Coverdetail: Der heiße Stuhl

Sandra Manther: Der heiße Stuhl

Cover: Der heiße StuhlEigentlich als Kurzgeschichte geplant. Aber schon der erste Band der neuen Reihe über die Studentinnen vom Jungfrauenthal entwickelte eine sonderbare Eigendynamik. Wahrscheinlich sind die Mitglieder der neuen Sorority so starke Persönlichkeiten, dass sie kräftig bei der Entwicklung der Geschichte mitmischten. Herausgekommen ist eine Novelle mit einer Länge von 65 Manuskriptseiten (etwa 16.500 Wörter), bisher mein längster Text. Ich merke, dass ich mich immer stärker dem Roman-Format annähere. Für alle, die gern längere New-Adult-Geschichten lesen.

Darum geht es:

In Hamburg-Harvesterhude hat eine Sorority, eine amerikanische Verbindung junger Studentinnen, ihr erstes Chapter auf deutschem Boden gegründet. Die Studentinnen fallen nicht nur wegen der ungewöhnlichen Kleiderordnung auf dem Campus auf.

Nina, potentielles neues Mitglied in der Harvesterhuder Sorority, wird während eines Gruppenabends auf Herz und Nieren geprüft. Kein Wunder, dass dabei ihre Vergangenheit hochspült.

Sie setzen sie nackt auf den „heißen Stuhl“. Jede Teilnehmerin bekommt einen Zettel, auf den sie schreiben soll, wie es ihr mit Nina geht. Und was sie gern mit ihr anstellen würden, wenn sie ihrer Fantasie freien Lauf lassen könnten. Aber den meisten ist nicht klar, dass einige dieser Fantasien noch am Abend umgesetzt werden sollen.

Leseprobe:

Wir sitzen auf dem Fußboden im Salon der alten Villa. Vierunddreißig Studentinnen der Uni Hamburg. Die Jüngste ist gerade mal 18 Jahre alt. Sie hat das verkürzte Abitur gemacht und, wenn die Gerüchte stimmen, sogar noch ein Schuljahr übersprungen. Jetzt studiert sie Medizin. Älter als Mitte 20 ist keine von uns. Durch die Bachelor-Studiengänge hat sich die Studienzeit drastisch reduziert.

Wir alle tragen die gleiche Kleidung. Sie ist unser Erkennungsmerkmal auf dem Campus: Torn Jeans und Bodysuit. Nur Danielle, unsere Präsidentin, konnte auf diese eigenwilligen Kleidervorschriften kommen. Sie stammt aus Louisiana und war schon dort Mitglied der Verbindung Gamma Xi Delta.

BHs sind ebenfalls verboten. Für diese No-bra-Philosophie gibt es unterschiedliche Begründungen, aber es würde hier zu weit führen, sie alle aufzuzählen. Einigen wir uns darauf, dass die meisten von uns es ohnehin angenehmer finden, nicht in diese unbequemen Dinger gezwängt zu werden. Wir trugen sie aus gesellschaftlichen Konventionen. Kaum einer von uns ist noch nie mit dem Spruch seiner Mutter aufgehalten worden: „So gehst du mir aber nicht aus dem Haus!“ – „Free the Nippel“ ist die Parole hier.

Auch Schuhe und Strümpfe sind zumindest in den Räumen der Villa nicht erlaubt. Wir sollen die Füße nicht vernachlässigen, uns regelmäßig um den Nagellack kümmern und um die Hornhaut. Wer seine Füße in Strümpfen versteckt, neigt leicht zur Schlamperei in solchen Dingen. So die offizielle Begründung. Zum Glück gibt im ganzen Haus Fußbodenheizung.

Hier in Hamburg sind wir die erste Sorority. Das erste Chapter. Danielle ist sozusagen unsere Gründerin. Sie wollte ursprünglich nur ein paar Semester in der Alten Welt studieren, um ihren Horizont zu erweitern. Aber ohne ihre Schwestern und ohne eigenes Haus wurde ihr schnell langweilig. Wer das Leben in einer Sorority gewohnt ist, mag diese Art des Zusammenlebens bald nicht mehr missen, erklärte sie uns einmal.

Und so hat sie lange mit ihrem Mutterhaus und einigen Alumni telefoniert, bis sie die Erlaubnis und das Geld hatte, eine Kolonie zu gründen. Sie hat die Villa in Harvesterhude gefunden, direkt an der Alster, und mit Unterstützung der Zentrale gekauft. Zur Zeit wohnen vierunddreißig Studentinnen hier, aber es gibt Platz für an die fünfzig. Keine Ahnung, wer hier früher gelebt hat, aber er hatte haufenweise Zimmer – und die entsprechenden Räume für das Dienstpersonal.

Der Campus der Universität liegt ganz in der Nähe, vielleicht zehn Minuten mit dem Rad.

Für die von euch, die sich mit griechischen Verbindungen nicht so auskennen: In Amerika organisieren sich viele junge Frauen in Sororities. Nach außen hin sind das Studentinnenwohnheime mit dem Anspruch auf enge Zusammengehörigkeit. Schwestern einer Sorority halten den Kontakt ein Leben lang. Die Älteren unterstützen die Neuen, sich am Campus einzuleben. Sie sind für uns da, wenn es Probleme gibt. Und nach dem Studium helfen wir uns beim Start in die Karriere und beim Networking.

