Archiv der Kategorie: Erotik und Pornographie

Der Adult-Filter auf amazon.de

Das Problem Adult-Filter

Nach zwölf erotischen Geschichten aus unserer Feder hat der Amazon- Adult-Filter bei der neuen Story „Das Jagdschloss“ das erste Mal zugeschlagen. Porno-Alarm. Sprich: Eingeschränkte Anzeige bei den Suchergebnissen von Amazon. Sprich: Eingeschränkte Verkäufe. Kein Todesstoß, da sich der Filter bei der Suche ausstellen lässt, wenn man ihn kennt. Aber zumindest ein deutlicher Dämpfer, weil lange nicht jeder Amazon-Nutzer weiß, wie.

Dabei ist der Hinweis, eine Geschichte der Rubrik „Erotik“ sei nicht jugendfrei, eigentlich eine Tautologie. Denn sobald ich das Genre „Erotik“ beim Einstellen des Titels ins KDP-Programm anwähle, erscheint die Altersangabe „18+“ automatisch im Feld für das geeignete Lesealter. Diese Einstellung kann ich nicht  verändern.

Umso mehr irritiert es, dass innerhalb der Erotik die allermeisten Titel nicht vom sogenannten Adult-Filter betroffen sind. Wir selbst haben ja auch 11mal das Rating „Safe“ erhalten, bevor „Das Jagdschloss“ im Filter hängen blieb.

Gerade weil in der Kategorie „Erotik“ so viele Bücher angezeigt werden, kommen viele Leser des Genres gar nicht auf die Idee, nach gefilterten Texten zu suchen und den Adult-Filter zu deaktivieren. Was dazu führt, dass die im Filter hängengebliebenen Texte nicht angezeigt werden und folglich auch nicht gekauft werden können. Deswegen ist das Rating „Adult“ in der Regel mit etlichen finanziellen Einbußen verbunden.

Woran erkenne ich den Adult-Filter?

Wenn ein Buch in den Suchergebnissen von Amazon nicht angezeigt wird, ist das ein sehr schlechtes Zeichen. Ich bin eher zufällig darauf gestoßen, dass es mit meinem neuen Buch Probleme gibt. Nachdem ich gestern eine Mail von KDP erhielt, „Das Jagdschloss“ sei jetzt im Kindle-Shop verfügbar, wollte ich mir das Ergebnis heute morgen ansehen. Ich ging kurzerhand auf die Startseite von Amazon.de und habe im Suchfeld „manther jagdschloss“ eingegeben. Kein Resultat.

Also erweiterte ich meine Suche, indem ich das Wort „Jagdschloss“ strich und nur „Manther“ abfragte. Jetzt tauchten zumindest die Mehrzahl unserer bisherigen Veröffentlichungen auf. „Das Jagdschloss“ blieb verschwunden. Ein genauerer Blick auf die Suchergebnisse zeigte, dass laut Kopfzeile „Die beliebtesten Ergebnisse“ aufgelistet sein sollten. Als Alternative steht dort oben der Link „Alle Ergebnisse anzeigen“. Und erst, als ich diesen Alternativlink angeklickt habe, erschien dann auch „Das Jagdschloss“.

Offensichtlich ist dieses „Alle Ergebnisse anzeigen“ das deutsche Pendant zum amerikanischen „Your search contains adult items which have been hidden. If you wish to see them, click here“ – sprich: der Adult-Filter wird damit ausgeschaltet. Jedenfalls hatte ich, nachdem ich dies einmal angeklickt hatte, keine Probleme mehr damit, meine Story zu finden – egal wo und wie ich suchte. Da muss man aber erst einmal drauf kommen. Denn mit dem deutschen Satz wird fälschlich suggeriert, dass der neue Band einfach bei den Amazon-Kunden nicht beliebt ist, also ein Qualitätsproblem vorliegt.

Aaron Shepards Sales Ranks zeigt auch den Adult-FilterDie Wahrheit ist aber eine andere. Um gegenzuchecken, ob „Das Jagdschloss“ von Amazon mit den Bann „Adult“ belegt wurde, rief ich das Tool salesrankexpress.com von Aaron Shepard auf. Zwar werden für Kindle-Veröffentlichungen keine Verkaufsdaten angeboten. Dafür wird dort aber das Content Rating angezeigt. Und für „Das Jagdschloss“ prangt da rot und fett der Hinweis: „Adult“ statt des erstrebenswerten „Safe“. Wenn ich also noch einen Beweis gebraucht habe: Shepards Tool hat es mir geliefert.

