Pinterest wirkt wie ein stilles Zimmer. Weißer Hintergrund. Saubere Kacheln. Kein Streit. Keine Politik. Nur „Inspo“. Genau darin liegt die Macht. Denn ein Moodboard ordnet Körper, bevor du überhaupt denkst. Es zeigt dir, welche Taille „passt“. Welche Beine „gehen“. Welche Brust „stört“. Und welche Haut als neutral gilt. Du scrollst nicht nur Bilder. Du scrollst Normen. Und du merkst es oft erst, wenn dein eigener Körper dagegen anfängt, laut zu werden.
Ästhetik ist kein harmloses Hobby. Sie ist eine Anleitung. Sie sagt dir, wie Begehren aussehen soll. Sie sagt dir, wie sich Scham anfühlen soll. Und sie legt beides in dieselbe Pose: lässig, natürlich, mühelos. Diese Mühelosigkeit ist selten echt. Sie ist Arbeit. Licht. Winkel. Hunger. Filter. Und ein Publikum, das nicht klatscht, sondern speichert.
Warum “Clean Girl” und “Coquette” Körperpolitik sind
„Clean Girl“ verkauft Kontrolle als Natürlichkeit. Glatte Haut. Glatte Haare. Glatte Flächen. Ein Gesicht ohne Poren, als wäre es nie heiß gewesen. Ein Bauch ohne Falte, als würde er nie sitzen. Ein Körper, der so wirkt, als hätte er keine Verdauung. Kein Schweiß. Keine Pickel. Keine Rasurspuren. Kein Abdruck von Unterwäsche. Diese Ästhetik ist nicht neutral. Sie trainiert dich auf Unsichtbarkeit von Körperfunktionen. Und sie koppelt Wert an „Unauffälligkeit“.
„Coquette“ wirkt verspielt, ist aber genauso streng. Schleifen. Spitze. Pastell. Ein Mund, der nach Gloss glänzt. Ein Rock, der knapp sitzt. Ein Blick, der so tut, als wüsste er von nichts. Das ist eine Rolle mit Regeln. Sie verlangt eine bestimmte Art von Unschuld, die gleichzeitig sexualisiert wird. Du sollst Haut zeigen, aber so, als hättest du sie nicht bemerkt. Du sollst Beine freilegen, aber ohne Anspruch. Du sollst Brüste andeuten, aber nicht besitzen. Diese Spannung ist nicht „süß“. Sie ist Disziplin.
Beide Trends arbeiten mit derselben Mechanik. Sie machen Begehren messbar. Sie machen Scham personalisiert. Denn wenn du nicht hineinpasst, liegt es angeblich an dir. Nicht am Raster. Nicht am Feed. Nicht an der Kamera. Sondern an deinem Bauch. Deiner Brust. Deinen Hüften. Deiner Haut. Pinterest liefert dir dann „Lösungen“. Routinen. Outfits. „Fixes“. Körperpolitik als Einkaufsliste.
Erotische Literatur zwischen Trend und Widerstand
Erotische Literatur steht mitten in dieser Maschine. Sie kann Trends reproduzieren, ohne es zu wollen. Ein Text, der ständig nur die gleiche Silhouette begehrt, schreibt am Moodboard mit. Ein Text, der „mühelos“ behauptet, obwohl die Figur sich zusammenzieht, verrät die Figur. Und ein Text, der Scham als Naturgesetz behandelt, macht den Feed unsichtbar.
Widerstand beginnt nicht damit, Trends zu verbieten. Widerstand beginnt damit, sie als Bühne zu zeigen. Du kannst in einer erotischen Szene sichtbar machen, dass der Körper nicht einfach „da“ ist. Er wird gerahmt. Er wird verglichen. Er wird bewertet. Und diese Bewertung sitzt mit im Raum, auch wenn keine Person anwesend ist. Das Publikum steckt im Handy. In der Erinnerung an Pins. In der Angst vor Screenshots.
Das heißt nicht, dass Erotik „didaktisch“ werden muss. Im Gegenteil. Erotik wird oft stärker, wenn du die Machtmechanik nicht glättest. Wenn du zeigst, wie eine Figur Begehren spürt, während sie gleichzeitig überprüft wird. Wenn du zeigst, wie Lust ansteigt, obwohl Scham mit am Tisch sitzt. Oder wie Scham sich in Lust verwandelt, weil der Blick der anderen als Drohung gelernt wurde.
