Caught in the shower

Der Geschmack nach Seife

Unsere Zunge kann wenig mehr identifizieren als süß, sauer, salzig und bitter. Andererseits gibt es Weinconnaisseure, die über Geruch und Geschmack die Lage jedes guten Weins erkennen können. Geschmack hat als auch mit  Erfahrung und Vergleich zu tun. So erzählte mir Peter einmal, es sei völliger Unsinn, sich als Anfänger einen Wein für über hundert Euro zu kaufen. Die ungeübten Geschmacksnerven seien gar nicht in der Lage, den Unterschied zu einem deutlich billigeren Wein herauszuschmecken.

Ich denke an unsere Katzen Mandu und Tharsis , die ihren Futternapf nicht mehr anrühren, wenn ich ihn einmal gedankenlos mit Spülmittel ausgewaschen habe. Schon der Geruch schreckt sie ab. Und ich ahne, sie schmecken den Unterschied auch.

Einmal habe ich beim Abwasch die Flasche mit Spülmittel mit jener verwechselt, mit der Sandra gerade den Boden gewischt hatte. Da wir kurz vor unserem Umzug in die Elbvororte standen, herrschte überall ein gewisses Chaos. Und da beide Laugen nach Zitrone rochen, merkte ich den Fehler erst, als ich nach dem Abwasch alles wieder an seinen Platz zurückstellte. Und sich dort bereits eine Flasche befand.

Ich hatte den Vorfall bereits wieder vergessen, als wir mit unseren Umzugshelfern gemeinsam zu Abend aßen. Ralf, sonst nicht für Direktheit bekannt, verzog irritiert sein Gesicht. Was für Gewürze ich beim Kochen benutzt habe, wollte er wissen. Auf die Idee, Sandra könne das Essen versaut haben, kam er gar nicht. Tatsächlich schmeckte das Essen etwas seltsam. Ich brauchte ein wenig, um zu begreifen, dass der Grund die Teller waren.

Seit damals kann ich unsere Katzen verstehen. Für ihre sieben mal stärkeren Geruchsnerven muss ein mit Spülmittel abgewaschener Fressnapf ähnlich unappetitlich sein wie für mich der mit Bodenreiniger gespülte Teller. Zwar sind ihre Geschmacksnerven lange nicht so ausgeprägt wie bei uns. Sie verfügen gerade über 500 Geschmacksknospen – während wir circa 9000 von ihnen besitzen. Aber unser subjektives Geschmacksempfinden setzt sich nicht nur durch die Rezeptoren auf der Zunge zusammen, sondern entsteht in hohem Maß durch Aromen, die vom Geruchssinn wahrgenommen werden.

Warum komme ich in diesem Blog überhaupt auf Katzen und Spülmittel zu sprechen? Weil wir in einer immer steriler werdenden Zeit oft nur noch nach Seife schmecken, wenn wir miteinander ins Bett steigen. Für viele ist die Dusche vor dem Koitus selbstverständlich geworden. Aber was dabei herauskommt, ist, dass wir mit unseren Geschmacksknospen eben auch nur die Seife oder das Duschgel erleben. Kein Wunder, wenn das sinnliche Erlebnis oft sehr reduziert wird.

Wenn wir unsere Geschichten entwickeln, sollten wir das im Hinterkopf behalten. Die Dusche im Vorfeld nimmt uns eine Reihe von Möglichkeiten, ein rundherum sinnliches Erlebnis zu beschreiben. Sie reduziert nicht nur das Geschmackserlebnis auf „bitter„, sondern wirkt sich gleichzeitig auf den Geruch aus. Ich muss dabei an Woody Allen denken: „Glauben Sie auch, dass Sex schmutzig ist?“ – „Ja, aber nur, wenn er wirklich gut ist.“

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