Emma Watson und das Recht auf Weiblichkeit

Da zeigt sich eine bekennende Femistin auf der Titelseite einer Hochglanz-Zeitschrift leicht bekleidet, mit einem grobmaschigen Burberry-Bolero über den Schultern, darunter offensichtlich nackt. Ihre Brüste sind halb zu sehen.  Das ehemalige Teenie-Idol Emma Watson lässt sich für die März-Ausgabe der Vanity Fair als viktorianische Rebellin inszenieren.

Die Debatte und der Shitstorm, die nach Veröffentlichung dieses Bilds losbrechen, zeigen die Doppelmoral, mit der wir als Künstlerinnen derzeit zu kämpfen haben. Gerade dann, wenn wir mit erotischen Themen arbeiten und – wie Emma Watson – feministische Anliegen vertreten. Deswegen lohnt es sich, die Reaktionen nach dem Vanity Fair-Fotoshooting etwas genauer anzusehen.

Normalerweise wäre so ein Foto eines Hollywood-Jungstars nur eine Notiz, jedoch keine Debatte wert. Vor allem die Entdeckungen der Disney-Schmiede, von Lindsay Lohan über Miley Cyrus, Selena Gomez oder Ariana Grande, hatten alle ihre libertinäre Phase, in der sie sich von ihrem alten, verklemmten Image zu lösen versuchten.

Eine solche Entwicklung ist nicht neu. Schon Romy Schneider benutzte Ende der 60er Jahre freizügige Auftritte in Filmen, um sich von ihrem spießigen Kaiserin Sissy-Image zu lösen. In Filmen wie Derays „Der Swimmingpool“, Devilles „Das wilde Schaf“ oder Zulawskis „Nachtblende“ zeigte sie sich splitterfasernackt und verschreckte damit all jenige, die in ihr eine keusche Vorzeige-Romantikerin sehen wollten.

Emma Watson hat mit ihrer Rolle als Hermine Granger in acht Harry-Potter-Filmen ein ganz ähnliches Erbe zu tragen. Allerdings blieb sie in ihren Folgerollen – vielleicht mit Ausnahme von Coppolas „The Bling Ring“ – ihrem Image als braves Mädchen weitgehend treu.

Dafür outete sie sich als bekennende Feministin, die in diversen Interviews über ihre Ansichten spricht. Sie wird zur  UN-Sonderbotschafterin für Frauen- und Mädchenrechte und entwickelt in dieser Funktion die #HeForShe-Kampagne mit, die für die Gleichberechtigung der Geschlechter, die Stärkung der Frauenrechte und die Beendigung der Gewalt gegen Frauen und Mädchen kämpft.

Auf der Leserplattform GoodReads startet sie den feministischen Buchclub „Our Shared Shelf“. Jeden Monat soll ein neuer Titel zum Thema Gleichberechtigung vorgestellt werden. Den Anfang machte die Autobiografie der amerikanischen Aktivistin Gloria Steinem, „My Life on the Road“. Aktuell wird über Margaret Atwoods Roman „Der Report der Magd“ (The Handmaid’s Tale) diskutiert, eine bedrückende Dystopie über ein Amerika, in dem religiöse Fundamentalisten die Herrschaft übernommen haben und Frauen zu Gebärmaschinen degradiert werden.

Auf der Startseite des Buchclubs erklärt Emma Watson ihre Absicht hinter „Our Shared Shelf“:

„Als Teil meiner Arbeit mit der Uno habe ich so viele Bücher und Essays über Gleichberechtigung gelesen, wie ich kriegen konnte. Es gibt so viel fantastisches Zeug da draußen. Lustig, inspirierend, traurig, nachdenklich machend, stärkend. Ich habe so viel entdeckt, dass ich manchmal dachte, mein Kopf würde gleich explodieren … Ich beschloss, einen feministischen Buchclub zu gründen, um zu teilen, was ich lerne, und auch eure Gedanken zu hören.“

Nun zeigt sich Emma Watson also zum ersten Mal öffentlich wenig bekleidet. Für die März-Ausgabe der Vanity Fair lässt sie sich mit einer weißen Stola ablichten, die ihren Busen weitgehend freilässt. Tim Walker ist der Fotograf. Und das Foto spielt mit Emmas erotischer Ausstrahlung: ihr Mund geöffnet, die Lider leicht gesenkt, der Blick direkt auf die Kamera gerichtet.