Nun sind sich die über Foren relativ gut vernetzten Erotik-Autoren einig, dass Amazon sich nicht besonders um den Inhalt einer Story kümmert, solange der äußere Rahmen gewahrt bleibt. Somit sind es vor allem zwei Punkte, die als Auslöser für den Adult Filter infrage kommen: Das Cover und der Klappentext.

Auslöser für den Adult-Filter 1: Das Cover

Es gibt keine offzielle Liste jener Dinge, die auf einem Cover nicht zu sehen sein dürfen! Die Inhaltsrichtlinien, auf die Amazon in seiner Standardmail verweist, sind in diesem Zusammenhang hochgradig schwammig. Natürlich habe ich den KDP-Service angeschrieben und nachgefragt, wo das Problem liegt und ob ich etwas ändern kann, um diesen dummen Adult-Filter loszuwerden.

Gerade habe ich entdeckt, dass meine seit heute verfügbare Kurzgeschichte „Das Jagdschloss“ mit dem Adult-Rating versehen wurde und nur sehr zögerlich in den Suchergebnissen angezeigt wird.
Da ich nicht sicher bin, womit ich mir das Rating eingehandelt habe, wollte ich einfach einmal nachfragen:
Würde es helfen, auf dem Cover die Dame ein wenig tiefer zu positionieren, so dass der Ansatz ihres Pos nicht mehr zu sehen ist?
Oder liegt die Crux eher im blurb, in der Kurzbeschreibung des Inhalts? Falls dort bestimmte Reizworte auftauchen, die ich in Zukunft besser vermeiden sollte, würde ich mich ebenfalls über eine kurze Benachrichtigung freuen, damit ich den Fehler beheben und in Zukunft vermeiden kann.
In jedem Fall bin ich bemüht, die Gründe, die zum Adult-Rating geführt haben, in kürzester Zeit abzuschaffen, um das Buch dann erneut einzureichen.

Wie Amazons Antwort zeigt, ist meine Anfrage jedoch bereits im First-Level-Support des KDP hängengeblieben und nicht an die zuständigen Mitarbeiter der „Qualitätsabteilung“ weitergeleitet worden. Das Ergebnis war ein Baukasten-Brief, der auf keine der Fragen einging und lediglich bestätigte, was ich ohnehin schon wusste:

Wie unsere Qualitätsabteilung ermittelt hat, enthält ihr Buch „Das Jagdschloss“ nicht jugendfreie Inhalte. Bücher mit nicht jugendfreien Inhalten werden in unser allgemeinen Produktsuche nicht angezeigt, wie Sie warscheinlich schon gesehen haben. Sie werden jedoch in der Suche innerhalb der Kategorie Kindle angezeigt, sofern die Anzeige von nicht jugendfreien Inhalten aktiviert wurde.
Wir behalten uns das Recht vor, die Angemessenheit von Inhalten selbst zu beurteilen. Dies kann sich auf Coverbilder, Buchdetails (Metadaten) oder den Inhalt des Buchs beziehen.

Gerade der vorletzte Satz zeigt, wie schwammig die Sachlage oft ist. Da es keine Liste der Dinge gibt, an die man sich halten kann, ist das Spiel mit den Amazon-Zensurbehörden ein ewiges Trial and Error. Schlimmer noch: Was bei einem Autoren durchgeht, muss beim nächsten noch lange nicht klappen.

Im Netz schreiben Autoren immer mal wieder von ihren eignen Erfahrungen mit dem Filter. So sind zumindest einige Cover-Probleme mittlerweile bekannt. Ich beziehe mich im Folgenden auf eine Liste, die Selena Kitt in ihrem Blog zusammengestellt hat.

  • zu viel Haut
  • Brüste (auch von der Seite, schräg von hinten oder mit Händen bedeckt )
  • angedeuteter oder vollzogener Geschlechtsverkehr (auch wenn die Modelle nicht nackt sind)
  • intime Berührungen (auch wenn die Modelle angezogen sind)
  • leidende oder gar weinende Modelle
  • Handschellen und/oder Bondage
  • Schmutzige Wörter im Titel

Auslöser für den Adult-Filter 2: Der Klappentext

Sicherste Möglichkeit, um den Adult-Filter reingewürgt zu bekommen, ist sicher nach wie vor die „Warnung: Nur für Erwachsene“ oder ähnliches. Selbst, wenn es nicht als Werbegag gemeint ist, bleibt es kontraproduktiv.

