D. H. Lawrence und die Erotik

Als ich mich gestern auf die Suche nach dem Erica Jong-Zitat über den Cunnilings machte, stieß ich über einen wunderbaren Satz von ihr, den ich euch nicht vorenthalten möchte:

Solange man zuückdenken kann, wurden Bücher mit Sperma geschrieben, nicht mit Menstruationsblut. Bis zu meinem 21. Lebensjahr maß ich meine Orgasmen an denen der Lady Chatterley und fragte mich, was wohl bei mir nicht stimme. Ist mir je der Gedanke gekommen, dass Lady Chatterley in Wirklichkeit ein Mann war? Dass sie in Wirkichkeit D. H. Lawrence war?

(Erica Jong: Angst vorm Fliegen)

Bis in die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde die erotische Literatur von Männern beherrscht. Sie erzählten aus ihrer Sicht und definierten so den Status Quo des geschlechtlichen Miteinanders. Und natürlich ist „Lady Chatterley“ ein Männerroman. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er sich weiter als je ein anderer Autor auf die Psyche seiner Protagonistin einließ.

Das mag weniger schriftstellerische Leistung Lawrences gewesen sein als Zeitgeist. Sigmund Freud hatte gerade erst die Psychoanalyse populär gemacht und in intellektuellen Kreisen war es einfach hip geworden, sich mit der Psyche zu beschäftigen. Kein Wunder, dass dies auch Eingang in die erotische Literatur fand.

Zu den Leuten, die Lawrence verschlangen, gehörte auch die damals in Louvecienne bei Paris lebende Anaïs Nin. Im Winter 29/30 entdeckte sie Lawrence für sich und verschlang innerhalb kürzester Zeit all seine Werke. Er wurde ihr Vorbild. Und so fasste sie den Entschluss, die Notizen, die sie sich beim Lesen gemacht hatte, zu einem Essay über Lawrence zusammenzufassen. Ihre Biografin Deirdre Bair meint, das Schreiben über Lawrence markiere „den tatsächlichen Beginn ihrer eigenen Suche nach sich selbst als Schriftstellerin“.

Es war Lawrence, der sie zu der Überzeugung brachte, ein Schriftsteller brauche sich „hinter poetischen Umschreibungen und Anspielungen zu verstecken, um über Sex zu schreiben“. Mit seiner Art, Intellekt, Imagination und Körpergefühl zusammenzubringen, wurde er zu einem der ersten Schriftsteller der Moderne, die den Mut fanden, die Dinge beim Namen zu nennen. Denn die Gesellschaft befand sich nach Ende des ersten Weltkriegs in einem Wandel – und Lawrence war einer der ersten, die dies in seinen Büchern aufzeigte.

Ohne Zweifel war Lawrence für Nin eine Epiphanie, ein Erweckungserlebnis. Und ohne ihn wäre Anaïs Nin nicht zu der Klassikerin der erotischen Literatur geworden, als die sie heute gilt. Ich denke aber, dass Erica Jong sich darüber durchaus im Klaren war, als sie oben zitierten Satz über die explizit männliche Sichtweise von Lady Chatterley schrieb. Jong, eine typische Vertreterin der Women’s Lib der 70er Jahre, wollte mit ihrem autobiografischen, erotischen Romanen Mauern einreißen und den Blick schärfen für den Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Sichtweise.

Sie tat das, indem sie auf alles eindrosch, was sie an den alten Status Quo des Geschlechterkampfes erinnerte. Sigmund Freuds Fixierung auf den Wunsch der Frau nach dem stets erigierten Penis machte sie lächerlich und behauptete, es handle sich hier lediglich um eine Übertragung der eigenen Wünsche Freuds. Was sie aber nicht davon abhielt, ein paar Seiten weiter den stets erigierten Penis ihres Liebhabers Alessandro als Idealzustand zu lobpreisen.

Insofern ist fraglich, ob sich Erica Jongs weiblicher Blick so grundsätzlich von einem männlichen unterschied, wie sie in ihrem Buch so gern herausstellt. Andererseits wird spätestens mit „Angst vorm Fliegen“ deutlich, dass es in der Erotik zwei unterschiedliche Herangehensweisen gibt. Warum sollen wir es Männern überlassen, über unsere Gedanken zum Thema Sex zu schreiben? Warum sollten wir Frauen überhaupt solche Bücher von Männern lesen, die tun, als würden sie einen weiblichen Blickwinkel einnehmen?

Marc und ich haben viel über dieses Thema diskutiert und für uns beschlossen, dass Marc keine Erotik aus weiblicher Sicht mehr schreiben wird. Ebenso wenig werde ich versuchen zu beschreiben, was in den Männern vorgeht. Die Frage, ob es eine spezifisch weibliche und männliche Erotik gibt, wird uns sicher noch länger beschäftigen. Wir werden euch hier über den Stand unserer Diskussionen auf dem Laufenden halten.

Euch alles Liebe,
Sandra

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