Coverdetail: Das Riesenrad von Marc Manther
© Foto: Joshua Resnick / Shutterstock.com

Das Riesenrad

Und wieder eine klassische Romance-Story mit beinahe klassischem Plot. Diesmal aus der Feder von Marc. Erhältlich seit 13.03.2016 als Kindle-eBook bei Amazon.

Darum geht es:

Ein Mann schlendert ziellos über den Hamburger Dom. Vor ihm eine Brünette, die ihn vom ersten Augenblick an in den Bann zieht. Aber er ist verheiratet. Wenn auch nicht glücklich. Ein moralisches Dilemma: Er kann diese Frau nicht ansehen, ohne an seine Ehe und deren langsamen Verfall zu denken.
Kurz verliert er seine neue Traumfrau aus den Augen. Und merkt, dass diese Begegnung die Weichen stellen wird für seine Zukunft. Umso entscheidender, sie in dem Gedränge des Volksfestes wiederzufinden.

Leseprobe:

Die Sommersonne schien mild auf Buden und Fahrattraktionen, der Donnerstagnachmittag glitt ereignislos vor sich hin und Stefan dachte an Ehebruch. Angezogen vom Riesenrad ließ er sich in der Menschenmenge treiben. Wie lange schon war er nicht mehr über den Hamburger Dom geschlendert …

Regina befand sich wahrscheinlich noch am Set. Irgendeine unbedeutende Fernsehproduktion stand auf dem Drehplan. Es störte ihn nicht, dass sie diese Rolle ohne Schwierigkeiten bekommen hatte, während er schon seit geraumer Zeit keine Produzenten mehr für seine Filmprojekte fand. Es störte ihn nicht einmal, dass dieser junge Maskenbildner wieder die ganze Zeit um sie herumtänzeln würde. Er war nicht eifersüchtig. Er war gierig nach Leben. Er sehnte sich nach einer erotischen Begegnung, nach neuen sexuellen Erfahrungen, kurz: nach einem Ausbrechen aus der Tristesse seines Ehealltags. Vierzehn Jahre waren eine verdammt lange Zeit.

Vor ihm in der Menge ging eine Brünette, die ihm gefiel. Das erste, das er an ihr bemerkte, war ihr langes Haar, das ihr bis über die Schulterblätter reichte und halbrund geschnitten war. Fast schien es, als spiegele sich das Sonnenlicht in ihm. Er kannte solche Frisuren, die nur funktionierten, wenn das Haar ständig gepflegt wurde, höchstens aus der Fernsehwerbung. Gab es solche Frauen tatsächlich?

Ihr Po. Nicht J. Lo., aber durchtrainiert. Er konnte mit diesen übergroßen Hinterteilen ohnehin nichts anfangen. Das Gesäß der Frau bildete eine deutliche Kurve, und er sah im Geist die nackte horizontale Falte, mit der sich der Hintern von den Oberschenkeln absetzte. Der Wurf ihrer Jeans verschaffte ihm eine Ahnung davon.
Es kam nicht oft vor, dass er einer Frau länger auf den Arsch starrte. So hätte er beim besten Willen nicht beschreiben können, wie Reginas Hinterteil aussah. Was vielleicht daran lag, dass sie keine engen Hosen trug. Oder wenn, dann jene Art Bundfaltenhosen, die den Hintern komplett kaschierten. Aber vielleicht war sein Desinteresse für den Körperbau seiner Frau auch nur das Ergebnis der langjährigen Gewöhnung. Die Zeiten, in denen er ihr fasziniert zusah, wie sie sich vor dem Zu-Bett-Gehen entkleidete, waren lange vorbei.