Bestimmte Themen haben im Klappentext nichts zu suchen und sollten besser nur angedeutet werden, wenn ihr nicht vorhabt, den Adult-Filter auf den Plan zu rufen. Dazu gehören:

  • Sex mit Familienmitgliedern
  • Sex mit Minderjährigen
  • Jungfräulichkeit und Defloration
  • Stillen und Laktation
  • Dubcon – Sex, bei dem nicht klar ist, ob alle Beteiligten einverstanden sind
  • Vergewaltigung

Falls ich etwas Wichtiges vergessen habe, hinterlasst gern einen Kommentar unter diesem Post.

In ihrem Buch „The Six-Figure Erotica Author: How I Make Six Figures Self-Publishing Erotica“ hat Jade K. Scott ein System entwickelt, diese Begriffe kreativ zu umschiffen. Damit können Fans erkennen, worum es in einer Story geht, ohne dass der Adult-Filter gleich auf den Plan gerufen wird. So redet sie in ihren Klappentexten statt von „Daddy“ oder dem Stiefvater einfach vom „Mann des Hauses“. Offensichtlich springen die Amazon-Spider bei der Jagd nach möglichen filterwürdigen Texten auf diesen Ausdruck noch nicht an. Wer sich für diese Art des Slaloms interessiert, erhält in ihrem Buch einige brauchbare Ideen.

Das Problem bei solchen Umschreibungen liegt aber darin, dass die Leser erst einmal dechiffrieren müssen, was ihr damit meint. Es macht also Sinn, zunächst einmal bei thematisch ähnlich gelagerten Büchern zu schauen, wie dort das Thema im Klappentext beschrieben wird. Und dann – z.B. mit dem Salesrankexpress von Shepard – zu prüfen, ob dieser Ausdruck den Adult-Filter passiert hat.

Das ist zunächst einmal mühselig. Aber da ihr, solange ihr mit einem bestimmten Autorennamen arbeitet, ohnehin einem Subgenre treu bleiben solltet, muss die Arbeit nur einmal gemacht werden. Dann wisst ihr, mit welchen Ausdrücken ihr den Filter austrickst und euer Zielpublikum findet.

Was tun?

Da Amazon selbst keine Gründe für das Rating nennt, blieb mir nichts, als Cover und Klappentext zu überarbeiten, in der Hoffnung, damit alles all zu Anstößige aus den Bereichen zu löschen.

Hier das Cover in der Vorher – Nachher-Version:

Cover Marc Manther: Das Jagdschloss       Das neue Cover von Marc Manthers "Das Jagdschloss"

Ihr seht, der Po der jungen Dame ist jetzt züchtig bedeckt, wenn auch nur deswegen, weil ich den Bildausschnitt vergrößert habe.

Im zweiten Schritt habe ich den Klappentext von allen konkreten Hinweisen auf Sexpraktiken und Orgasmen gereinigt. Zwar gehe ich davon aus, dass dies die Kauflust des Zielpublikums ein klein wenig mindern wird. Aber durch diese  Konzession wird das Buch wieder in allen Suchergebnissen gelistet und nicht nur dann, wenn die Leser vorher den gut versteckten Suchfilter deaktivieren.

Anschließend habe ich eine E-Mail an kdp-support@amazon.de aufgesetzt:

Sehr geehrte Mitarbeiter im KDP,
Ich möchte Sie bitten, den Titel „Das Jagdschloss“ von Marc Manther (ASIN B01IDZYCEI) einer neuen Prüfung zu unterziehen. Ich habe das Coverbild entschärft und auch den Klappentext gesäubert. Daher hoffe ich, es gibt keinen Grund mehr für ein „Adult“-Rating, dass den Titel von der Suche auf der Startseite von Amazon ausschließt.
Ich würde mich freuen, wenn Sie den Titel mit „Not adult“ kennzeichneten.
Mit freundlichen Grüßen,
Marc Manther

Den Mail-Text habe ich mehr oder weniger von Selena übernommen. Die hat ihn für diesen Zweck freigegeben. Dementsprechend steht es euch frei, auch meine deutsche Version bei Bedarf zu nutzen.

Es hat übrigens keine 24 Stunden gedauert, dann hatte ich folgende Antwort von  kdp-publizieren@amazon.de in meinem Mailfach:

… Nach erneuter Überprüfung haben wir entschieden, die Beschränkungen für diese Bücher aufzuheben. Sie werden jetzt in der allgemeinen Produktsuche angezeigt. Dies kann bis zu 24 Stunden dauern.
Wir bedanken uns für Ihre Rückmeldung und entschuldigen uns für etwaige Unannehmlichkeiten, die durch diese kurzfristige Beschränkung verursacht worden sind.

