sich der Atem der Initiandinnen in der feuchten Luft sichtbar macht. Die Wände des Raumes sind mit abblätternder Farbe überzogen, doch die Kerzen, die in unregelmäßigen Abständen auf dem Holzboden stehen, werfen ein warmes, flackerndes Licht auf die Szene. Hier, in diesem halbverfallenen Raum, der nach altem Holz und Bienenwachs riecht, versammeln sich sieben junge Frauen. Sie sind zwischen 19 und 23, ihre Körper noch unsicher in der eigenen Haut, ihre Blicke eine Mischung aus Neugier und Angst.

Die Älteste der Gruppe, Lina, Anfang 30 und kurz vor ihrem Master-Abschluss, mit kurzen, dunklen Locken und einem Narbenmuster auf dem linken Oberarm – Überbleibsel einer verbotenen Tattoo-Sitzung vor Jahren –, steht in der Mitte. Sie trägt ein durchsichtiges, weißes Leinenkleid, das ihre breiten Hüften und die dunklen, dichten Haare zwischen ihren Schenkeln nur halb verdeckt. Ihre Stimme ist tief, fast rauchig, als sie die Regeln erklärt: „Ihr werdet heute nicht nur eure Körper zeigen. Ihr werdet sie neu verstehen lernen.“

Die erste Pledge, Mira, zittert leicht. Sie ist schlaksig, ihre Knie knochig, die Haut an den Oberschenkeln übersät mit kleinen roten Punkten – eine allergische Reaktion auf die billige Seife im Studentenwohnheim. Als sie aufgefordert wird, ihr Shirt auszuziehen, atmet sie tief ein. Ihre Brüste sind klein, die Brustwarzen dunkel und hart in der kühlen Luft. Sie spürt die Blicke der anderen, wie sie über ihre Rippen gleiten, über den flachen Bauch, über die leichte Wölbung des Unterleibs. „Schau nicht weg“, flüstert Lina. „Dein Körper ist kein Fehler. Er ist ein Satz, den wir gemeinsam lesen.“

Berührung als Sprache: Die Kartographie der Scham

Die zweite Prüfung findet im Kreis statt. Die Frauen sitzen auf Kissen, die Beine gespreizt, die Hände auf den Oberschenkeln. Eine nach der anderen wird aufgefordert, die Hand einer anderen zu nehmen und sie an eine Stelle zu führen, die sie selbst als „unberührbar“ empfindet. Für Jasmina, eine stämmige Frau mit olivfarbener Haut und einem Muttermal über der linken Hüfte, ist es der Bereich zwischen ihren Schamlippen und dem After. Ihre Haut ist hier dunkler, fast violettstichig, die Haare dicht und lockig. Als Linas Finger sanft über Jasminas empfindliche Haut streichen, zuckt Jasmina zusammen. „Atme“, sagt Lina. „Das hier ist kein Tabu. Das ist Geographie.“

Die Übung ist nicht sexuell. Sie ist kartographisch. Es geht darum, den Körper als Landschaft zu begreifen, die man nicht nur selbst, sondern auch gemeinsam erkunden kann. Für die Jungautorinnen unter euch: Beschreibt nicht nur, was berührt wird, sondern auch, wie. Ist die Haut feucht oder trocken? Spannt sie sich über dem Knochen, oder gibt sie nach wie weicher Ton? Und vor allem: Was passiert im Kopf der Figur? Scham ist kein Monolog. Sie ist ein Dialog zwischen dem Ich und dem Blick der anderen.

Der Chor der Stimmen: Wenn Scham kollektiv wird

Die dritte und intensivste Phase der Initiation beginnt mit einem Bad. Ein großer, emaillierter Bottich steht in der Mitte des Raumes, gefüllt mit lauwarmen Wasser, in dem Kräuter schwimmen – Rosmarin, Salbei, etwas, das nach Kampfer riecht. Die Frauen steigen nacheinander ein, nackt, ihre Körper sich berührend, sich überlappend. Die Wassertropfen perlen über die Rundungen der Schultern, sammeln sich in den Vertiefungen der Schlüsselbeine, rinnen zwischen den Brüsten hinab.

Als Nächstes kommt das Sprechen. Jede muss eine Sache sagen, die sie an ihrem Körper hasst. „Meine Oberschenkel, die sich berühren, wenn ich gehe.“ „Die Narbe über meiner Lippe, die jeder sieht, wenn ich lache.“ „Dass meine Brustwarzen asymmetrisch sind.“ Die Worte hängen im Raum, schwer wie der Dampf über dem Wasser. Doch dann kommt der entscheidende Moment: Die Gruppe wiederholt den Satz, nicht als Echo, sondern als Bestätigung. „Deine Oberschenkel sind warm und stark.“ „Deine Narbe ist der Beweis, dass du gelebt hast.“ „Deine Brustwarzen sind einzigartig – wie ein Fingerabdruck.“

Hier, in diesem kollektiven Umdeuten, wird Scham zur Waffe. Nicht gegen den Einzelnen, sondern gegen die Norm, die sagt, dass bestimmte Körperteile „falsch“ sein können. Für euch, die ihr erotische Literatur schreibt: Nutzt diese Dynamik. Lasst eure Figuren nicht nur ihre Unsicherheiten haben, sondern lasst sie transformieren. Ein Körper, der sich schämt, ist ein Körper, der sich erinnert. Ein Körper, der sich erinnert, ist ein Körper, der Geschichten trägt.

Tipps für Jungautor:innen erotischer Literatur

  1. Sinnlichkeit statt Sex: Erotik lebt von der Spannung zwischen Enthüllung und Verhüllung. Beschreibt nicht nur, was passiert, sondern wie es sich anfühlt. Ist die Luft kühl auf nasser Haut? Kriecht ein Schauer den Rücken hinab, wenn Blicke über den Körper gleiten?
  2. Körper als Landkarten: Jeder Körper hat seine eigene Topographie. Narben, Muttermale, Falten – das sind keine Makel, sondern Wegweiser. Nutzt sie, um euren Figuren Tiefe zu geben.
  3. Scham als Dialog: Scham ist selten stumm. Sie redet, flüstert, schreit. Lasst eure Figuren reagieren, nicht nur erleiden. Wie verändert sich ihr Atem? Ballen sich ihre Fäuste? Oder lächeln sie plötzlich, weil sie merken, dass sie nicht allein sind?
  4. Kollektiv statt Isolation: Erotik muss nicht einsam sein. Zeigt, wie Körper sich zueinander verhalten, nicht nur nebeneinander. Ein Hauch von Solidarität kann eine Szene elektrisieren.

Writing Prompt

„Die Tür zum Badehaus ist schwer, das Holz von Jahrhunderten von Feuchtigkeit aufgequollen. Als du sie aufdrückst, schlägt dir eine Wand aus Hitze und Dampf entgegen. Drinnen sitzen fünf Frauen in einem Halbkreis, ihre Körper nur halb bedeckt von Handtüchern, die mehr verraten als verbergen. Die Älteste, eine Frau mit graumeliertem Haar und einem goldenen Ring durch die linke Brustwarze, hebt den Kopf. ‚Endlich‘, sagt sie. ‚Zieh dich aus. Wir warten seit Stunden darauf, dir zu zeigen, was du nicht siehst.‘“

Was würde deine Figur in diesem Moment fühlen? Und – noch wichtiger – was würde sie tun?

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