Writer typing with retro writing machine. View from above
© Foto: Konstantin Kolosov / Shuttestock.com

Henry Miller – Über das Schreiben

Was sagt Henry Miller über das Schreiben von erotischer Literatur? Er war ein Meister der Selbstinszenierung. Seine Romane geben sich autobiographisch, sind aber voll von Übertreibungen und erfundenen Episoden. Trotzdem blitzt der Autor auf jeder Seite durch, was nicht zuletzt an seinem Schreibstil liegt, der – wie er selbst einmal sagt – viel dem Stream of Consciousness der Surrealisten verdankt. Oder diesen vorwegnahm, wie er selbst behauptet. Ich habe mir einmal ein paar jener Textpassagen vorgenommen, in denen er sich mit dem Schreiben beschäftigt.

Der Ort zum Schreiben

In seinem Roman „Wendekreis des Steinbocks“ erzählt Henry Miller von einem Ungetüm an Tisch, den er aus der Schneiderwerkstatt seines Vaters gerettet und in seiner Wohnung in Brooklyn aufgestellt hat:

Was mich sicher verankert hielt, war der große Schreibtisch mit seinen vielen Schubfächern, den ich ins Wohnzimmer stellte … Alle Fächer und alle Schubladen  waren leer, nichts lag auf oder in dem Schreibtisch, nichts außer einem Blatt weißes Papier, auf das ich nicht einmal Männchen malen konnte.

(zitiert nach der Rowohlt TB-Ausgabe von 1980, S. 266f)

Dieses Monstrum mitten im Wohnzimmer, an dem bequem zwölf Stühle Platz fanden, sollte der Ort seiner literarischen Tätigkeit werden. So hatte er sich das gedacht. De facto war dieses symbolträchtige Relikt aus dem Fundus seines Vaters Zeuge einer großen Schreibblockade.

Nicht, dass Miller zu diesem Zeitpunkt nicht schon seine ersten Veröffentlichungen hinter sich gehabt hätte. Er redet hier von „Millionen Wörter, die ich vorher geschrieben habe, wohlgemerkt verständliche, wohlgeordnete, sauber gereihte Wörter“. Nur: Sie bedeuteten ihm nichts mehr. Schlimmer noch:

Alles, was ich bislang geschrieben hatte, gehörte ins Museum; das ist bei der Mehrzahl der Dinge, die heute geschrieben werden, der Fall, und darum zünden sie nicht, setzen sie nicht die Welt in Flammen.

(a. a. O., S. 268)

Der Stream of Consciousness

Miller sagt von sich, er habe bis jetzt mit dem Kopf geschrieben, sei aber zu dem Zeitpunkt von einem Flow weit entfernt gewesen. Diesen Flow habe er erst für sich entdeckt, als er bei einem Besuch in einem nahegelegenen Theater begriff, dass er sich in eingem geistigen Halbschlaf befand und mit dem Vorhang auf der Bühne sein Blick auf den lebendigen Menschen gerichtet wurde. Er verließ das Theater, um diese persönliche Epiphanie aufzuschreiben und geriet dabei in den oben bereits erwähnten Stream of Consciousness. Das heißt, er schaltete seinen Kopf aus und schrieb frei von der eigenen Zensur auf, woran er gerade dachte, inklusive aller Assoziationen, Abschweifungen und Bilder.

Durch das Ausschalten des inneren Zensors bekam er jenen Flow, nach der er die ganze Zeit gesucht hatte. Was nicht bedeutet, dass er druckreife Prosa produzierte. Im Gegenteil. Selbstkritisch merkt er an, dass kaum jemand verstand, worüber er schrieb und warum er so schrieb. Die Dadaisten waren zu jener Zeit in Amerika noch nicht bekannt und auch von den Surrealisten hörte er – nach eigenen Angaben – erst zehn Jahre später.

Aber, und das ist das Wesentliche, er spürte in seiner Schreibe endlich die lang ersehnte Ehrlichkeit, das Wesen der Menschen, ihren Nukleus, „die unzerstörbare Welt, die der Mensch immer in sich getragen hat“. Mal abgesehen davon, dass das Flow-Erlebnis beim Schreiben ungemein beglückend und befriedigend ist, zumal, wenn man gerade aus einer Schreibblockade kommt.

Was sagt das über das Schreiben?

Ich bin nicht sicher, ob Henry Miller sich mit dem Schreibtisch nicht selbst ein Bein gestellt hat. Gerade angesichts der Dominanz des Tisches in seinem Wohnzimmer lag ein ungemeiner Erwartungsdruck auf dem, was er zu Papier bringen würde. Ideale Voraussetzungen für eine Schreibblockade.

Ich weiß von einigen Autorenfreunden, dass sie ihre kreativsten Phasen in Cafés haben. Ihre linke, rationale Gehirnhälfte ist mit Äußerlichkeiten beschäftigt und steht als Zensor nicht zur Verfügung. Und auch Henry Miller schrieb in späteren Jahren, wo er sich auch gerade aufhalten mochte. Die Fixierung auf einen festen Schreibplatz scheint oft eher hinderlich als kreativitätsfördernd. Gerade in Zeiten von Laptops und Schreibtools für Smartphones scheint es auch völlig überflüssig, sich einen festen Arbeitsplatz zuzulegen.

Insofern: Wenn ich gerade selbst unter dem Virus des Writers Block leidet, versucht es einfach einmal. Schreibt, was euch gerade in den Sinn kommt. Folgt eurem Gedankenstrom und bringt ihn zu Papier. Werdet mutig und überlasst das Redigieren der zweiten Textfassung. Aussortieren könnt ihr immer noch. Aber es kommt mit Sicherheit mehr dabei heraus, als wenn ihr verzweifelt auf das leere weiße Blatt oder die leere Monitorseite starrt.

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