An der Formulierung „für diese Bücher“ ist zu sehen, dass es für diesen Vorgang bereits Block-Bausteine bei Amazon gibt. Denn ich habe ja definitiv nur für ein Buch angefragt. Ich schließe daraus,  es kommt häufiger vor, dass Autoren gleich eine ganze Reihe von Titeln überarbeiten, um sie neu einzureichen. Sonst wäre im Mail-Setzkasten die Standardformulierung „für Ihr Buch“ abgespeichert worden.

Ihr seht: Es lohnt sich, bei einem Adult-Rating ein wenig Zeit zu investieren, um den Schaden abzuwenden.

Marc MantherAlles Liebe und viel Erfolg,
Marc

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Dirty Diaries Manifesto

Das Dirty diaries manifesto von Mia Engberg ist die Grundlage für zwölf explizite erotische KurzfilmeEs hat eine Weile gedauert, bis ich begriff, dass es neben der PorNo-Kampagne von Alice Schwarzer auch einen sexpositiven feministischen Ansatz der Pornografie gibt. Natürlich bin ich hellhörig geworden.

Wobei an dieser Stelle wahrscheinlich wieder eine Begriffsklärung nötig ist. Marc und ich gehen auf unserer Website davon aus, dass es sich bei Pornografie um aus dem emotionalen, psychologischen Kontext gerissene explizite Darstellungen von Sexualität um ihrer selbst willen handelt.

Dies gründet sich auf unseren Erfahrungen mit Pornografie: Darsteller/Innen wie auch Darstellung ist genormt; eine Rahmenhandlung, wenn überhaupt, dann nur in Alibifunktion vorhanden. Die Frauen sind dauerwillig, die Männer dauerhart. Übereinstimmungen mit der Realität sind rein zufällig und in keiner Weise beabsichtigt.

Umso spannender fanden wir das „Dirty Diaries Manifesto“ der Schwedin Mia Engberg, das sie 2009 als Grundlage für eine Reihe von ihr produzierter erotischen Kurzfilme nutzte, vergleichbar in seiner Radikalität ev. dem dänischen Dogma 95-Manifest. Interessant dabei ist, dass Engbergs feministische Pornosammlung vor allem durch das Schwedische Filminstitut finanziert, letztlich also staatlich gefördert wurde.

Dieses Manifest zeigt einen neuen, feministischen Zugang zur expliziten Darstellung von Sexualität. Mia Engberg formuliert hier aus, was für mich beim Schreiben des Erotischen Tagebuchs der Marion F. unausgesprochen als Idee im Hintergrund schwebte. Ich hoffe, Mia hat nichts dagegen, wenn ich dieses Manifest auf dieser Seite übersetze und so auch in Deutschland zu einer breiteren Öffentlichkeit verhelfe. Ich tue das deswegen, weil ich es für wegweisend halte (und verweise, weil jeder Künstler Geld zum Überleben und kreativen Arbeiten braucht, an dieser Stelle noch mal auf die DVD mit den 12 Kurzfilmen, Dirty Diaries (Region 2) [Schweden Import])

Das Dirty Diaries Manifesto in deutscher Übersetzung:

1. Schön wie wir sind

Zum Teufel mit den kranken Schönheitsidealen. Tiefer Selbsthass untergräbt die weiblicher Energie und Kreativität vieler Frauen. Diese Energie, die wir dafür nutzen könnten, unsere Sexualität und Kraft zu erforschen, wird in Diäten und Kosmetika abgeleitet. Lasst nicht zu, dass kommerzielle Kräfte eure Bedürfnisse und Wünsche kontrollieren.

2. Kämpfe für dein Recht, geil zu sein

Männliche Sexualität wird als Naturgewalt angesehen, die um jeden Preis befriedigt werden muss, während weibliche Sexualität nur dann akzeptiert wird, wenn sie mit den Bedürfnissen der Männer konform geht. Sei geil zu deinen eigenen Bedingungen.

3. Ein gutes Mädchen ist ein böses Mädchen

Wir wurden mit dem kulturellen Klischee großgezogen, dass sexuell aktive und unabhängige Frauen entweder verrückt oder lesbisch und deswegen verrückt sind.  Wir wollen Filme sehen und machen, in denen Betty Blue, Ophelia und Thelma & Louise am Ende nicht sterben müssen.