Die englische Sun, Boulevardzeitung im Stil der Bild, bringt das Foto ganzseitig, schon ein paar Tage vor Erscheinen der Vanity Fair, unter dem Titel „Beauty & the breasts“ und erreicht damit eine Zielgruppe, die wahrscheinlich niemals ein anspruchsvolleres Hochglanzmagazin in die Hand nehmen würde – und die am Interview mit Emma Watson wenig Interesse hat. Der kurze Begleittext der Sun beginnt folgerichtig mit den Worten „DING-dong, Belle“.

Prompt bricht ein Shitstorm in den Social Media los. Die Journalistin und Radiomoderatorin Julia Hartley-Brewer ist eine der ersten, die ein Foto der Sun-Seite twittert und mit einem hämischen Kommentar versieht: „Emma Watson: ‚Feminismus, Feminismus … Ungleiche Bezahlung … Warum, oh warum werde ich bloß nicht ernst genommen … Feminismus … Oh, und hier sind meine Titten!‘“

Emma Watson kontert in einem Interview, das sie der Nachrichtenagentur Reuter anlässlich eines Promo-Termins zu „Beauty and the Beast“ gibt:

„Ich bin irritiert, wie viele Missverständnisse es darüber gibt, was Feminismus ist. Feminismus lässt den Frauen eine Wahl. Feminismus ist kein Stab, mit dem du andere Frauen niederknüppeln sollst. Es geht um Freiheit, es geht um Befreiung, es geht um Gleichberechtigung. Ich weiß wirklich nicht, was meine Brüste damit zu tun haben. Es ist sehr verwirrend.“

In diesem Interview fragt sie ihr Co-Star aus ‚Beauty and the Beast‚, Dan Stevens, irritiert, worum es bei dem ganzen Streit eigentlich gehe. Emma Watson sucht nach Worten und gemeinsam pointieren sie die absurde Idee hinter den Angriffen: „Die Leute sagen, ich könne nicht gleichzeitig Femistin sein und … Möpse haben.“

Sicher, zwei Jahre zuvor hatte sie dem Magazin Wonderland ein Interview gegeben, in dem sie sich nachdenklich über Beyoncés  visuelles Album „Beyoncé“ äußerte und dies auch in Beziehung zu deren Feminismus stellte: „Als ich die Videos sah, habe ich einen großen Widerspruch empfunden. Auf der einen Seite stellt sie sich in die Kategorie der Feministin, auf der anderen Seite zeigte die Kamera sie auf eine sehr männliche, sehr voyeuristische Weise“, wird sie zitiert.

Aber dieses Zitat gibt Emma Watsons Position stark verkürzt wieder. Die Medien lieben nun einmal den Hype und eine handfeste Schlammschlacht liest sich einfach besser als eine nachdenkliche, ausgewogene Stellungnahme, wie sie in dem Interview tatsächlich gegeben wurde. Nach Veröffentlichung der Vanity Fair-Fotos wurde der Zitatfetzen des zwei Jahre alten Interviews dazu benutzt, Emma Watson Scheinheiligkeit und Doppelmoral vorzuwerfen. Von Twitter bis Instagram brach ein Shitstorm los.

In Reaktion verbreitete Emma Watson via Twitter den originalen Text des gesamten Gesprächs. Darin wird ihre Bewunderung für Beyoncé deutlich, auch für ihre feministische Arbeit. Sie spricht von dem Mut, den Beyoncé hat, sich mit diesen Videos gegen den üblichen MTV-Sensationalismus zur Wehr zu setzen. Für sie sind diese Videos Zeichen eines sexuellen Empowerments. Beyoncé vermittle Watson mit den Videos das Gefühl: „Ich kann Feministin sein, ich kann eine Intellektuelle sein, kann all dies andere sein, aber ich kann auch mit meiner Weiblichkeit OK sein, damit, hübsch zu sein, mit all diesen Dingen, von denen ich dachte, sie würden meine Botschaft negieren, oder das, wofür ich stehe.“ Und Watson endet mit den Worten: „Das ist wirklich das Interessanteste an diesem Album. Es ist so integrativ und bringt Feminismus und Weiblichkeit und weibliches Empowerment in solch breitem Spektrum.“