Ein feministischer Text darf erregend sein. Er muss nur ehrlich sein, wer hier die Regie führt. Ist es die Figur? Oder ist es der Feed?
Wie du Ästhetik im Text entlarvst
Stell dir eine Pledge vor, die für ein Sorority-Fotoshooting ein Outfit anprobiert. Der Raum ist klein. Ein Spiegel. Ein Stuhl. Ein Ringlicht, das kaltes Licht macht. Auf dem Bett liegt ein Stapel Kleidung, sortiert nach „Vibe“. Sie zieht zuerst den Rock hoch. Er endet hoch am Oberschenkel. Der Bund sitzt straff über den Hüftknochen. Dann das bauchfreie Top. Es lässt den Bauch frei, bis zum Bauchnabel. Wenn sie die Arme hebt, spannt Stoff über den Rippen. Unter dem Rock trägt sie einen Slip. Die Linie drückt sich am Rand in die Haut. Eine helle Kante unter dem Stoff. Nicht wegzudenken. Nicht zu verstecken, außer durch noch mehr Kontrolle.
Sie sieht sich an und merkt etwas, das nicht nach Mode klingt. Sie merkt, dass sie nicht nur Kleidung anzieht. Sie zieht einen Blick an. Sie stellt ihren Körper auf eine Schiene. Bauch flach halten. Schultern zurück. Brust so platzieren, dass sie im Ausschnitt sitzt. Knie leicht nach innen, weil es „weich“ wirkt. Lippen einen Spalt offen, weil es „unschuldig“ wirkt. Sie hat das nie so beschlossen. Sie hat es gesehen. Tausendmal. Gepinnt. Gelikt. Gespeichert. Und jetzt steht sie da und spielt es nach.
Ihr Handy liegt neben dem Spiegel. Offen ist ein Board, das sie „Rush“ genannt hat. Darauf sind Bilder von Mädchen in nahezu demselben Rock. Derselbe Abstand zwischen Saum und Schritt. Dieselbe Pose, die den Sliprand nicht zeigt, aber die Möglichkeit davon. Sie merkt, wie ihre Hand automatisch zum Rocksaum geht, um ihn zwei Zentimeter tiefer zu ziehen. Nicht aus Kälte. Nicht aus Anstand. Sondern aus Angst vor einem Kommentar. Ein Kommentar, den noch niemand geschrieben hat. Aber den sie schon hören kann. Als Echo.
Genau hier entlarvst du Ästhetik. Nicht durch Theorie. Durch Innenleben. Durch den Moment, in dem die Figur begreift, dass „Style“ eine Prüfung ist. Du lässt sie spüren, wie ihr Bauch sich anfühlt, wenn er beobachtet werden könnte. Du lässt sie merken, wie ihre Brustwarzen unter dem dünnen Top reagieren, weil das Licht kalt ist und der Raum still. Du lässt sie wahrnehmen, wie die Slip-Linie nicht einfach Stoff ist, sondern eine Markierung: Hier beginnt die Bewertung. Hier beginnt das Risiko.
Und dann gibst du ihr Handlung zurück. Vielleicht macht sie ein Foto und sieht sofort, wie das Ringlicht die Haut glättet. Vielleicht löscht sie es, weil es nicht wie das Board aussieht. Vielleicht behält sie es genau deshalb. Vielleicht steht sie später im Shooting und entscheidet, den Sliprand nicht zu „korrigieren“. Nicht als Pose der Unverwundbarkeit. Sondern als kleine Sabotage am Raster. Der Körper ist da. Mit Kanten. Mit Druckstellen. Mit Atmung.
Wenn du Ästhetik im Text entlarven willst, zeig den Apparat. Zeig die Sprache der Trends, die wie Befehle klingt. Zeig das Publikum, das nie sichtbar ist, aber ständig anwesend bleibt. Und zeig, dass Scham oft nicht aus dem Körper kommt. Sie kommt aus der Vorstellung, wie dieser Körper im Feed landet.
Moodboards sind nicht harmlos. Sie sind Drehbücher. Und du entscheidest, ob dein Text sie abschreibt. Oder ob er sie sichtbar macht.