4. Zerschlagt Kapitalismus und Patriarchat

Die Pornoindustrie ist sexistisch, weil wir in einer patriarchalen kapitalistischen Gesellschaft leben. Sie schlägt Profit aus den Bedürfnissen der Menschen nach Sex und Erotik und Frauen werden in dem Prozess ausgebeutet. Um sexistischen Porno zu bekämpfen, musst du Kapitalismus und Patriarchat zerschlagen.

5. So anstößig, wie wir sein wollen

Genieße, übernimm die Führung oder lass dich gehen. Sage NEIN, wenn du willst, damit du Ja sagen kannst, wenn DU willst.

6. Legale und freie Abtreibung ist ein Menschenrecht!

Jeder hat das Recht auf Kontrolle über den eigenen Körper. Millionen Frauen jedes Jahr leiden an ungewollten Schwangerschaften und sterben durch illegale Abtreibungen. Schluss mit dem moralischen Recht, gegen Geburtenkontrolle und sexuelle Aufklärung zu predigen.

7. Kämpfe gegen den wirklichen Feind!

Durch Zensur kann Sexualität nicht liberalisiert werden. Es ist unmöglich, das Bild weiblicher Sexualität zu ändern, wenn sexuelle Bilder selbst tabuisiert werden. Greif keine Frauen an, die Sex zur Schau stellen. Greif Sexismus an, weil er versucht, unsere Sexualität zu kontrollieren.

8. Bleib schwul

Ein Großteil der Gegner von Erotik ist homophob und häufiger sogar transphob. Wir glauben nicht an den Kampf zwischen den Geschlechtern, wohl aber an den Kampf gegen die Geschlechter. Identifiziere dich mit jedem Geschlecht, das du willst und liebe, wen du willst. Sexualität ist vielseitig.

9. Benutze Kondome

„I’m not saying go out an‘ do it, but if you do, strap it up before you smack it up.“ (Missy Elliott)

Etwa: „Ich sage nicht: ‚Geh raus und tu es‘, aber wenn du es tust, streif dir was über, bevor du dir was einfängst.“

10. Do it yourself

Erotik ist gut und wir brauchen sie. Wir glauben wirklich, dass es möglich ist, eine Alternative zur Mainstream Porno Industrie zu erschaffen, indem wir die sexy Filme machen, die wir mögen.

 

Zum englischsprachigen Originaltext des Dirty Diaries Manifesto geht es hier.

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Henry Miller – Über das Schreiben

Was sagt Henry Miller über das Schreiben von erotischer Literatur? Er war ein Meister der Selbstinszenierung. Seine Romane geben sich autobiographisch, sind aber voll von Übertreibungen und erfundenen Episoden. Trotzdem blitzt der Autor auf jeder Seite durch, was nicht zuletzt an seinem Schreibstil liegt, der – wie er selbst einmal sagt – viel dem Stream of Consciousness der Surrealisten verdankt. Oder diesen vorwegnahm, wie er selbst behauptet. Ich habe mir einmal ein paar jener Textpassagen vorgenommen, in denen er sich mit dem Schreiben beschäftigt.

Der Ort zum Schreiben

In seinem Roman „Wendekreis des Steinbocks“ erzählt Henry Miller von einem Ungetüm an Tisch, den er aus der Schneiderwerkstatt seines Vaters gerettet und in seiner Wohnung in Brooklyn aufgestellt hat:

Was mich sicher verankert hielt, war der große Schreibtisch mit seinen vielen Schubfächern, den ich ins Wohnzimmer stellte … Alle Fächer und alle Schubladen  waren leer, nichts lag auf oder in dem Schreibtisch, nichts außer einem Blatt weißes Papier, auf das ich nicht einmal Männchen malen konnte.

(zitiert nach der Rowohlt TB-Ausgabe von 1980, S. 266f)

Dieses Monstrum mitten im Wohnzimmer, an dem bequem zwölf Stühle Platz fanden, sollte der Ort seiner literarischen Tätigkeit werden. So hatte er sich das gedacht. De facto war dieses symbolträchtige Relikt aus dem Fundus seines Vaters Zeuge einer großen Schreibblockade.

