{"id":303,"date":"2016-02-20T10:00:17","date_gmt":"2016-02-20T10:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/manther.de\/?p=303"},"modified":"2023-07-01T05:08:04","modified_gmt":"2023-07-01T03:08:04","slug":"henry-miller-ueber-das-schreiben-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manther.de\/fr\/2016\/02\/henry-miller-ueber-das-schreiben-1\/","title":{"rendered":"Henry Miller &#8211; \u00dcber das Schreiben"},"content":{"rendered":"<p>Was sagt Henry Miller \u00fcber das Schreiben von erotischer Literatur? Er war ein Meister der Selbstinszenierung. Seine Romane geben sich autobiographisch, sind aber voll von \u00dcbertreibungen und erfundenen Episoden. Trotzdem blitzt der Autor auf jeder Seite durch, was nicht zuletzt an seinem Schreibstil liegt, der &#8211; wie er selbst einmal sagt &#8211; viel dem <strong><em>Stream of Consciousness<\/em><\/strong> der Surrealisten verdankt. Oder diesen vorwegnahm, wie er selbst behauptet. Ich habe mir einmal ein paar jener Textpassagen vorgenommen, in denen er sich mit dem Schreiben besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<h2>Der Ort zum Schreiben<\/h2>\n<p>In seinem Roman &#8220;<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3499145103\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=19454&amp;creativeASIN=3499145103&amp;linkCode=as2&amp;tag=shakespeare-and-more-21\" rel=\"nofollow\">Wendekreis des Steinbocks<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" src=\"http:\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=shakespeare-and-more-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3499145103\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" \/>&#8221; erz\u00e4hlt Henry Miller von einem Unget\u00fcm an <strong>Tisch<\/strong>, den er aus der Schneiderwerkstatt seines Vaters gerettet und in seiner Wohnung in Brooklyn aufgestellt hat:<\/p>\n<blockquote><p>Was mich sicher verankert hielt, war der gro\u00dfe Schreibtisch mit seinen vielen Schubf\u00e4chern, den ich ins Wohnzimmer stellte &#8230; Alle F\u00e4cher und alle Schubladen\u00a0 waren leer, nichts lag auf oder in dem Schreibtisch, nichts au\u00dfer einem Blatt wei\u00dfes Papier, auf das ich nicht einmal M\u00e4nnchen malen konnte.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">(zitiert nach der Rowohlt TB-Ausgabe von 1980, S. 266f)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dieses Monstrum mitten im Wohnzimmer, an dem bequem zw\u00f6lf St\u00fchle Platz fanden, sollte der Ort seiner literarischen T\u00e4tigkeit werden. So hatte er sich das gedacht. De facto war dieses symboltr\u00e4chtige Relikt aus dem Fundus seines Vaters Zeuge einer gro\u00dfen <strong>Schreibblockade<\/strong>.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nicht, dass Miller zu diesem Zeitpunkt nicht schon seine ersten Ver\u00f6ffentlichungen hinter sich gehabt h\u00e4tte. Er redet hier von &#8220;<strong>Millionen W\u00f6rter, die ich vorher geschrieben habe<\/strong>, wohlgemerkt verst\u00e4ndliche, wohlgeordnete, sauber gereihte W\u00f6rter&#8221;. Nur: Sie bedeuteten ihm nichts mehr. Schlimmer noch:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">Alles, was ich bislang geschrieben hatte, geh\u00f6rte ins Museum; das ist bei der Mehrzahl der Dinge, die heute geschrieben werden, der Fall, und darum z\u00fcnden sie nicht, setzen sie nicht die Welt in Flammen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">(a. a. O., S. 268)<\/p>\n<h2 style=\"text-align: left;\">Der Stream of Consciousness<\/h2>\n<p style=\"text-align: