Scham ist keine Emotion wie andere. Sie ist sozial gebaut, tief eintrainiert und an den Körper gebunden. Sie markiert, was gezeigt werden darf, und kontrolliert, was verborgen bleibt. In der Geschichte weiblicher Sexualität ist Scham die unsichtbare Architektur, die Haltung, Geste, Atem formt. Wenn du dich schämst, ziehst du dich nicht nur emotional, sondern physisch zurück: Schultern senken sich, der Blick weicht aus, die Haut verliert Raum. Scham trennt uns vom eigenen Körper – sie macht uns zu Zuschauerinnen unserer selbst. Eine feministische Utopie des Begehrens beginnt dort, wo diese Architektur einstürzt.
Was bliebe, wenn die Scham verschwände?
Ohne Scham gäbe es keine Selbstzensur. Kein ständiges Abgleichen zwischen Innen und Außen, kein reflexhaftes Fragen, was erlaubt, was „zu viel“ ist. Der Körper würde nicht mehr performen, sondern einfach sein.
Stell dir eine Szene vor: Eine Frau spürt Lust – und folgt ihr. Sie erlaubt sich, zu handeln, ohne sich selbst zu zensieren. Ihr Begehren kann sich nach innen richten, in die eigene Berührung, oder nach außen, auf jemanden, den sie begehrt. In einer schamfreien Welt könnte sie diese Lust zeigen, ohne sich zu rechtfertigen – wissend, dass sie trotzdem abgewiesen werden könnte. Aber selbst in der Zurückweisung bliebe sie frei, weil sie ihr Begehren nicht mehr als Makel begreift, sondern als Ausdruck ihrer Lebendigkeit. Freiheit bedeutet hier nicht, alles zu bekommen, sondern sich nicht länger zu fürchten, das Eigene zu bekennen.
Der Körper als Sprache
Feministische Erotik versucht genau das: Lust als Sprache zu denken, nicht als Störung. In einer schamfreien Welt wäre der Körper kein Rätsel, das erklärt werden muss, sondern ein Organ des Ausdrucks. Statt ihn zu kontrollieren, würden wir ihn übersetzen – in Berührung, Atem, Klang. Das würde bedeuten: Kein Körper müsste sich „anständig“ verhalten. Kein Körper wäre „zu viel“. Kein Körper wäre „falsch“. Begehren wäre nicht mehr eine Bewegung trotz des Urteils, sondern jenseits davon. Die erotische Szene würde sich von der Dynamik des Versteckens befreien – sie würde erzählen, was Nähe kann, nicht, was sie darf.
Utopie als Schreibübung
Was passiert mit der Literatur, wenn Scham verschwindet? Zuerst verliert sie viele ihrer vertrauten Spannungsquellen: kein heimliches Flüstern, kein Erwischen, kein moralischer Konflikt. Aber an ihre Stelle tritt etwas anderes: Reinheit der Wahrnehmung. Erotische Szenen würden nicht mehr um das Verbot kreisen, sondern um die Präsenz – um die Möglichkeit, gesehen zu werden, ohne sich zu verlieren. Die Autorin einer solchen Utopie schreibt nicht mehr gegen das Tabu, sondern aus einem Zustand von Erlaubnis. Das verändert alles: Rhythmus, Perspektive, Wortwahl. Sprache, befreit von der Scham, wird neugierig statt defensiv, bewusst statt entschuldigend, verkörperlicht statt distanziert.
Lust als soziales Gleichgewicht
In einer schamfreien Gesellschaft wäre Begehren kein Machtgefälle mehr, sondern ein Gleichgewicht. Der Blick wäre nicht voyeuristisch, sondern dialogisch. Man würde nicht beobachten, sondern begegnen. Das ändert auch, wie Lust wahrgenommen wird: nicht als Ausnahme, sondern als Vitalität. Die feministische Utopie des Begehrens wäre also kein Reich der Enthemmung, sondern der Bewusstheit – ein Ort, an dem Lust keine Ausrede braucht. Schamlosigkeit hieße nicht: „alles ist erlaubt“, sondern: „nichts muss sich verstecken“.
Für dein Schreiben
Wenn du diese Utopie literarisch erkunden willst, schreib Szenen, die Scham nicht voraussetzen. Keine Figur soll sich fragen, ob sie zu weit geht. Niemand errötet, niemand entschuldigt sich. Lass Lust selbstverständlich sein – Teil des Dialogs, Teil der Welt. Frag dich: Wenn Scham nicht existierte, was würde in der Szene stattdessen Spannung erzeugen? Vielleicht Neugier. Vielleicht Vertrauen. Vielleicht das Staunen über die Freiheit, nichts verbergen zu müssen. So wird Schreiben zur Vision: einer Literatur, die nicht länger über Schuld spricht, sondern über Gegenwart.
Writing Prompt
Schreibe eine Szene, in der eine Figur Lust empfindet, ohne sie zu hinterfragen. Keine Scham, kein Verbot, keine Entschuldigung. Lass sie handeln, weil sie sich lebendig fühlt. Beobachte, wie sich die Sprache verändert, wenn sie nicht abwehrt, sondern einlädt. Wie liest sich ein Körper, der sich nicht verteidigt, sondern bekennt?
