Coverdetail: Sandra Manther - Blind Walk, unter Verwendung eines Fotos von Dmytro Vietrov

Sandra Manther: Blind Walk

 Sandra Manther - Blind WalkDer zweite Band der Gamma-Xi-Delta-Reihe ist jetzt fertig. Für diejenigen, die nicht wissen, worum es geht: In Hamburg-Harvestehude hat eine Sorority, eine amerikanische Verbindung junger Studentinnen, ihr erstes Chapter auf deutschem Boden gegründet. Die Studentinnen fallen nicht nur wegen der ungewöhnlichen Kleiderordnung auf dem Campus auf.

Mittwochs ist Gruppenabend. Jedes Mal steht ein anderes potentielles neues Mitglied von Gamma Xi Delta im Fokus.

Diesmal hat es Nathalie erwischt. Sie hat von klein auf gelernt, für sich selbst zu sorgen und sich auf niemanden zu verlassen. Deswegen fallen ihr die Vertrauensübungen, mit denen sie konfrontier wird, auch alles andere als leicht.

Danielle, die Präsidentin der Sorority, plant daraufhin für Nathalie eine besondere Herausforderung: Einen Blind Walk entlang der Alster, bekleidet nur mit einer Maske und einem Umhang, geführt von zwei der älteren Schwestern der Villa. Zunächst darf sie wenigstens noch ihre Jeans anbehalten. Doch nachdem sie mehrmals gegen die Spielregeln verstößt, werden ihr die Hände auf dem Rücken gefesselt und die Hose ausgezogen.

Als wäre das alles nicht peinlich genug, begegnen sie auch noch einem Kommilitonen von Nathalie …

Leseprobe:

Ich stehe mit verbundenen Augen im Chapters Room, dem großen Wohnzimmer unserer Villa. Meine nackten Füße spüren die Wärme der Fußbodenheizung. Gänsehaut überzieht meinen Körper – ein kalter Schauer der Erwartung, gepaart mit brennend heißen Wangen und Ohren. Heute hat es mich erwischt.

Danny hat die schwarze Kugel mit meinem Namen zog. Nathalie, das bin ich. Eine Architekturstudentin, die mit dem Fach kaum etwas anfangen kann. Die sich beworben hat, weil sie das Gleiche studieren wollte wie der Nachbarsjunge, den sie seit Jahren heimlich anschmachtet. Nur, dass Philipp einen Studienplatz in Berlin angenommen hat, während ich mich an der HafenCity Hamburg eingeschrieben habe. Ohne völligen Gesichtsverlust ist ein Wechsel des Studienorts nicht mehr machbar. Ich kenne hier keinen Menschen. Und komme mir völlig fehl am Platz vor.

Die Sorority ist mein Versuch, wenigstens ein paar Leute um mich zu haben, die wissen, wer ich bin. Die mir die Illusion geben, Teil einer Gruppe zu sein. Aber die älteren Schwestern lassen mich spüren, dass ich nur ein PNM, ein potentielles neues Mitglied bin. Eine Pledge. Wir haben ein Semester Zeit, uns in der Gemeinschaft zu bewähren. Wenn uns das gelingt, werden wir aufgenommen. Wenn nicht, arrivederci!

Zu den Ritualen dieser Schwesternschaft gehören die wöchentlichen Gruppenabende. Mit den Kugeln wird ausgelost, welche Pledge am Abend im Mittelpunkt steht. Danielle als Präsidentin der Sorority hat das Privileg, die Ziehung durchzuführen.

Als sie vorhin meinen Namen ausrief und den Zettel, den sie aus der Kugel gefischt hatte, für alle sichtbar hochhielt, zuckte ich zusammen. Denn die Schwestern sind großartig darin, uns mit Aufgaben zu konfrontieren, die uns unsere Grenzen spüren lassen. Insbesondere die Schamgrenzen.

Im Wertekanon von Gamma Xi Delta steht Vertrauen an erster Stelle. Noch vor dem Respekt gegenüber den älteren Schwestern. Deswegen gehören Vertrauensübungen zu den bevorzugten Aktivitäten an den gemeinsamen Mittwochabenden.

Nach Meinung von Danielle ist der deutlichste Vertrauensbeweis, sich so zu zeigen, wie man wirklich ist. Nämlich nackt. Schon bei der Vorstellung, dass ich gleich als einzige splitterfasernackt in einem Raum voller angekleideter Mitbewohnerinnen stehen werde, dreht mein Magen sich um.