Die Debatte um Emma Watsons Vanity-Fair-Fotoshooting zeigt, in welchem Spannungsfeld Erotik und Feminismus sich derzeit noch immer befinden. Das Konzept einer Selbstbestimmung über den eigenen Körper macht vielen Angst. Gerade konservative Kräfte hetzen gegen jeden Versuch einer weiblichen Autonomie, die auch das Recht auf das Zeigen des eigenen Körpers beinhaltet.

Was dieses Konzept der körperlichen Selbstbestimmung bedeutet, bringt die Gründerin und Herausgeberin des  feministischen Magazins „Ms.“, Gloria Steinem, auf den Punkt, als sie nach der aktuellen Kontroverse um Emma Watson gefragt wird: „Feministinnen können tragen, was immer sie verdammt noch mal wollen. Sie sollten nackt durch die Straßen laufen können und trotzdem sicher sein.“

Die Badische Zeitung versucht, Alice Schwarzer für die Kontroverse einzuspannen: „Feministinnen wollen nicht, dass Frauen als Püppchen abgestempelt, auf ihren Körper reduziert und systematisch unterschätzt werden. Aber sollte es so weit gehen, dass sie überhaupt nicht sexy sein dürfen? Die deutsche Frauenrechtlerin Alice Schwarzer hat eine klare Antwort auf diese Frage: Weibliche Erotik ist ihrer Meinung nach traditionell mit der Macht der Männer verbunden – und der Ohnmacht der Frauen.“

Alice Schwarzer aber reagiert prompt: „Früher gab es noch den Begriff ‚erotisch‘. Inzwischen wird alles nur noch ‚pornografisch‘ genannt und ist es das auch meistens. Aber was ist eigentlich der Unterschied zwischen erotisch und pornografisch? Das! Emmas Foto hat nichts mit einer (selbst)erniedrigenden Entblößung zu tun, aber alles mit einer selbstbewussten Inszenierung! Es sagt uns: Ich bin klug, ich bin emanzipiert – und ich bin sinnlich. Es ist das Gegenteil von Pornografie.“

Wie kommt Schwarzer überhaupt auf das Thema „Pornografie“? Das von der Badischen Zeitung – aus dem Zusammenhang gerissene – Zitat bezieht sich auf die aktuelle Anti-Porno-Bewegung. Deren Vorkämpferinnen wie Sheila Jeffries, Karen Boyle  oder Pamela Paul zeigen sich jedoch an Emma Watsons Vanity Fair-Shooting vollkomen uninteressiert.  Selbst Gail Dines, die sich auf Facebook noch amüsiert über Emma Watsons Versuche zeigte, ‚Beauty and the Beast‚ so etwas wie eine feministische Botschaft unterzujubeln, verlor kein Wort über die aktuellen Fotos.

Die Angriffe kamen also mitnichten aus der Ecke anti-pornografischer Feministinnen, auch wenn einige Medien dies so darstellten. Offensichtlich wurden die Fotos lediglich als Anlass genutzt, eine feministische Aktivistin mit ihrem Ansinnen zu diskreditieren. Dass dazu auch auf aus dem Zusammenhang gerissene Zitate zurückgegriffen wurde, entspricht den Mechanismen der Medien, nicht nur der Social Media.

Wir als Kunstschaffende können dem entgegenwirken, indem wir für eine möglichst breite Öffentlichkeit sorgen. Wir können Fakten verbreiten helfen und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die gerade im medialen Sperrfeuer konservativer Anfeindungen stehen. Nackte Brüste sind sicher nicht per se ein Symbol. Es gibt den voyeuristischen Blick, aber es gibt eben auch das Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Emma Watson hat es ausgeübt.

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