left;\">Miller sagt von sich, er habe bis jetzt mit dem Kopf geschrieben, sei aber zu dem Zeitpunkt von einem <strong>Flow<\/strong> weit entfernt gewesen. Diesen Flow habe er erst f\u00fcr sich entdeckt, als er bei einem Besuch in einem nahegelegenen Theater begriff, dass er sich in eingem geistigen Halbschlaf befand und mit dem Vorhang auf der B\u00fchne sein Blick auf den lebendigen Menschen gerichtet wurde. Er verlie\u00df das Theater, um diese pers\u00f6nliche Epiphanie aufzuschreiben und geriet dabei in den oben bereits erw\u00e4hnten <strong><em>Stream of Consciousness<\/em><\/strong>. Das hei\u00dft, er schaltete seinen Kopf aus und schrieb frei von der eigenen Zensur auf, woran er gerade dachte, inklusive aller Assoziationen, Abschweifungen und Bilder.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Durch das <strong>Ausschalten des inneren Zensors<\/strong> bekam er jenen Flow, nach der er die ganze Zeit gesucht hatte. Was nicht bedeutet, dass er druckreife Prosa produzierte. Im Gegenteil. Selbstkritisch merkt er an, dass kaum jemand verstand, wor\u00fcber er schrieb und warum er so schrieb. Die Dadaisten waren zu jener Zeit in Amerika noch nicht bekannt und auch von den Surrealisten h\u00f6rte er &#8211; nach eigenen Angaben &#8211; erst zehn Jahre sp\u00e4ter.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Aber, und das ist das Wesentliche, er sp\u00fcrte in seiner Schreibe endlich die lang ersehnte <strong>Ehrlichkeit, das Wesen der Menschen<\/strong>, ihren Nukleus, &#8220;die unzerst\u00f6rbare Welt, die der Mensch immer in sich getragen hat&#8221;. Mal abgesehen davon, dass das Flow-Erlebnis beim Schreiben ungemein begl\u00fcckend und befriedigend ist, zumal, wenn man gerade aus einer Schreibblockade kommt.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: left;\">Was sagt das \u00fcber das Schreiben?<\/h2>\n<p>Ich bin nicht sicher, ob Henry Miller sich mit dem Schreibtisch nicht selbst ein Bein gestellt hat. Gerade angesichts der Dominanz des Tisches in seinem Wohnzimmer lag ein ungemeiner Erwartungsdruck auf dem, was er zu Papier bringen w\u00fcrde. Ideale <strong>Voraussetzungen f\u00fcr eine Schreibblockade<\/strong>.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df von einigen Autorenfreunden, dass sie ihre kreativsten Phasen in Caf\u00e9s haben. Ihre linke, rationale Gehirnh\u00e4lfte ist mit \u00c4u\u00dferlichkeiten besch\u00e4ftigt und steht als Zensor nicht zur Verf\u00fcgung. Und auch Henry Miller schrieb in sp\u00e4teren Jahren, wo er sich auch gerade aufhalten mochte. Die <strong>Fixierung auf einen festen Schreibplatz scheint oft eher hinderlich<\/strong> als kreativit\u00e4tsf\u00f6rdernd. Gerade in Zeiten von Laptops und Schreibtools f\u00fcr Smartphones scheint es auch v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig, sich einen festen Arbeitsplatz zuzulegen.<\/p>\n<p>Insofern: Wenn ihr gerade selbst unter dem Virus des Writers Block leidet, versucht es einfach einmal. Schreibt, was euch gerade in den Sinn kommt. Folgt eurem Gedankenstrom und bringt ihn zu Papier. Werdet mutig und \u00fcberlasst das Redigieren der zweiten Textfassung. Aussortieren k\u00f6nnt ihr immer noch. Aber es kommt mit Sicherheit mehr dabei heraus, als wenn ihr verzweifelt auf das leere wei\u00dfe Blatt oder die leere Monitorseite starrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was sagt Henry Miller \u00fcber das Schreiben von erotischer Literatur? Er war ein Meister der Selbstinszenierung. 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