Augen und Emotionen

Ich hatte neulich im Zusammenhang mit NLP ja bereits über einige Dinge geschrieben, die mit der Blickrichtung und der Größe der Pupillen zusammenhängen. Aber da ich in der letzten Zeit immer wieder auf Beschreibungen der Augen gestoßen bin, deren einziges Ziel es war, die Emotionen der Protagonisten herauszustellen, will ich hier noch mal ein wenig weitermachen.

Augen rollen

Sie rollte mit den Augen, bevor sie sich zu ihm umdrehte und die Zähne zu etwas bleckte, das nicht als Lächeln durchging.

(Marvin Entholt: Friesisch Roulette)

Wahrscheinlich der eindeutigste Fall emotionaler Zuordnung im Bereich Augen, daher schon fast ein Klischee. Die Protagonistin ist genervt und macht sich keine Mühe, dies zu verbergen. Im Gegenteil: Sie will, dass ihr Gegenüber mitbekommt, wie wenig sie von der Situation oder dem gerade stattfindenden Gespräch hält.

Augen aufreißen

Fünf Minuten später riss sie plötzlich die Augen auf und drehte den Mund von seinem Handgelenk.

(Erin McCarthy: Ein Vampir zum Anbeißen)

Hier sind zumindest zwei Emotionen denkbar, die sich aus den Augen ablesen lassen: Erstaunen oder erschrecken. Daher sollte aus der beschriebenen Gesamtsituation heraus kar werden, was mit den aufgerissenen Augen emotional gemeint ist. Hilfreich wäre es auch, noch weitere körperliche Symptome zu zeigen. Wenn die Protagonistin erbleicht, wäre dies z.B. ein gutes Zeichen dafür, dass sie nicht erstaunt, sondern erschrocken ist.

Augen zusammenkneifen

Ihre Stimme wurde leiser, während sie ihn anschaute, dann reckte auch sie das Kinn, kniff die Augen zusammen und fragte scharf: »Wovon, zum Teufel, redest du?«

(Stephanie Laurens: Geheimauftrag: Liebe)

 Zusammengekniffe Augen können alles mögliche bedeuten: Skepsis, Ablehnung, Wut, Dominanz. Stephanie hat das im Zitat oben ganz gut dadurch gelöst, dass sie gleich mehrere körperliche  Hinweise in einen Satz gepackt hat. Durch den daraus entstehenden Gesamteindruck wird schnell klar, ihre Protagonistin ist sauer. Und das, ohne die Emotion selbst benennen zu müssen. Klassisches „Show, don’t tell“.

Blick von oben herab

Er wirkte elegant und weltmännisch und schaute die Leute von oben herab an.

(Jean G. Goodhind: In Schönheit sterben)

Auch ein Klassiker: Der Blick von oben herab. Kann gleichermaßen Ablehnung oder Überheblichkeit bedeuten. Auch Jean bedient sich hier weiterer Attribute, um klar zu machen, dass dieser Blick bei ihrem Protagonisten eine Attitude ist.

Blick von unten herauf

Der Mann schwieg. Und blickte ihn bloß schicksalsergeben von unten herauf an, Hufeland überragte ihn um mindestens zwei Köpfe. Die Schafshaltung, dachte Hufeland. Er kannte diese stumm abwartende Taktik aus unzähligen Verhören.

(Herbert Beckmann: Hühnerhölle)

Eine von verschiedenen  emotionalen Bedeutungen des Blicks von unten herauf: Hilflosigkeit, wenn auch oft bewusst eingesetzt, und dann weniger hilflos, als es aussehen soll. Aus irgendwelchen Gründen gilt der Blick mit gesenktem Kopf auch als sexy. Vielleicht, weil er den Jagdtrieb der Männer anstachelt. Oder den Beschützerinstinkt. Oder beides.

In einem anderen Zusammenhang kann er auf Nachdenklichkeit hindeuten, eine Mischung aus In-sich-gekehrt aufgrund des gesenkten Kopfes und Blick nach oben zum Gegenüber, den Blickkontakt suchend.

