Archiv der Kategorie: Klassiker

Ein Blick auf die Väter und Mütter der erotischen Literatur: Analysen, Interpretationen und Denkanregungen

Henry Miller – Über das Schreiben

Was sagt Henry Miller über das Schreiben von erotischer Literatur? Er war ein Meister der Selbstinszenierung. Seine Romane geben sich autobiographisch, sind aber voll von Übertreibungen und erfundenen Episoden. Trotzdem blitzt der Autor auf jeder Seite durch, was nicht zuletzt an seinem Schreibstil liegt, der – wie er selbst einmal sagt – viel dem Stream of Consciousness der Surrealisten verdankt. Oder diesen vorwegnahm, wie er selbst behauptet. Ich habe mir einmal ein paar jener Textpassagen vorgenommen, in denen er sich mit dem Schreiben beschäftigt.

Der Ort zum Schreiben

In seinem Roman „Wendekreis des Steinbocks“ erzählt Henry Miller von einem Ungetüm an Tisch, den er aus der Schneiderwerkstatt seines Vaters gerettet und in seiner Wohnung in Brooklyn aufgestellt hat:

Was mich sicher verankert hielt, war der große Schreibtisch mit seinen vielen Schubfächern, den ich ins Wohnzimmer stellte … Alle Fächer und alle Schubladen  waren leer, nichts lag auf oder in dem Schreibtisch, nichts außer einem Blatt weißes Papier, auf das ich nicht einmal Männchen malen konnte.

(zitiert nach der Rowohlt TB-Ausgabe von 1980, S. 266f)

Dieses Monstrum mitten im Wohnzimmer, an dem bequem zwölf Stühle Platz fanden, sollte der Ort seiner literarischen Tätigkeit werden. So hatte er sich das gedacht. De facto war dieses symbolträchtige Relikt aus dem Fundus seines Vaters Zeuge einer großen Schreibblockade.

Nicht, dass Miller zu diesem Zeitpunkt nicht schon seine ersten Veröffentlichungen hinter sich gehabt hätte. Er redet hier von „Millionen Wörter, die ich vorher geschrieben habe, wohlgemerkt verständliche, wohlgeordnete, sauber gereihte Wörter“. Nur: Sie bedeuteten ihm nichts mehr. Schlimmer noch:

Alles, was ich bislang geschrieben hatte, gehörte ins Museum; das ist bei der Mehrzahl der Dinge, die heute geschrieben werden, der Fall, und darum zünden sie nicht, setzen sie nicht die Welt in Flammen.

(a. a. O., S. 268)

Der Stream of Consciousness

Miller sagt von sich, er habe bis jetzt mit dem Kopf geschrieben, sei aber zu dem Zeitpunkt von einem Flow weit entfernt gewesen. Diesen Flow habe er erst für sich entdeckt, als er bei einem Besuch in einem nahegelegenen Theater begriff, dass er sich in eingem geistigen Halbschlaf befand und mit dem Vorhang auf der Bühne sein Blick auf den lebendigen Menschen gerichtet wurde. Er verließ das Theater, um diese persönliche Epiphanie aufzuschreiben und geriet dabei in den oben bereits erwähnten Stream of Consciousness. Das heißt, er schaltete seinen Kopf aus und schrieb frei von der eigenen Zensur auf, woran er gerade dachte, inklusive aller Assoziationen, Abschweifungen und Bilder.

Durch das Ausschalten des inneren Zensors bekam er jenen Flow, nach der er die ganze Zeit gesucht hatte. Was nicht bedeutet, dass er druckreife Prosa produzierte. Im Gegenteil. Selbstkritisch merkt er an, dass kaum jemand verstand, worüber er schrieb und warum er so schrieb. Die Dadaisten waren zu jener Zeit in Amerika noch nicht bekannt und auch von den Surrealisten hörte er – nach eigenen Angaben – erst zehn Jahre später.

Aber, und das ist das Wesentliche, er spürte in seiner Schreibe endlich die lang ersehnte Ehrlichkeit, das Wesen der Menschen, ihren Nukleus, „die unzerstörbare Welt, die der Mensch immer in sich getragen hat“. Mal abgesehen davon, dass das Flow-Erlebnis beim Schreiben ungemein beglückend und befriedigend ist, zumal, wenn man gerade aus einer Schreibblockade kommt.

Was sagt das über das Schreiben?

Ich bin nicht sicher, ob Henry Miller sich mit dem Schreibtisch nicht selbst ein Bein gestellt hat. Gerade angesichts der Dominanz des Tisches in seinem Wohnzimmer lag ein ungemeiner Erwartungsdruck auf dem, was er zu Papier bringen würde. Ideale Voraussetzungen für eine Schreibblockade.

Ich weiß von einigen Autorenfreunden, dass sie ihre kreativsten Phasen in Cafés haben. Ihre linke, rationale Gehirnhälfte ist mit Äußerlichkeiten beschäftigt und steht als Zensor nicht zur Verfügung. Und auch Henry Miller schrieb in späteren Jahren, wo er sich auch gerade aufhalten mochte. Die Fixierung auf einen festen Schreibplatz scheint oft eher hinderlich als kreativitätsfördernd. Gerade in Zeiten von Laptops und Schreibtools für Smartphones scheint es auch völlig überflüssig, sich einen festen Arbeitsplatz zuzulegen.