Ein bunter gestreifter Seidenschal wandt sich um den Hals der Brünetten. Ihre beige Bluse trug sie offen. Sie bewegte sich schnell und der Stoff bauschte bei jedem Schritt auf und wehte zur Seite. Sobald sie ihr Tempo verlangsamte oder stehenblieb, und sobald der dünne Stoff sich wieder an ihrer Taille schmiegte, konnte er sehen, dass sie zwar nicht dürr, aber doch schlank war. Dafür sprachen auch die Beine in den engen Jeans. Beine, die durch die Bleistiftabsätze ihrer Pumps in ihrer Länge noch einmal unterstrichen wurden.
Er überlegte, ob Regina je zur Pediküre ging. Wahrscheinlich musste sie das, allein für ihre Filmrollen. So wie sie ihre Zähne regelmäßig bleachen ließ. Es waren Dinge, die er längst als normal ansah. Wieso kam er jetzt darauf? Er merkte, dass sein Blick an den Füßen der Frau vor ihm hing. Glatte, leicht gebräunte Haut, keine Anzeichen von Druckstellen oder gar Hornhaut. Sie musste in diesen Schuhen fast auf Zehenspitzen laufen. Aber sie tat es elegant und selbstverständlich. Und er, er stellte sich vor, wie er dieser Frau am Abend die Schuhe ausziehen würde, vorsichtig, behutsam, wie er sie streicheln und mit Küssen bedecken, wie er seine Aufmerksamkeit auf jeden einzelnen ihrer Zehen lenken würde, wie er ihr nach einem anstrengenden Tag die Füße massierte, während sie gemeinsam auf der Couch säßen und sich irgendeine belanglose Sendung im Fernsehen ansähen.

Komisch, es ist immer die gleiche Art Frauen, die einen anzieht, dachte er. Er hätte nicht so früh heiraten dürfen. Mit zwanzig Jahren ist man einfach noch zu jung dafür.

Hatte die Frau ihn eben angesehen? Oder nur zufällig in seine Richtung? Er war sich nicht sicher. Um nicht negativ aufzufallen, wandt er sich von ihr ab und betrachtete die Auslagen des Zuckerwarenstands, vor dem er gerade stand. Waffeln hatte er als Kind gern gegessen. Genauso wie die gebrannten Mandeln. Sonderbarerweise hatte er es sich als Erwachsener abgewöhnt, solche Leckereien zu kaufen. Warum eigentlich? Wegen der unnötigen Kalorien? Gut, er war nicht schlank, hielt aber sein Normalgewicht ohne große Probleme. Vielleicht gerade deswegen, weil er auf solche Extravaganzen verzichtete.

Sein Blick blieb bei den Liebesäpfeln hängen. Als Kind hatte er nie verstanden, was es mit diesem Namen auf sich hatte. Im Konfirmandenunterricht hörte er von der Geschichte mit Eva und dem Apfel. Aber war das Liebe gewesen? Oder nicht eher die Sehnsucht nach dem Verbotenen? Inzwischen ahnte er, dass die Bedeutung des Ausdrucks „Liebesäpfel“ eine andere war: Eine dicke Schicht Zuckerguss machte aus dem normalen Obst etwas Besonderes. Genau wie bei der Liebe. Stendhal hatte diese Verzauberung „Kristallisation“ genannt. Er war versucht, zwei Äpfel zu kaufen und der Brünetten einen davon anzubieten. Warum nicht? Mehr als freundlich ablehnen oder ihn ignorieren konnte sie ihn nicht.

Er drehte sich um, sah sie jedoch nicht mehr. Schnell ließ er von seinem Vorhaben ab und machte sich stattdessen auf die Suche nach ihr. Inzwischen war es auf dem Heiligengeistfeld voller geworden. Eltern mit ihren Kindern, Gruppen von Teenagern, dazwischen junge Erwachsene aller Hautfarben. Es fiel ihm nicht leicht, zwischen all den Menschen den Überblick zurückzugewinnen.

Auf der Rampe der „Wilden Maus“ fand er schließlich einen brauchbaren Aussichtspunkt. Er spürte, wie sein Herz pochte und seine Kehle zuschnürte. Die Brünette war verschwunden.

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