Nicht, dass Miller zu diesem Zeitpunkt nicht schon seine ersten Veröffentlichungen hinter sich gehabt hätte. Er redet hier von „Millionen Wörter, die ich vorher geschrieben habe, wohlgemerkt verständliche, wohlgeordnete, sauber gereihte Wörter“. Nur: Sie bedeuteten ihm nichts mehr. Schlimmer noch:

Alles, was ich bislang geschrieben hatte, gehörte ins Museum; das ist bei der Mehrzahl der Dinge, die heute geschrieben werden, der Fall, und darum zünden sie nicht, setzen sie nicht die Welt in Flammen.

(a. a. O., S. 268)

Der Stream of Consciousness

Miller sagt von sich, er habe bis jetzt mit dem Kopf geschrieben, sei aber zu dem Zeitpunkt von einem Flow weit entfernt gewesen. Diesen Flow habe er erst für sich entdeckt, als er bei einem Besuch in einem nahegelegenen Theater begriff, dass er sich in eingem geistigen Halbschlaf befand und mit dem Vorhang auf der Bühne sein Blick auf den lebendigen Menschen gerichtet wurde. Er verließ das Theater, um diese persönliche Epiphanie aufzuschreiben und geriet dabei in den oben bereits erwähnten Stream of Consciousness. Das heißt, er schaltete seinen Kopf aus und schrieb frei von der eigenen Zensur auf, woran er gerade dachte, inklusive aller Assoziationen, Abschweifungen und Bilder.

Durch das Ausschalten des inneren Zensors bekam er jenen Flow, nach der er die ganze Zeit gesucht hatte. Was nicht bedeutet, dass er druckreife Prosa produzierte. Im Gegenteil. Selbstkritisch merkt er an, dass kaum jemand verstand, worüber er schrieb und warum er so schrieb. Die Dadaisten waren zu jener Zeit in Amerika noch nicht bekannt und auch von den Surrealisten hörte er – nach eigenen Angaben – erst zehn Jahre später.

Aber, und das ist das Wesentliche, er spürte in seiner Schreibe endlich die lang ersehnte Ehrlichkeit, das Wesen der Menschen, ihren Nukleus, „die unzerstörbare Welt, die der Mensch immer in sich getragen hat“. Mal abgesehen davon, dass das Flow-Erlebnis beim Schreiben ungemein beglückend und befriedigend ist, zumal, wenn man gerade aus einer Schreibblockade kommt.

Was sagt das über das Schreiben?

Ich bin nicht sicher, ob Henry Miller sich mit dem Schreibtisch nicht selbst ein Bein gestellt hat. Gerade angesichts der Dominanz des Tisches in seinem Wohnzimmer lag ein ungemeiner Erwartungsdruck auf dem, was er zu Papier bringen würde. Ideale Voraussetzungen für eine Schreibblockade.

Ich weiß von einigen Autorenfreunden, dass sie ihre kreativsten Phasen in Cafés haben. Ihre linke, rationale Gehirnhälfte ist mit Äußerlichkeiten beschäftigt und steht als Zensor nicht zur Verfügung. Und auch Henry Miller schrieb in späteren Jahren, wo er sich auch gerade aufhalten mochte. Die Fixierung auf einen festen Schreibplatz scheint oft eher hinderlich als kreativitätsfördernd. Gerade in Zeiten von Laptops und Schreibtools für Smartphones scheint es auch völlig überflüssig, sich einen festen Arbeitsplatz zuzulegen.

Insofern: Wenn ich gerade selbst unter dem Virus des Writers Block leidet, versucht es einfach einmal. Schreibt, was euch gerade in den Sinn kommt. Folgt eurem Gedankenstrom und bringt ihn zu Papier. Werdet mutig und überlasst das Redigieren der zweiten Textfassung. Aussortieren könnt ihr immer noch. Aber es kommt mit Sicherheit mehr dabei heraus, als wenn ihr verzweifelt auf das leere weiße Blatt oder die leere Monitorseite starrt.

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D. H. Lawrence und die Erotik

Als ich mich gestern auf die Suche nach dem Erica Jong-Zitat über den Cunnilings machte, stieß ich über einen wunderbaren Satz von ihr, den ich euch nicht vorenthalten möchte:

Solange man zuückdenken kann, wurden Bücher mit Sperma geschrieben, nicht mit Menstruationsblut. Bis zu meinem 21. Lebensjahr maß ich meine Orgasmen an denen der Lady Chatterley und fragte mich, was wohl bei mir nicht stimme. Ist mir je der Gedanke gekommen, dass Lady Chatterley in Wirklichkeit ein Mann war? Dass sie in Wirkichkeit D. H. Lawrence war?