Blick nach unten

Zoe blickte zu Boden und schüttelte langsam den Kopf, als wäre es ihr unangenehm.

(Paul Beldt: Wollmann widersetzt sich)

 Wieder mehrere Möglichkeiten, wie so oft. Der Blick zum Boden kann einfach auf Unsicherheit hindeuten. Oder, wie im Beispiel, auf Ablehnung. Immer gut, die beabsichtigte Wirkung durch weitere Körpersprache deutlich zu machen. So wie bei Paul im Beispiel.

Blickkontakt vermeiden

Maik hätte Fabian am liebsten augenblicklich an den Brustwarzen geknabbert. Doch er beherrschte sich, schluckte und vermied jeden Blickkontakt.

(Marc Förster: Turbulenzen nach dem Checkout)

Wieder eine reiche Palette von Möglichkeiten. Die Person kann entweder schüchtern sein, unsicher oder sogar verliebt. Dummerweise auch das genaue Gegenteil: nämlich komplett desinteressiert an ihrem Gegenüber, und dies sehr demonstrativ zeigend. Vielleicht steckt hinter dem Blicke-vermeiden sogar die Absicht, das Gegenüber nicht in Verlegenheit zu bringen. Oder es nicht zu aggressiven Reaktionen zu provozieren. Denn je nach Kontext kann der direkte Augenkontakt auch eine Kampfansage sein. Oder zumindest eine Aufforderung, eine Einverständniserklärung zur Kontaktaufnahme. Daher ist das Blicke-vermeiden inzwischen ziemlich verbreitet.  Eine moderne Variante davon ist die Sonnenbrille, die den direkten Blickkontakt unmöglich macht.

Kurzer Blickkontakt

Sie sah Claire kurz an, richtete ihren faszinierten Blick dann aber ruckartig wieder auf das Baby, als erwartete sie, dass es – Brianna sah, dass es ein Junge war – genauso plötzlich verschwand, wie es gekommen war.

(Diana Gabaldon: Ein Hauch von Schnee und Asche)

Wieder ist weitgehend von der Situation abhängig, welche Emotionen mit dem kurzen Augenkontakt verbunden sind. In meiner Datenbank befinden sich viele Beispiele, in denen der kurze Blick zwischen Menschen, die sich kennen, für ein Abchecken steht: „Denkst du das Gleiche wie ich?“.

Genauso kann dies aber auch ein Zeichen für geringes Interesse. Jemand sagt etwas, der oder die andere sieht ihn kurz an, dann wieder hin zum eigentlichen Ziel der Aufmerksamkeit.

Aber vielleicht ist die Person, die ihre Augen maximal für einen kurzen Blickkontakt hebt, auch einfach schüchtern und unsicher sein. Mir fällt sofort die Tochter einer Freundin ein. Liebes Mädchen, aber ein längerer Blickkontakt ist fast unmöglich.

Langer Blickkontakt

Maria erinnerte sich, wie der alte Pfarrherr ihre Hand in seine Hände genommen und ihr lange, lange in die Augen geschaut hatte, ohne etwas zu sagen.

(Eeva-Kaarina Aronen: Die Lachsfischerin)

Die Augen sind ein Tor zur Seele, heißt es. Und Experimente zeigen: Wer bei einer Unterhaltung bewusst den Augenkontakt sucht und den Blick hält, wird oft intensivere und tiefere Gespräche führen als derjenige, dessen Blick schnell wieder abschweift. Der Blick des Pfarrherren in Eeva-Kaarinas Beispiel ist so ein Blick in die Seele. Offen, direkt, tief.

Nicht umsonst sind es in erotischen Begegnungen oft die langen Blicke in die Augen des Gegenübers, die die Situation zum Kochen bringen. Zwei Menschen geben sich ganz, weichen nicht aus, öffnen sich füreinander.

Interessanterweise reizt dieser lange Blickkontakt aber auch zu Aggressionen. Auf der Straße wird es brenzlig, wenn zwei Männer sich länger als zwei Sekunden in die Augen schauen. Dann checken sie ab: Wer ist der Stärkere? Wer wendet seinen Blick zuerst wieder ab? Dominanz-Spiele sind angesagt.