Ich bin nicht schüchtern. An manchen Orten ist Nacktheit ein natürlicher Zustand, etwa in der Gemeinschaftsdusche nach dem Sport. Ich habe auch keine Probleme damit, mich umzuziehen, wenn eine andere Schwester im Raum ist.

Aber an diesen Gruppenabenden ist Nacktheit nichts Natürliches. Wir zeigen uns in unserer ganzen Verletzlichkeit wie vor einem Tribunal, das über uns urteilt. Und nicht selten werden die intimsten Details ans Licht gezerrt.

Mein Hals ist trocken und ich schlucke mehrmals, um überhaupt ein Wort herausbringen zu können. Ich weiß nicht, wohin mit den Händen und nestle an der Naht meiner Jeans herum.

Ich vermute, der Wunsch, Teil einer Gemeinschaft junger Frauen zu sein, hat mit der Sehnsucht nach Geborgenheit zu tun. Deswegen bin ich bereit, mich durch dieses halbe Jahr als PNM zu kämpfen und heute Abend durchs Feuer zu gehen.

„OK, Nathalie“, sagt Danny, und in ihrer Stimme klingt etwas Warmes mit, als sie ihren Text geschäftsmäßig abspult. „Wir werden jetzt prüfen, wie weit du dich auf die Gruppe einlässt. Wir werden Grenzen austesten, aber du hast jederzeit die Freiheit abzubrechen, sobald es dich überfordert.“

Schon jetzt bin ich von der Situation erdrückt, würde es aber nie zugeben. Es fällt mir nicht leicht, die Fäden aus der Hand zu geben. Und ich ahne, dass ich in den nächsten Stunden fast nichts in der Hand haben werde.

Der Samtschal um meine Augen ist so fest geknotet, dass er gegen die Pupillen drückt und ich weiße Lichtflecken sehe. Nur allmählich gewöhnen sich die Augen an den Druck. Und an die Dunkelheit.
Niemand spricht. Ich stehe verloren im Raum. Weiß nicht, wohin mit den Händen. In den Schläfen pocht das Blut. Ich will lässig wirken und verlagere mein Gewicht von einem Bein auf das andere. Das Tribunal soll die Angst nicht bemerken, die in mir hochkriecht. So versuche ich zu lächeln. Aber meine Mundwinkel zittern.

Ich möchte weglaufen. Ein Gefühl der Ohnmacht überkommt mich. Und der Scham, der grenzenlosen, das Blut in meine Wangen treibenden Scham.

Kaum wage ich zu atmen. Ich brauche nicht lange zu warten, bevor es beginnt. Der oberste Knopf meiner Jeans wird geöffnet, dann nacheinander die anderen Knöpfe. Ich spüre eine Hand gegen den Venushügel drücken. Je weiter die Knopfleiste aufgeht, desto tiefer wandern die Finger. Meine Schamlippen reagieren sofort auf die Berührung. Ich spüre die Wärme, mit der das Blut die Lippen anschwellen lässt. Es ist elektrisierend. Aber vor allem peinlich. Alle können mich sehen. Mich und meine Erregung.

Sie ziehen mir den Jeansstoff vom Po und streifen ihn von den Oberschenkeln. Jemand greift meine Wade. Ich hebe den Fuß, damit sie das Hosenbein abstreifen. Die Beine zittern. Hoffentlich knicke ich jetzt nicht ein, denke ich, während sie mich aus dem Stoff pellen. Die Knie drohen, jede Sekunde nachzugeben. Ich schäme mich, weil jetzt jeder meine kantigen Kniescheiben sehen kann. Weil die Waden zu dick sind. Und die Füße zu knochig.

Ich stecke jetzt nur noch in einem Bodysuit, einen roten Neckholder mit V-Ausschnitt und Tanga-Passform. Meine Nippel pochen und ich bin sicher, dass sie für jeden sichtbar durch den dünnen Jersey-Stoff drücken. Ich will meinen Arm schützend vor die Brust legen, halte aber in der Bewegung inne, weil ich weiß, Danielle würde sofort eingreifen. Sie mag es nicht, wenn wir unsere Intimzonen verstecken. Wir sollen uns in unserer ganzen Verletzlichkeit zeigen, sagt sie. So stehe ich hilflos im Raum, mit geschwollener Brust und aufgeworfenen Schamlippen, nur vom dünnen Stoff umschlossen.
Und schon spüre ich eine Hand in meinem Nacken. Sie löst die Schleife, die den Body hält. Ich senke den Kopf, damit die Schwester den Knoten vollständig öffnen kann.

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