(Erica Jong: Angst vorm Fliegen)

Bis in die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde die erotische Literatur von Männern beherrscht. Sie erzählten aus ihrer Sicht und definierten so den Status Quo des geschlechtlichen Miteinanders. Und natürlich ist „Lady Chatterley“ ein Männerroman. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er sich weiter als je ein anderer Autor auf die Psyche seiner Protagonistin einließ.

Das mag weniger schriftstellerische Leistung Lawrences gewesen sein als Zeitgeist. Sigmund Freud hatte gerade erst die Psychoanalyse populär gemacht und in intellektuellen Kreisen war es einfach hip geworden, sich mit der Psyche zu beschäftigen. Kein Wunder, dass dies auch Eingang in die erotische Literatur fand.

Zu den Leuten, die Lawrence verschlangen, gehörte auch die damals in Louvecienne bei Paris lebende Anaïs Nin. Im Winter 29/30 entdeckte sie Lawrence für sich und verschlang innerhalb kürzester Zeit all seine Werke. Er wurde ihr Vorbild. Und so fasste sie den Entschluss, die Notizen, die sie sich beim Lesen gemacht hatte, zu einem Essay über Lawrence zusammenzufassen. Ihre Biografin Deirdre Bair meint, das Schreiben über Lawrence markiere „den tatsächlichen Beginn ihrer eigenen Suche nach sich selbst als Schriftstellerin“.

Es war Lawrence, der sie zu der Überzeugung brachte, ein Schriftsteller brauche sich „hinter poetischen Umschreibungen und Anspielungen zu verstecken, um über Sex zu schreiben“. Mit seiner Art, Intellekt, Imagination und Körpergefühl zusammenzubringen, wurde er zu einem der ersten Schriftsteller der Moderne, die den Mut fanden, die Dinge beim Namen zu nennen. Denn die Gesellschaft befand sich nach Ende des ersten Weltkriegs in einem Wandel – und Lawrence war einer der ersten, die dies in seinen Büchern aufzeigte.

Ohne Zweifel war Lawrence für Nin eine Epiphanie, ein Erweckungserlebnis. Und ohne ihn wäre Anaïs Nin nicht zu der Klassikerin der erotischen Literatur geworden, als die sie heute gilt. Ich denke aber, dass Erica Jong sich darüber durchaus im Klaren war, als sie oben zitierten Satz über die explizit männliche Sichtweise von Lady Chatterley schrieb. Jong, eine typische Vertreterin der Women’s Lib der 70er Jahre, wollte mit ihrem autobiografischen, erotischen Romanen Mauern einreißen und den Blick schärfen für den Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Sichtweise.

Sie tat das, indem sie auf alles eindrosch, was sie an den alten Status Quo des Geschlechterkampfes erinnerte. Sigmund Freuds Fixierung auf den Wunsch der Frau nach dem stets erigierten Penis machte sie lächerlich und behauptete, es handle sich hier lediglich um eine Übertragung der eigenen Wünsche Freuds. Was sie aber nicht davon abhielt, ein paar Seiten weiter den stets erigierten Penis ihres Liebhabers Alessandro als Idealzustand zu lobpreisen.

Insofern ist fraglich, ob sich Erica Jongs weiblicher Blick so grundsätzlich von einem männlichen unterschied, wie sie in ihrem Buch so gern herausstellt. Andererseits wird spätestens mit „Angst vorm Fliegen“ deutlich, dass es in der Erotik zwei unterschiedliche Herangehensweisen gibt. Warum sollen wir es Männern überlassen, über unsere Gedanken zum Thema Sex zu schreiben? Warum sollten wir Frauen überhaupt solche Bücher von Männern lesen, die tun, als würden sie einen weiblichen Blickwinkel einnehmen?

Marc und ich haben viel über dieses Thema diskutiert und für uns beschlossen, dass Marc keine Erotik aus weiblicher Sicht mehr schreiben wird. Ebenso wenig werde ich versuchen zu beschreiben, was in den Männern vorgeht. Die Frage, ob es eine spezifisch weibliche und männliche Erotik gibt, wird uns sicher noch länger beschäftigen. Wir werden euch hier über den Stand unserer Diskussionen auf dem Laufenden halten.

Euch alles Liebe,
Sandra

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Der Unterschied zwischen Erotik und Pornographie

Was ist der Unterschied zwischen Erotik und Pornographie? Ich denke an Reiner Kunze. In dem Band „Die wunderbaren Jahre“ erzählt er von der Aufruhr, die der Film „Die Legende von Paul und Paula“ seinerzeit in seiner Stadt ausgelöst hatte. Dem Film wurde der Vorwurf gemacht, es handle sich letztlich um Pornografie. Dabei war nackte Haut im DDR-Kino der 70er Jahre eigentlich nichts Besonderes.