Und zwischen Männern und Frauen? Wieder gilt die Zwei-Sekunden-Regel. Wer nach dieser Zeit nicht wegschaut, gibt Interesse kund und bereitet Bahn für eine Kontaktaufnahme. Oder sollte sich zumindest nicht wundern, wenn ein Kontaktversuch stattfindet. Zwei Sekunden, weil dies der Reaktionszeitraum des Gehirns ist. Jeder Blick, der länger dauert, dringt ins Bewusstsein und wird von den meisten Menschen als absichtlich interpretiert.

Hochgezogene Augenbrauen

Leona hatte Linda zunächst samt Katzenklo und Futterschüssel mit in den Verlag genommen, was hochgezogene Augenbrauen und indigniertes Stirnrunzeln bei ihrem Chef hervorgerufen hatte.

(Charlotte Link: Der Verehrer)

Da wir gerade beim Thema Augen und Emotionen sind, gehören die Augenbrauen dazu. Wieder gibt es eine breite Palette von Situationen, in denen diese auftauchen können. Und wieder legt erst der Kontext nahe, wie sie zu deuten sind.

Vielleicht ist der Blick lediglich fragend oder erstaunt. Vielleicht steckt dahinter aber auch eine Portion Unverständnis oder zumindest Zweifel.

Zusammengekniffene Augenbrauen

Im Scheinwerferlicht eines vorbeifahrenden Autos erhaschte er einen Blick auf das Gesicht des Mädchens, auf ihre entsetzt und besorgt zusammengekniffenen Augenbrauen.

(Adi Alsaid: Let’s get lost)

Wahrscheinlich spiegelt sich Entsetzen eher in aufgerissenen Augen als in zusammengekniffenen Augenbrauen. Letztere stehen eher für die konkrete Sorge des Mädchens im Beispiel von Adi. In diesem Beispiel wird relativ offensichtlich, was Adi macht: Er definiert eine mehrdeutige Mimik dadurch, dass er ihr zwei Adjektive zur Seite stellt. Das macht insofern Sinn, weil die sichtbare Reaktion des Mädchens eben nicht unmittelbar auf ihre tatsächlichen Gefühle schließen lässt, sondern zumindest zum Teil auf etwas sehr Banales, nämlich die entgegenkommenden Scheinwerfer, zurückzuführen ist.

Generell sind zusammengekniffene Augen ein Zeichen für Ablehnung: Ärger, Wut oder zumindest eine gesunde Portion Skepsis über eine Situation oder Person und das, was von ihr ausgeht. Wir kneifen die Augenbrauen zusammen, wenn uns etwas nicht gefällt. Vielleicht müssen wir über die Situation oder das Problem auch erst einmal nachdenken. Auf jeden Fall stehen wir in Distanz.

Augen und Emotionen

Generell ist es immer besser, den Leser selbst seine Schlüsse ziehen zu lassen und nicht durch Adjektive und Adverbien zu viel im Text vorzukauen. Da gerade die Mimik oft mehrdeutig ist, hilft es, andere Körpersprache hinzuzunehmen, wie es zum Beispiel Stephanie Laurens oben mit ihrem Beispiel gemacht hat. Der Leser kann sehen, wie die Protagonistin mit ihrem ganzen Körper reagiert.

Wer sich bei der Beschreibung auf die Mimik beschränkt, will meist nur kleine Zeichen geben. Und sollte es dann auch dabei belassen, dass der Leser aus der Gesamtsituation schließen muss, was in dem Protagonisten vorgeht.

Emotionale Attribute sind nur ein Notbehelf, zumal sie häufig aus dem POV (dem Point of View, der Erzählperspektive) ausbrechen. Sie machen eigentlich nur dann Sinn, wenn die Erzählstimme von ihrem Innenleben berichtet. Dann aber spielt ihre Mimik ohnehin keine Rolle.

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