New Adult – Ende der Zensur?

Wie kommt es, dass plötzlich ein völlig neues Genre für eine völlig neue Zielgruppe aus dem Nichts entsteht und Autoren reich werden, die mit ihren Produkten nicht einmal einen Verlag fanden? Vielleicht nicht einmal nach einem Verlag gesucht haben? New Adult ist ein spannendes Phänomen. New Adult ist – wie kaum ein anderes Genre – Kind seiner Zeit. Denn die Zensur-Richtlinien sind laxer denn je.

Ich will hier keine Geschichte der Zensur verfassen. Das haben andere Leute bereits sehr ausführlich getan und ich könnte hier nicht viel mehr tun, als mit eigenen Worten zu wiederholen. Was ebenso langweilig wie überflüssig ist. Ich verweise daher z.B. auf den Spiegel-Artikel „Zensur: Die freigesprochene Sexualität“ oder das Interview „Zensur in der Bundesrepublik“ auf literaturkritik.de.

Nie zuvor in der Geschichte war es so einfach, über Sexualität zu schreiben. War es zu Schlegels Zeiten schon ein Zeichen für den sittlichen Verfall, wenn seine Protagonistin Lucinde im Nachthemd beschrieben wurde und dabei eine Schulter entblößte, haben die Akteure des New Adult oft über Seiten hinweg hemmungslosen Sex. Und in vielen der Bücher dieses neuen Genres geht es um kaum etwas anderes als darum, den Traummann oder die Traumfrau zu erobern, um genau jenen Sex genießen zu können.

Tatsächlich ist oftmals New Adult nichts anderes als Romance für die Zielgruppe der 18-30jährigen. Allerdings ebenso häufig auf einem höheren Niveau. Zumindest in den Werken, die sich auf den vorderen Plätzen der Bestsellerlisten wiederfinden, haben die Protagonisten ihre Päckchen zu tragen. Da ist von sexuellem Missbrauch durch den Vater die Rede, von Party-Rape, von Misshandlungen, von lebensbedrohlichen Krankheiten. Wie definieren sich die jungen Erwachsenen? Wie finden sie ihren Weg in die Welt?

Sexualität ist heute aus diversen Gründen kein Aufreger mehr. Die Zensur-Behörden haben längst vor dem sexuellen Overflow in den Medien kapituliert. Titel, die früher auf den Index gekommen wären, werden seit einigen Jahren einfach durchgewunken. In Deutschland hat sich 2006 die Bild-Zeitung einen Spaß daraus gemacht, Titel, deren Indizierung gerade abgelaufen war, zu einer Bild Erotik-Bibliothek zusammenzustellen und diese Edition für kleines Geld dem Volk zur Verfügung zu stellen. Wer ein sichtbares Zeichen für den Wandel braucht, hat es hier gefunden.

Für die jungen Erwachsenen bedeutet dies, eines ihrer vielleicht wichtigsten Themen nun endlich ohne Tabus in den Romanen, die sie lesen, wiederzufinden. Es geht nichtunbedingt um die ersten Erfahrungen mit Sexualität, wohl aber darum, den richtigen Partner für sich zu finden, mit der Sexualität zu experimentieren und einen Weg für sich zu definieren. So behauptet Eva Illouz in ihrer Analyse „Die neue Liebesordnung: Frauen, Männer und Shades of Grey„, der Roman von E. L. James, der von vielen als Initial-Zündung für das Genre New Adult angesehen wird, sei deswegen so erfolgreich, weil viele Leserinnen ihn als Sex-Ratgeber benutzten, um ihr eigenes Erotikleben aufzupeppen.

Und sicherlich: Indem mit völlig neuer Ehrlichkeit Spielarten der Sexualität in der New Adult-Literatur beschrieben werden, bekommen die Leser und Leserinnen der Generatio 18+ Möglichkeiten an die Hand, ihre eigene Sexualität zu spiegeln, zu hinterfragen oder zu erweitern. Inzwischen darf über Sex sehr detailreich geschrieben werden, ohne die Zensur-Behörden auf den Plan zu rufen. Und offensichtlich füllt sich im Augenblick eine Nische, die bislang aus rechtlichen Gründen frei bleiben musste. Die neue Literatur trifft einen Nerv: Wir sind durch die Medien übersensibilisiert für die Sexualität, nur fehlte uns bislang ein Sprachrohr, ein Kanal, um der vermeindlichen Sexualisierung eine Realität gegenüberzustellen.

Womit ich gar nicht sagen will, dass alle Autor/innen des New Adult gleichermaßen verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen. Aber das scheint mir normal zu sein, gerade für die Anfangsjahre eines neuen Genres. Viele probieren sich aus, manche mit großer Ehrlichkeit, manche auch, weil sie einfach schnelles Geld machen – und eine Scheibe vom „Shades of Grey„-Hype abhaben – wollen. Die Tatsache, dass die Zensur-Behörden derzeit Sexualität nicht mehr unterdrücken, beschert den Autoren ein völlig offenes Feld.

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