Insofern: Wenn ich gerade selbst unter dem Virus des Writers Block leidet, versucht es einfach einmal. Schreibt, was euch gerade in den Sinn kommt. Folgt eurem Gedankenstrom und bringt ihn zu Papier. Werdet mutig und überlasst das Redigieren der zweiten Textfassung. Aussortieren könnt ihr immer noch. Aber es kommt mit Sicherheit mehr dabei heraus, als wenn ihr verzweifelt auf das leere weiße Blatt oder die leere Monitorseite starrt.

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D. H. Lawrence und die Erotik

Als ich mich gestern auf die Suche nach dem Erica Jong-Zitat über den Cunnilings machte, stieß ich über einen wunderbaren Satz von ihr, den ich euch nicht vorenthalten möchte:

Solange man zuückdenken kann, wurden Bücher mit Sperma geschrieben, nicht mit Menstruationsblut. Bis zu meinem 21. Lebensjahr maß ich meine Orgasmen an denen der Lady Chatterley und fragte mich, was wohl bei mir nicht stimme. Ist mir je der Gedanke gekommen, dass Lady Chatterley in Wirklichkeit ein Mann war? Dass sie in Wirkichkeit D. H. Lawrence war?

(Erica Jong: Angst vorm Fliegen)

Bis in die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde die erotische Literatur von Männern beherrscht. Sie erzählten aus ihrer Sicht und definierten so den Status Quo des geschlechtlichen Miteinanders. Und natürlich ist „Lady Chatterley“ ein Männerroman. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er sich weiter als je ein anderer Autor auf die Psyche seiner Protagonistin einließ.

Das mag weniger schriftstellerische Leistung Lawrences gewesen sein als Zeitgeist. Sigmund Freud hatte gerade erst die Psychoanalyse populär gemacht und in intellektuellen Kreisen war es einfach hip geworden, sich mit der Psyche zu beschäftigen. Kein Wunder, dass dies auch Eingang in die erotische Literatur fand.

Zu den Leuten, die Lawrence verschlangen, gehörte auch die damals in Louvecienne bei Paris lebende Anaïs Nin. Im Winter 29/30 entdeckte sie Lawrence für sich und verschlang innerhalb kürzester Zeit all seine Werke. Er wurde ihr Vorbild. Und so fasste sie den Entschluss, die Notizen, die sie sich beim Lesen gemacht hatte, zu einem Essay über Lawrence zusammenzufassen. Ihre Biografin Deirdre Bair meint, das Schreiben über Lawrence markiere „den tatsächlichen Beginn ihrer eigenen Suche nach sich selbst als Schriftstellerin“.

Es war Lawrence, der sie zu der Überzeugung brachte, ein Schriftsteller brauche sich „hinter poetischen Umschreibungen und Anspielungen zu verstecken, um über Sex zu schreiben“. Mit seiner Art, Intellekt, Imagination und Körpergefühl zusammenzubringen, wurde er zu einem der ersten Schriftsteller der Moderne, die den Mut fanden, die Dinge beim Namen zu nennen. Denn die Gesellschaft befand sich nach Ende des ersten Weltkriegs in einem Wandel – und Lawrence war einer der ersten, die dies in seinen Büchern aufzeigte.

Ohne Zweifel war Lawrence für Nin eine Epiphanie, ein Erweckungserlebnis. Und ohne ihn wäre Anaïs Nin nicht zu der Klassikerin der erotischen Literatur geworden, als die sie heute gilt. Ich denke aber, dass Erica Jong sich darüber durchaus im Klaren war, als sie oben zitierten Satz über die explizit männliche Sichtweise von Lady Chatterley schrieb. Jong, eine typische Vertreterin der Women’s Lib der 70er Jahre, wollte mit ihrem autobiografischen, erotischen Romanen Mauern einreißen und den Blick schärfen für den Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Sichtweise.

Sie tat das, indem sie auf alles eindrosch, was sie an den alten Status Quo des Geschlechterkampfes erinnerte. Sigmund Freuds Fixierung auf den Wunsch der Frau nach dem stets erigierten Penis machte sie lächerlich und behauptete, es handle sich hier lediglich um eine Übertragung der eigenen Wünsche Freuds. Was sie aber nicht davon abhielt, ein paar Seiten weiter den stets erigierten Penis ihres Liebhabers Alessandro als Idealzustand zu lobpreisen.

Insofern ist fraglich, ob sich Erica Jongs weiblicher Blick so grundsätzlich von einem männlichen unterschied, wie sie in ihrem Buch so gern herausstellt. Andererseits wird spätestens mit „Angst vorm Fliegen“ deutlich, dass es in der Erotik zwei unterschiedliche Herangehensweisen gibt. Warum sollen wir es Männern überlassen, über unsere Gedanken zum Thema Sex zu schreiben? Warum sollten wir Frauen überhaupt solche Bücher von Männern lesen, die tun, als würden sie einen weiblichen Blickwinkel einnehmen?

Marc und ich haben viel über dieses Thema diskutiert und für uns beschlossen, dass Marc keine Erotik aus weiblicher Sicht mehr schreiben wird. Ebenso wenig werde ich versuchen zu beschreiben, was in den Männern vorgeht. Die Frage, ob es eine spezifisch weibliche und männliche Erotik gibt, wird uns sicher noch länger beschäftigen. Wir werden euch hier über den Stand unserer Diskussionen auf dem Laufenden halten.

Euch alles Liebe,
Sandra

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