Die Rezensenten bezogen ihre Kritik vor allem auf eine Liebesszene, in der Paula, gespielt von Angelica Domröse, ihrem Freund Paul (Winfried Glatzeder) ein Bett aus Blüten bereitet, und ihn – nach einem lukullischen Picknick auf eben diesem Bett – mit Salz und Pfeffer bestreut, bevor die beiden sich zärtlich umschlungen lieben. Die Szene ist vollgestopft mit symbolischen Zwischenschnitten. Unter anderem einem, in dem die weiblichen Vorfahren Paulas dieser, die nur mit einem Schleier bekleidet ist, den Stoff vom Leib zu reißen versuchen. Die Macher des Films ahnten wohl bereits, dass dies zum Porno-Vorwurf führen würde. Nicht umsonst lassen sie bei dieser Szene einen Zuschauer wütend ausrufen: „Das ist Pornografie!“ Woraufhin ein anderer lakonisch erwidert: „Dann schau doch weg.“

Reiner Kunze greift dies in seinem Prosaband „Die wunderbaren Jahre“ auf. Er erzählt darin von einem Dialog zwischen sich und einer Freundin:

„Der Film ist angeblich Pornografie. Wegen der Blumen im Bett, und weil sie ihm nackt den Kranz aufsetzt.. Die Lehrer platzen bald.“ […]
„Pornografie?“, sagte ich. „Weil eine Frau aus Freude auf den Mann, den sie liebt, einen halben Waggon Blumen aufs Bett kippt? Und weil sie ihn nicht im Wintermantel erwartet?“
„Also ist es kein Porno?“ Sie stellte die Gitarre zwischen ihre Knie und verschränkte die Arme vor dem Griffbrett.
„In der Pornografie kommen Menschen vor, weil die Geschlechtsteile Füße brauchen.“

Ich liebe diesen Satz: In der Pornografie kommen Menschen vor, weil die Geschlechtsteile Füße brauchen. Er hat sich mir eingeprägt, als ich ihn vor vielen Jahren das erste Mal las. Und er ist für mich auch heute noch das Entscheidungskriterium, ob etwas erotisch oder pornografisch ist: Geht es nur darum, Geschlechtsteile in Szene zu setzen, oder erfahre ich in einer Story etwas über die Menschen, die miteinander Sex haben?

Klar, es gibt auch pornografische Literatur. Aber in der Regel lebt jede Story vom Konflikt. Und das setzt voraus, dass verschiedene Menschen mit verschiedenen Wünschen und Bedürfnissen aufeinanderprallen. Dass sie ihre Sexualität bewusst erleben, also mit allen fünf Sinnen. Vielleicht bin ich ein bisschen blauäugig. Aber ich denke, der Versuch, rein pornografische Literatur zu schreiben, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Was dabei rauskäme, wäre eine langweilige Aneinanderreihung von Stellungen. Oder mit den Worten Raymond Chandlers: Das würde sich in etwa so spannend lesen wie ein Eisenbahnfahrplan.

Ich will mich hier gar nicht auf die Frage einlassen, wie viel Handlung eine erotische Geschichte braucht. Das hängt vom Genre und der Zielgruppe ab. Romance-Leser wollen sicherlich mehr Hintergrundinformationen über die Protagonisten haben als die Konsumenten von BDSM-Literatur. Das behauptet zumindest Jade K. Scott in ihrem Buch „The Six-Figure Erotica Author: How I Make Six Figures Self-Publishing Erotica„.

Für mich und meine Art zu schreiben ist jedoch entscheidend, dass ich von Menschen erzählen will. Das schließt explizite Szenen nicht aus. Im Gegenteil. Ich finde es verlogen, den eigentlichen Akt nur anzudeuten oder schwülstig zu umschreiben. Wir haben heute die Gelegenheit, relativ frei von Tugendwächtern von dem zu erzählen, was zwischen zwei Menschen passiert. Kann sein, dass der Wind in ein paar Jahren schon wieder aus einer anderen Richtung weht und neue Moralisten uns das Veröffentlichen verbieten. Aber solange es geht, sollten wir die Chance nutzen und auf ehrliche, sinnliche Weise über Sexualität schreiben.

Alles Liebe,
Sandra

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