Deswegen wird viel Wert auf Gruppenzusammenhalt gelegt. Zweimal in der Woche findet ein Gruppenabend statt, am Mittwoch und am Sonntag. Wir versammeln uns im großen Salon, dem Chapter Room. Vor dem Mittwoch haben wir Pledges, die potentiellen neuen Mitglieder, ein wenig Angst.

In einer Schale liegen schwarze Bälle, die aufgedreht werden können. In jedem Ball befindet sich der Name einer von uns. Danny zieht eine Kugel, öffnet sie, liest den Namen vor. Das Mädchen, deren Name so ausgelost wurde, steht an dem Abend im Spotlight.
Die gezogenen Kugeln kommen nicht wieder zurück, so dass im Laufe von zwei Monaten jede von uns Pledges einmal die fragwürdige Ehre hat, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. In der Regel gehört dazu auch eine peinliche Prüfung unserer körperlichen Verfassung.

Gamma Xi Delta lässt sich für die Kennenlernphase viel Zeit. Im März fanden die ersten Treffen statt und kurz vor Beginn des Sommersemesters erhielten sieben von uns die Einladung, als PNMs, also als potentielle neue Mitglieder, in die Villa zu ziehen. Wenn wir nicht vorher beschließen, selber zu gehen, können wir bis zum Semesterende hierbleiben. Dann werden die Aktiven entscheiden, wer von uns aufgenommen wird und wer das Haus verlässt.

Bis jetzt hatte ich das Glück, nicht im Mittelpunkt der Gruppensitzung zu stehen. Danielle geht zur Schale und mischt die Kugeln.

Die meisten von uns sitzen im Schneidersitz auf dem Fußboden, ein paar hocken im Fersensitz oder umschlingen ihre angezogenen Beine mit den Armen. Viele sind nicht mehr übrig, die ausgelöst werden könnten. Der erste Monat hier in der Villa ist bereits um. Verlegen fahre ich mit dem Finger über den Nagelrand meines großen Zehs. „Er müsste nachgefeilt werden“, denke ich. Und hoffe, dass ein anderer Name gezogen wird.

Die letzten Wochen waren schrecklich. Mein Freund Rick hat mit mir Schluss gemacht, kaum dass ich hier eingezogen war. Hat sich in eine Kommilitonin verliebt und erklärte mir, er habe nun endlich jemanden, mit dem er wirklich reden könne. Der Arsch. Als ob er mit mir nicht hätte reden können. Wie ich ihn kenne, braucht er sie vor allem zum Vögeln.

Verständlicherweise habe ich mich hier im Haus ein wenig zurückgezogen. Viel im Bett gelegen und geweint. Aus dem Fenster gestarrt und an die Vergangenheit gedacht. Ich gab mich wortkarg, weil ich keine Lust hatte, vor den anderen in Tränen auszubrechen. Aber ich weiß, dass solch ein Verhalten hier nicht gut ankommt.

Danny zieht eine Kugel und schraubt sie auf. Sie nimmt den Zettel heraus und hält ihn hoch, so dass alle ihn sehen können. „Nina“, lese ich. Ich schließe die Augen und sacke zusammen. Einen Moment setzt mein Verstand aus, ich taumle durch die schwarze Leere, dann komme ich wieder zu mir, stehe langsam auf und gehe in die Mitte des Raums, wo ein einsamer Stuhl steht. Ich setze mich, die Beine geschlossen, die Hände auf den Oberschenkeln abgelegt.

Danny lächelt.

„Wie geht es dir im Augenblick?“, fragt sie.
„Nervös“, antworte ich. Ein paar der Mädchen lachen.
„Und in den vergangenen Tagen? Du hast dich ziemlich rar gemacht.“
„Du weißt ja, dass Rick mich abserviert hat“, sage ich. „Mir ging es nicht so gut.“
„Ich glaube, es hätte geholfen, mit uns darüber zu reden.“
„Vielleicht. Ich wollte wohl niemandem zur Last fallen.“
„Nina, wir können nur füreinander da sein, wenn wir uns sehen, wie wir wirklich sind. Eine Sorority ist keine Schön-Wetter-Angelegenheit. Um uns zu unterstützen, müssen wir vollkommen ehrlich miteinander umgehen.“

Ich ahne, worauf das hinausläuft. Mein Puls rast und ich spüre, wie ich rot werde. Ich habe schon zu viele Mittwochabende hier verbracht, um das Folgende nicht kommen zu sehen.

„Wir wollen dich heute Abend erleben, wie du wirklich bist“, sagt Danny. „Sehen, was du empfindest.“

Ihr Gesicht ist ernst, ihre blauen Augen schauen direkt in meine. Ihr Blick dringt tief in meine Seele und ich fühle mich von ihm aufgespießt wie ein Schmetterling in einer Sammlung.

„Zieh dich aus“, sagt sie nach einer kleinen Pause.

Mein Herz setzt einen Schlag aus. Es hat keinen Sinn, ihr zu widersprechen. Sie ist die Präsidentin und nicht zu befolgen, was sie befiehlt, käme einer Revolution gleich. Gänsehaut überzieht meinen ganzen Körper. Die Vorstellung, einen Abend lang nackt von dreiunddreißig angezogenen Frauen begutachtet zu werden, macht mir Angst. Und ich weiß, dass dies nur der Anfang dessen ist, was heute auf mich zukommt.

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